Skifahrer Alexander Schmid:Mit feiner Klinge auf der Pizza-und-Pasta-Tournee

Lesezeit: 4 min

Skifahrer Alexander Schmid: Tatsächlich Dritter: Alexander Schmid.

Tatsächlich Dritter: Alexander Schmid.

(Foto: Gabriele Facciotti/dpa)

Erstes Podium im Riesenslalom: Der oft verletzungsgeplagte Allgäuer Alexander Schmid stellt in Alta Badia besonderes Können unter Beweis: Er zeigt Läufe, die noch gar nicht richtig in ihm stecken.

Von Johannes Knuth

Irgendetwas macht diese Region mit einem, und es ist gar nicht so leicht zu greifen, was genau es ist. Vermutlich ist es die Mischung, von allem ein bisschen, wie bei einem guten Kuchenrezept. Die alpinen Skirennfahrer haben gerade die ersten Rennen des Winters in den Knochen, Sölden, Nordamerika, Val d'Isère, für manche lief es prächtig, für andere weniger gut.

Und dann taucht der Tross in dieses Dolomitenpanorama ein, für die Rennen im Grödnertal und in Alta Badia, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. "Pizza-und-Pasta-Tournee" nennen die US-Alpinen diese Tage, vor allem die Amerikaner lieben das: das Herzliche, Vertraute der Südtiroler, ein Schuss italienische Lässigkeit, die Kulinarik natürlich. Und über allem thronen die Dolomitengipfel, als hätte ein Landschaftsgärtner sie bewusst in der Gegend verstreut, so dass man nicht erschlagen wird von einem felsigen Rundherum. Da werden auch vermeintlich große Sorgen - etwa falsch abgestimmte Ski oder der schlechte Linksschwung - sehr schnell sehr klein.

Irgendetwas hat die Region in den vergangenen Tagen vermutlich auch mit dem Skirennläufer Alexander Schmid vom SC Fischen angestellt. "Ich liebe es hier in den Dolomiten", sagte der 27-Jährige am Montag, "die Kulisse hier ist der Wahnsinn." Er meinte vermutlich die Berge und das Publikum, das die Athleten in Alta Badia meist engagiert begleitet, bei den Rennen auf der finsteren Gran Risa.

Auch Schmid hatte sich zuletzt noch über einiges aufregen können, am Sonntag, beim ersten Riesenslalom dieses Winters in Alta Badia, hatte er nicht einmal die Versetzung in den zweiten Lauf geschafft. Aber dann, so berichtete er es am Montag nach dem zweiten Riesenslalom, habe er mit seinem Bruder Manuel telefoniert, der in diesem Winter die Rennen von zu Hause verfolgt, nach einem schweren Crash in der Vorbereitung samt Wirbelverletzung. "Ich wollte heute für uns beide fahren", sagte Alexander Schmid nun, "einfach nur Spaß haben und mir selber treu bleiben."

Skifahrer Alexander Schmid: Nasse Haare machen Spaß: Alexander Schmid (links) wird vom Kollegen Luca De Aliprandini mit einer für Siegerehrungen typischen Flüssigkeit begossen, trotz winterlicher Temperaturen.

Nasse Haare machen Spaß: Alexander Schmid (links) wird vom Kollegen Luca De Aliprandini mit einer für Siegerehrungen typischen Flüssigkeit begossen, trotz winterlicher Temperaturen.

(Foto: Harald Steiner/GEPA/Imago)

Das war ihm wahrhaft vorzüglich geglückt, mit seiner feinen, ruhigen Fahrweise, der man die Schnelligkeit auf den ersten Blick oft nicht ansieht. Aber auf der ruppigen Gran Risa muss das nicht die dümmste Idee sein. Dritter war Schmid nach dem ersten Durchgang, so flott war er schon ab und zu nach dem ersten Lauf gewesen, bei der WM im vergangenen Winter etwa. Aber diesmal gelang es ihm, sein Können von der ersten bis zur letzten Fahrsekunde aufzuführen, und so verteidigte er seinen dritten Platz, hinter dem Schweizer Ausnahmekönner Marco Odermatt und dem Italiener Luca De Aliprandini. "Der dritte Platz ist echt der Wahnsinn", sagte Schmid, das hatte er in seiner Spezialdisziplin ja noch nie geschafft: Einlass in den Kreis der besten drei zu finden.

