Die eine stand lächelnd hinter dem Zielstrich, die blonden Haare flatterten im Wind. Sie grinste in die Kamera des ZDF, erklärte, dass sie für Super-G-Rennen seit Jahren „sehr wenig trainiert“ habe, dass sie sich zwar gut gefühlt habe. „Aber mein Gespür ist gerade nicht so fein, ich weiß eigentlich gar nicht, wann ich gerade Probleme habe.“ Die Skirennläuferin Mikaela Shiffrin, 31, hatte das Super-G-Finale soeben als Drittletzte beendet, blieb ohne Punkte im norwegischen Kvitfjell. Und doch, so wirkte es, war diese Frau zufrieden.
Die andere packte ihre Sachen, im Fernsehbild meinte man eine grimmige Miene zu erkennen. Sie grinste nicht in die Kamera, erklärte ihre Gefühlslage stattdessen in einer kurzen Sprachnachricht. „Heute war es nicht wirklich durchgezogen und nicht wirklich nach Plan gefahren“, sagte sie. „Skifahrerisch bin ich nicht wirklich zufrieden, es geht viel besser.“ Die Skirennläuferin Emma Aicher, 22, hatte dieses Rennen soeben als Vierte beendet, nach Rang fünf am Vortag verlässt sie Kvitfjell mit 95 Punkten. Und doch, so wirkte es, war diese Frau angefressen.
Noch vor einem Jahr hätte ein Wochenende wie dieses beim Deutschen Skiverband (DSV) Anlass zur Freude gegeben. Wie Aicher sich mehr ärgerte als freute, lässt erahnen, dass in diesem Olympiajahr eine Zeitenwende beim DSV im Gange ist. Erstmals seit 15 Wintern kann wieder eine deutsche Alpinistin den Gesamtweltcup gewinnen. Eventuell mag diese Feststellung Aichers Laune heben: Die Chance hat Aicher sich erhalten.
Die US-Amerikanerin Shiffrin war mit einem Polster von 449 Punkten auf Aicher zu den Olympischen Winterspielen nach Cortina gereist. Die große Kristallkugel war zu diesem Zeitpunkt vermeintlich längst vergeben. Vor den beiden finalen Rennen am kommenden Dienstag und Mittwoch ist dieser Vorsprung auf 45 Punkte zusammengeschmolzen. Eine Entwicklung, die für Shiffrin „ein Faktor war“, warum sie sich zuletzt und auch in Norwegen mal wieder die langen Speedlatten untergeschnallt hatte: um eventuell Zusatzpünktchen zu sammeln. Oder wie Shiffrin es ausdrückte: „Mir war bewusst, dass Emma nach diesem Wochenende die Führung hätte übernehmen können.“
Genau das dürfte auch Aicher bewusst gewesen sein, die zwar nicht müde wird, zu betonen, dass es ihr hauptsächlich ums Skifahren und Spaß haben gehe, sie gar nicht so sehr auf die Statistiken schaue. Aber auch die in Sundsvall geborene Aicher wird die Tragweite der Zahlen kennen.
Das Glück mit den Zahlen jedenfalls war Aicher trotz aller Rasanz und Präzision in diesem Winter nicht immer gewogen. Bereits bei den olympischen Wettkämpfen in der Kombination und in der Abfahrt fehlten ihr jeweils wenige Hundertstelsekunden zu noch größeren Ehren, also zur Goldmedaille. Anfang März in Val di Fassa lag sie eine Hundertstelsekunde hinter der Siegerin Laura Pirovano, ehe ihr im Super-G-Rennen von Kvitfjell wieder diese winzigste aller Winzigkeiten fehlte, um auf dem Podest zu landen. Dort standen am Sonntag Tagessiegerin Sofia Goggia aus Italien (die zudem die kleine Kristallkugel für die Disziplinwertung entgegennahm), Corinne Suter aus der Schweiz – und Aichers Teamkollegin Kira Weidle-Winkelmann, die – womöglich inspiriert von der gemeinsamen Silbermedaille – seit Cortina ihrerseits wie entfesselt die Hänge hinabrast.
Die Slowenin Tina Maze ist der Ansicht, Aicher könne „die nächste Maria Riesch“ werden
Wahrscheinlich hätte die 30-Jährige auf ihr erstes Super-G-Podest des Winters verzichtet, um Aicher zehn Zusatzpunkte zu ermöglichen. Aber nachträgliche Deals sind zumindest im Skisport nicht vorgesehen. „Das tut mir natürlich ein bisschen leid“, sagte Weidle-Winkelmann. Und so macht sich Shiffrin mit 45 verbliebenen Zählern Vorsprung auf ins unweit gelegene Lillehammer, wo am Dienstag der Slalom ausgetragen wird, ehe das große Finale am Mittwoch im Riesenslalom ansteht. In diesen beiden Disziplinen ist Shiffrin gegenüber Aicher im Vorteil, im Slalom hat sie gar acht von neun Rennen – und bei Olympia – gewonnen.
Wie auch immer der Zweikampf zwischen der 22-jährigen Aicher und der 31-jährigen Shiffrin endet: Es wird dem Vernehmen nach eine Neuauflage bevorstehen. Das Geraune um einen möglichen Rücktritt Shiffrins bezeichnete sie am Sonntag als „Gerücht“. Bereits vor ihrem Start hatte sie erklärt, dass sie auch in der kommenden Saison im Weltcup starten werde. Wenn man so will, ist dies die froheste aller Botschaften für Enthusiasten des Skisports.
Shiffrins Fanschar ist ohnehin enorm, bei jedem Rennen stehen ihre Bewunderer mit Plakaten im Ziel. Aichers Fanklub ist noch in der Entstehungsphase, einstige Heroen der Szene ziehen aber bereits große Vergleiche. Die Slowenin Tina Maze lobte unlängst Aichers „gute Mentalität“, sie könne „die nächste Maria Riesch“ werden, Riesch selbst hatte diese Parallele in einem SZ-Gespräch ebenfalls erwähnt; Marc Girardelli aus Luxemburg zieht Parallelen zu Katja Seizinger. Und Aicher selbst? „Passt schon“, fasste sie das Wochenende zusammen. „Jetzt freue ich mich auf die technischen Rennen nächste Woche.“


