Skateboarden:Der Style ist leider nicht so geil

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Aussichtsreichster Deutscher in einer schweren Olympiaqualifikation: Alex Mizurov, sechsmaliger Skateboard-Meister.

(Foto: Christian Jakubaszek/Getty)

Skateboarden wird im Sommer 2020 ins olympische Programm aufgenommen, doch die deutsche Szene kann mit der rasanten Entwicklung des Sports noch nicht mithalten. Zu Besuch bei der nationalen Meisterschaft - in einem Vergnügungspark.

Von Marc Baumann, Rust

Einer muss die Maus retten, und zwar schnell. Denn rechts der Maus werden geschlossene Flaschen für die Sektdusche vorgeschüttelt. Und links der Maus warten die ersten Drei der deutschen Profi-Meisterschaft im Skateboarden auf die Siegerehrung. Dazwischen steht die Maus, also ein Mensch im blau-gelben Mäusekostüm, und winkt unbekümmert den Kindern im Publikum zu. Man ahnt, was gleich mit der Maus passieren könnte, Skateboardfahrer gelten ja als wilde Kerle.

Darum ruft Ralf Middendorf vom Rand der Sponsorentafel, vor der alle Sieger fotografiert werden, dem Moderator zu: "Die Maus! Die Maus!" Seine Worte gehen aber im Lärm unter. Middendorf gehört zum Organisationsteam der deutschen Meisterschaft des "Club of Skaters". Und die Maus, die gehört dem Europapark Rust, dem Veranstaltungsort, mit dem Middendorf es sich nicht verscherzen möchte. Durch ein pitschnasses, nach Sekt riechendes, schwer zu reinigendes Maskottchen etwa.

Was dann passiert, ist überraschend und zugleich bezeichnend für Deutschlands beste Skateboardfahrer, die in zwei Jahren erstmals auch bei einer olympischen Siegerehrung vertreten sein könnten, zumindest theoretisch. Es passiert nämlich: nichts. Die Sportler lassen die Maus in Frieden, spritzen nur den erstplatzierten Denny Pham ein wenig nass. Jede Siegerehrung in der Formel 1 artet mehr aus. Das gesamte Wochenende bleibt ohne Exzesse, dabei könnten hunderte Skater den Freizeitpark leicht aus der Fassung bringen. Ein amerikanisches Magazin hat vor Jahren mal einige US-Profis nach Disneyland begleitet, der Tag endete mit Verhaftungen und lebenslangem Parkverbot.

In Rust funktioniert die Kombination seit Jahren reibungslos, alle Fahrer loben den Saisonhöhepunkt und freuen sich aufs Achterbahnfahren nach der Qualifikation am Samstag. Auch der Sonntag endet diesmal harmonisch: Denny Pham, 29, seit Jahren Favorit auf den Titel, schaffte es, sich mit all seinem Talent endlich mal nicht selbst im Weg zu stehen und gewinnt. Also alles gut und auf Wiedersehen? Nicht ganz.

Für kritische Anmerkungen ist Ralf Middendorf ein guter Gesprächspartner. Eine gewisse Grummeligkeit scheint sein Naturell zu sein. Jedenfalls war Middendorf, in den Achtzigerjahren erfolgreicher Skateprofi, Anfang September in Basel bei der Europameisterschaft, wo von rund 30 deutschen Skatern nur einer ins Finale kam; er wurde am Ende Siebter. "Das hat mir die Augen geöffnet, auch Richtung Tokio", sagt Middendorf: "Die Olympischen Spiele 2020 sind ein großer Hype, aber wir sind da nicht dran beteiligt." Alex Mizurov, der sechsmalige deutsche Meister, erzählt, für europäische Skater gebe es zwei feste Startplätze bei Olympia, ob Deutsche einen erreichen, erscheint ihm fraglich.

