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Skeleton:Weltmeister aus dem Nichts

Bei der WM in Altenberg gibt es einen Dreifacherfolg für die deutschen Piloten. Den Titel gewinnt Christop Grotheer, der in dieser Saison gar nicht im Weltcup gestartet ist.

Bobsleigh & Skeleton World Championships

Siegerschrei: Christopher Grotheer brüllt seine Freude über seinen WM-Titel hinaus.

(Foto: Matthias Rietschel/Reuters)

Fast wäre Christoph Grotheer noch ein Malheur passiert. Nach zwei perfekten Wettkampftagen, nach vier herausragenden Läufen, nach dem größten Erfolg seiner Karriere stand Grotheer nun bei der Siegerehrung ganz oben und hielt seinen Pokal in die Luft - als plötzlich der Deckel des Kelches, den man als Skeleton-Weltmeister erhält, zu wackeln begann und vom Sockel fiel. Doch selbst diese kurze Krise löste der 27-Jährige, fing den Deckel seelenruhig mit einer Handbewegung auf, hob ihn mit dem Pokal wieder in die Luft und lächelte freundlich Richtung Zuschauer.

Nein, bei dieser Skeleton-WM konnte Grotheer nichts aus der Ruhe bringen. In überlegener Manier fuhr er am Donnerstag allen davon, im zweiten Lauf sogar mit einem neuen Bahnrekord auf der anspruchsvollen Bahn von Altenberg. Am Freitag, dem zweiten Wettbewerbstag, entwickelte sich dann ein Hundertstelkrimi zwischen Grotheer und seinen zwei deutschen Kollegen Alex Jungk und Alexander Gassner - beide kämpften sich im letzten Lauf noch einmal auf wenige Sekundenbruchteile heran, dank eines starken Schlussabschnitts gab es das bessere Ende für den Überraschungssieger aus Wernigerode.

"Ich kann es noch gar nicht fassen", sagte Grotheer am Tag danach: "Niemand hat an mich geglaubt, nicht mal ich selbst so richtig." Bis vor kurzem hatte auch niemand - nicht einmal er selbst - Grund gehabt, an einen WM-Sieg zu glauben, da Grotheer noch nicht einmal nominiert war. Die Saison über hatte er nicht zum deutschen Weltcup-Team gehört, sondern war im Interkontinentalcup gestartet: "Nach sechs Jahren im Weltcup war es schwer, diese Situation zu akzeptieren", sagte Grotheer: "Aber ich wusste: Wenn ich auch nur fünf Prozent nachlasse, werde ich es nicht mehr zurückschaffen."

Bobsleigh & Skeleton World Championships

Siegermaleur: Der Deckel des WM-Pokals ging Christopher Grotheer zwischenzeitlich flöten.

(Foto: Matthias Rietschel/Reuters)

Zurück in den deutschen Kader brachten ihn seine guten Leistungen in der "zweiten Liga" - aber vor allem der Erfolg eines jungen Mannschaftskollegeen. Erst durch den Junioren-WM-Sieg von Felix Keisinger, der somit eine Wildcard für die WM erhielt, wurde im deutschen Team ein Startplatz frei - den erkämpfte Grotheer sich in einem Ausscheidungsduell vor drei Wochen. Ab da nahm ein sportliches Wunder seinen Lauf: Grotheer nahm sich die Zeit, um in Ruhe zu trainieren und ging ohne Erwartungen in die Weltmeisterschaft. "Irgendwas ist in den letzten drei Wochen passiert", sagte Grotheer im Rückblick. Was genau, konnte er sich selbst nicht ganz erklären, allerdings: "Ich wusste, dass ich in Altenberg schnell sein kann."

Die WM-Bahn ist tückisch, schnell und wurde in diesem Jahr noch dazu durch wechselndes Wetter bestimmt, das half Grotheer, der vor drei Jahren schon einmal einen Weltcup am selben Ort gewann. "Den Bahnrekord von damals hatte ich inzwischen verloren, daher war das eine zusätzliche Motivation, sich den zurückzuholen." Angesichts der historischen Dimension des deutschen Dreifachsiegs geriet der Bahnrekord jedoch zur Randnachricht. Grotheer wurde der erste deutsche Skeleton-Weltmeister seit 20 Jahren und weil auch seine Teamkollegen stark fuhren und die internationale Konkurrenz hinter sich ließen, wurde es ein heimischer Dreifacherfolg. Alex Jungk, normalerweise die klare Nummer Eins im deutschen Team, war ob seines zweiten Platzes gespaltener Meinung: "Es wäre schön gewesen, wenn es einfach null gewesen wäre oder wenn er (Grotheer, d. Red.) mit einer Sekunde Vorsprung gewonnen hätte - aber zwei Hundertstel tun weh. Grundsätzlich weiß ich aber, dass ich heute der Zweitbeste der Welt war und das ist eine geile Sache."

Am Sonntag treten beide zusammen im Teamevent an, erst danach darf so richtig gefeiert werden. "Wir haben schon das ein oder andere Bier getrunken", berichtete Grotheer am Samstag noch, leichte Kopfschmerzen habe er auch, doch die seien bis dahin bestimmt abgeklungen. Und dann? In der nächsten Saison wird Grotheer wohl wieder zum Stamm im Weltcupteam gehören, das eine Jahr im Interkontinentalcup sollte sich also nur als Dämpfer herausstellen - als Weltmeister gehört er nun wieder bei jedem Rennen zum Kreis der Favoriten. Für Grotheer eine gute Nachricht, dennoch bleibt er vorerst ruhig: "Ich lasse das jetzt erstmal auf mich zukommen, dann sehen wir weiter."

© SZ vom 02.03.2020/dsz
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