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Ski alpin:Heiligtümer reichen nicht

Der Natur ganz nah: Der Italiener Dominik Paris am berühmten Hundschopf-Sprung in Wengen.

(Foto: Alessandro Trovati/AP)

Die Weltcup-Rennen am Lauberhorn stehen auf der Kippe. Weil das Dorf Wengen mit dem Schweizer Verband um Geld streitet, hat der das Ereignis aus dem vorläufigen Kalender für 2021/22 streichen lassen.

Wer jemals die Gelegenheit hatte, ein alpines Ski-Wochenende in Wengen zu besuchen, der ahnte früh, was ihn ungefähr erwartete in diesem 1300 Einwohner starken, autobefreiten Dorf im Berner Oberland. Hinauf kommt man nämlich nur mit einer kleinen Zahnradbahn, in die auch die Weltcup-Teams ihre Ausrüstung hineinstopfen, Skier, Taschen, Stangen, Laufräder. Dann knarzt die Bahn den Berg hinauf, hinein in eine andere Welt, in der sich vor den Schweizer Nationalheiligtümern Eiger, Mönch und Jungfrau eine viereinhalb Kilometer lange Abfahrtspiste durch die Natur schlängelt. Viele Weltcuppisten wurden mit dem Bagger gemacht, sagte der langjährige Mitorganisator Fredy Fuchs einmal im Gespräch, aber die Lauberhornabfahrt, die habe der Herrgott erschaffen. Und auch wenn Fuchs es nicht sagte, spürte man, was er im Nachgang dachte: An so etwas rüttelt man nicht.

Wengen war immer etwas anders als andere Traditionsstandorte in den Alpen, darauf legen die Ureinwohner viel Wert. Sie sind stolz und ja, auch stur, aber hatte ihnen das jemals geschadet? Ihr Dorf hatte ja auch so ein Rennen mit 90-jähriger Historie geprägt, große Sieger geboren und sogar Leben ausgelöscht, wie jenes von Gernot Reinstadler vor knapp 30 Jahren. Doch jetzt könnten sich die Wengener in ihrem Traditionsbewusstsein tatsächlich schwer verheddert haben: Der Schweizer Skiverband hat das Lauberhorn-Wochenende beim Ski-Weltverband Fis aus dem vorläufigen Wettkampfkalender 2021/22 streichen lassen - als würde die Tour de France den Kehren-Klassiker nach Alpe d'Huez auf ewig aus dem Programm kippen.

Es ist ein recht helvetischer Konflikt, der da brodelt, im Kern geht es aber weniger um herrgöttliche als um weltliche Dinge. Wengen bezieht als Veranstalter knapp 2,4 Millionen Euro vom Schweizer Skiverband, der das Rennen offiziell ausrichtet. Insgesamt türmt sich das Budget auf 8,1 Millionen Euro. Trotzdem klafft immer mal wieder ein Minus in der Jahresbilanz, wie in Adelboden, dem anderen Traditionsstandort im Berner Oberland. Mal sind es gestiegene Sicherheitskosten, mal Umbauten rund um die Strecke, mal verweigert der Kanton Bern weitere Zuschüsse.

Die Wengener Veranstalter forderten also mehr Geld von ihrem Skiverband, laut Schweizer Medien eine Millionen Franken pro Jahr. Der Verband fand, dass die Wengener diese Mittel leicht selbst eintreiben könnten - indem sie etwa einen Sponsorenbogen über den Hundschopf spannten, jenem ikonischen Sprung, bei dem die Fahrer knapp an einem Felsen vorbeirauschen. An anderen Orten gehört das längst zur Standardausrüstung des Kommerzsports, im traditionsbewussten Wengen ist das aber so eine Sache - Eiger, Mönch und Jungfrau waren stets ihre spektakulärste Bannerwerbung. Die Wengener zogen also 2018 lieber vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas, um das zusätzliche Geld halt dort vom Verband einzuklagen. Das Zwischenurteil des Cas wurde nie publiziert, die jüngste Eskalation legt aber nahe, dass es die Wengener nicht benachteiligt. Nun ist es ja so: Sollten die Lauberhornrennen ab 2022 nicht mehr stattfinden, müsste der Schweizer Verband dem OK nichts mehr zahlen, egal wie der Cas urteilt.

Der Schweizer Verband riskiert mit seiner Volte trotzdem viel. Dessen Präsident Urs Lehmann betont gerne seine Rolle als traditionsbewusster Modernisierer, als solcher streitet er sich seit Längerem mit den Wengenern - ehe er zuletzt seine Bewerbung um das Amt des Fis-Präsidenten einreichte. Ein schwerer Zwist mit einem der traditionsschwersten Standorten des Weltcups macht sich da nicht gerade hübsch in der Bewerbungsmappe. Der Wahlkongress wurde zuletzt aber ohnehin verschoben, wegen der Corona-Krise; und die Fis hat derzeit genug damit zu tun, einen Winter vorzubereiten, der von einer Pandemie zerfurcht werden könnte. Man plane derzeit eine vollwertige Saison, teilte sie am Donnerstag mit, viele Veranstalter richten sich aber auf Änderungen und Einbußen ein - bei Sponsoren und Zuschauern.

Und in Wengen? Es ja noch Zeit sei, um den Streit zu schlichten, sagte OK-Chef Urs Näpflin dem Tages-Anzeiger. Aber notfalls werde man bei der Fis eben beantragen, die Rennen unabhängig vom Nationalverband auszurichten. Das klang ein wenig stolz - und stur.

© SZ vom 22.05.2020

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