Skateboarden entwickelt sich rasant, angetrieben vom sozialen Netzwerk Instagram, wo fast alle Fahrer ihre besten Aufnahmen veröffentlichen. Man sieht die vielen Fehlversuche davor, Stürze, Verzweiflungen, Schürfwunden - dann endlich den gestandenen Trick. Ein 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche andauernder, weltweit ausgetragener Skateboardwettkampf. Immer höher, weiter, gefährlicher. Etwa beim so genannten Railskaten, also bei Sprüngen auf Treppengeländer. Früher galt es als große Leistung, die Metallstange einfach auf den Achsen oder dem Brett hinab zu rutschen, ohne Sturz. Inzwischen springen die Fahrer mit diversen Flips, also vorherigen Boarddrehungen auf die Geländer oder schaffen es, sogar nach dem Absprung vom Geländer noch Tricks einzubauen. Es wird spannend, wenn TV-Reporter bei Olympischen Spielen solche Tricks erklären müssen. Alex Ring etwa gewann am Wochenende in Rust den "Best- Trick"-Contest für den schwierigsten einzelnen Trick - mit einem "Shove-it to Nose manual to Nollie 360 Kickflip Off". Den versteht man höchstens in Zeitlupe.

Der Trick war einer der wenigen Momente, in denen die 500 zahlenden Zuschauer richtig laut wurden. Das sportliche Niveau war in Rust nicht schlecht, aber auch nicht sehr hoch. Das merkte man, wenn man die Finalläufe mit denen beim "Munich Mash" vergleicht, einem international besetzten Wettbewerb im Münchner Olympiapark. 2016 und 2017 trat dort der Amerikaner Nyjah Huston auf, der derzeit erfolgreichste Parkskater. Die Sicherheit, mit der Huston brutal schwere Tricks locker aneinander knüpfte, ließ die gerne verhaltenen deutschen Skateboardfans auf den Zuschauertribünen ausflippen. In Rust gab es meist nur freundlichen Applaus. "Der Style der meisten deutschen Skater ist leider nicht so geil", sagte Alex Mizurov, der so etwas wie der FC Bayern des hiesigen Skatens ist. Also ein Dauersieger, der dieses Jahr schwächelte und nicht ins Finale kam. Den Unterschied zwischen der Szene in Kalifornien, die Mizurov vor Kurzem besucht hat, und Rust könne man vergleichen mit dem Basketball in der nordamerikanischen Profiliga NBA und dem in der hiesigen Bundesliga. Schon nah dran, aber längst nicht das Gleiche.

Früher bauten wohlmeinende Landräte der örtlichen Jugend kleine Skateparks, entworfen von ahnungslosen Landschaftsgärtnern. Seit einigen Jahren gibt es auch in Deutschland sehr gute, von Spezialisten erbaute Skateparks, die im nasskalten Herbst und Winter aber oft unbefahrbar sind. Zudem mögen sich die deutschen Dachverbände, der "Club Of Skaters" (COS) und der für Olympia zuständige "Deutsche Rollsport und Inline-Verband", nicht sonderlich. 2018 gab es neben der offiziellen COS-Meisterschaft noch eine zweite Meisterschaft von einem Konkurrenzveranstalter. Und die Industrie, also viele deutsche Skateshops und Versandhändler haben einen Sommer mit herben Umsatzeinbußen hinter sich, das Wetter war zu gut zum Shoppen, sagt Ralf Middendorf, zugleich sind die Jahre des Longboard-Booms allmählich vorbei.

In Rust ist die Laune aller Beteiligten trotzdem erfrischend gut. Alex Mizurov, der Favorit, der nur Sechster wurde, umarmt mit echter Freude den Sieger. Dennis Pham, endlich Meister, sagt, dass ihm das Gewinnen wirklich nicht wichtig sei. Wenn der Sport eine Familie sein kann, dann hier. Was vielleicht auch daran liegt dass die Seele des Skateboardens wenig mit Nationalteams, Qualifikationen und Medaillen zu tun hat.

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