Es war bis zuletzt ein etwas komplizierter Winter für die Alpinen des Deutschen Skiverbands: einer, in dem die Zukunft einiges versprach, die Gegenwart aber noch nicht so richtig in die Gänge kam. Bei den Frauen war Lena Dürr im Slalom zwei Mal überraschend Dritte geworden, dafür tat sich Kira Weidle noch schwer, die WM-Zweite von Cortina in der Abfahrt, ihre einzige Frau für die schnellen Disziplinen. Und bei den Männern hatten sich die Schnellfahrer zwar immer wieder geballt hinter den Besten gezeigt, zuletzt sogar in Person des 25-jährigen Simon Jocher, der in Gröden Achter in der Abfahrt wurde.

Doch das ohnehin dünn besetzte Technik-Ressort beklagte zuletzt wieder einige Krankmeldungen: Stefan Luitz verpasst nach einer Bandscheiben-Operation die Winterspiele im kommenden Februar, Linus Straßer und auch Schmid kämpften mit gereizten Sehnen und einer eitrigen Angina (Straßer). Wobei Schmid in Val d'Isère zuletzt schon wieder Sechster wurde, was Cheftrainer Christian Schwaiger Hochachtung abnötigte. Kaum einer bei den deutschen Alpinen war zuletzt ja so oft von Verletzungen gebremst worden wie Schmid, der sich so auch eine besondere Spezialität angeeignet hat: Läufe zu zeigen, die noch gar nicht so richtig in ihm stecken.

Drei Jahre lang habe sich Schmid "nur von Rennen zu Rennen geschleppt"

Schmids Begabung war schon früh verbrieft, er war mal Zweiter in der Jugend-Weltrangliste hinter einem gewissen Henrik Kristoffersen, der am Sonntag in Alta Badia gewann und am Montag zwei Hundertstelsekunden hinter dem Deutschen eintraf. Schmid wurde aber auch immer wieder von den branchenüblichen Malaisen gebremst, einem Schien- und Wadenbeinbruch etwa, drei Jahre zudem, in denen er am Epstein-Barr-Virus litt.

"Da fehlt seit Jahren einfach die Konstanz", sagte Cheftrainer Schwaiger zuletzt, in Zeiten des Virus habe Schmid "überhaupt nicht richtig trainiert" und sich "eigentlich nur von Rennen zu Rennen geschleppt". Zwischendurch reichte er immer mal Weltklasse-Platzierungen ein, sechste Plätze auf der Face de Bellevarde in Val d'Isère, dritte Plätze in Parallelrennen, ein achter Rang im WM-Riesenslalom 2019. Im Vorwinter hatte er seine Viruserkrankung, die ihm in den zweiten Läufen oft die Kraft geraubt hatte, dann "fast im Griff".

Und dann, im vergangenen Juli, der nächste Schreck: Bei Hürdensprüngen habe er es "ein bisschen übertrieben", erzählte Schmid zuletzt, die Quadrizepssehne hatte sich entzündet. Mal trainierte er, mal nicht, zuletzt wieder mehr. Wie so oft. Der Winter, räumte er zuletzt ein, werde wohl eher ein langsamer Steigerungslauf. Bei Sehnenverletzungen, sagte sein Cheftrainer, müsse man eben "brutal vorsichtig sein". Wer es dort einmal übertreibe, falle unter Umständen für Monate aus. Oder setze seine Karriere aufs Spiel.

Und jetzt: Beendet Schmid seine Pizza-und-Pasta-Tournee mit der Erkenntnis, dass er auch mit gedämpften Trainingsumfängen fit für die Weltspitze ist. Sie werden ihn im Winter auch weiterhin so behutsam belasten wie möglich, außer Schmid haben sie derzeit keinen im Riesenslalom, der es mit den Allerbesten aufnehmen kann. Aber sie können nun noch etwas entspannter in die kommenden Monate blicken, zunächst einmal auf die Klassiker im Januar. Und wie hatte es Schmid im vergangenen Oktober noch gesagt, zwischen Sehnenreizungen und Trainingsrückstand: "Ich bin ja eh immer für Überraschungen gut."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema