Breaking, Klettern, Skateboarding, BMX: Diese vier jungen Sportarten biegen nun auf ihre Zielgerade vor den Olympischen Spielen ein. Vom 20. bis 23. Juni bieten sie ihren Protagonisten, die sich nicht selten jenseits aller Verbandsstrukturen bewegen, in Budapest die letzte Qualifikationschance für Paris. Olympic Qualifier Series nennt sich das zweiteilige Format, das bereits im Mai in Schanghai Station machte – und bei dem nun in Budapest der Vorhang fällt. Die ungarische Hauptstadt verspricht auf dem Ludovika-Campus ihrer Universität ein Festival, in dem Kultur, Musik, Mode, Kunst und der Sport verschmelzen sollen. Die mehr als 450 Athleten, die dort antreten, dürften aber nur eines im Sinn haben: An der Donau den Sprung Richtung Seine zu schaffen.
Klettern

Rund zehn Deutsche sind in Budapest Teil der 160 Kletterer, die um die Olympiateilnahme kämpfen. Die besten Chancen haben Yannick Flohé, Alexander Megos, Lucia Dörffel und Franziska Ritter. Der Trendsport, der 2021 in Tokio seine olympische Premiere feierte, hat es bei den Sommerspielen in Paris nicht in das Herz der Stadt geschafft. Und das, obwohl Frankreich in den Achtzigern Schauplatz einer Premiere war – in Vaulx-en-Velin bei Lyon war der erste Wettkampf an einer künstlichen Kletterwand.
Der Austragungsort bei den Spielen, die Site d’escalade du Bourget, liegt nordöstlich von Paris in der kleinen Gemeinde Le Bourget, später sollen dort Tennisplätze das temporäre Stadion ersetzen. Die ziemlich kletterwütigen Franzosen dürften die Wettkämpfe trotzdem in Scharen ansteuern, auch wenn sie an der Peripherie stattfinden – rund 20 Kletterwände gibt es alleine in Paris. Schon bei den European Championships in München war Klettern einer der stimmungsvollen Publikumsmagneten. Das Wettkampfformat hat sich im Vergleich zur Olympiapremiere 2021 in Tokio etwas geändert: Diesmal gibt es zwei getrennte Veranstaltungen – Speed, wo derjenige gewinnt, der am schnellsten die künstliche Wand emporklettert, und ein kombinierter Wettbewerb aus Lead (innerhalb eines Zeitlimits so hoch wie möglich klettern) und Bouldern (möglichst viele Hindernisse mit möglichst wenigen Versuchen überwinden).
Breaking

Erste wichtige Regel bei ihrer Olympiapremiere in Paris: Diese Sportart bloß nicht Breakdance nennen! Jener Begriff wurde von den Medien geprägt, damit sich Laien etwas unter dem Sport vorstellen können – die Breaker selbst, die B-Boys und B-Girls, würden das, was sie machen, nie als Tanz beschreiben. Breaking hat seinen Ursprung in New York, in den Ghettos der Bronx, als Teil der Hip-Hop-Kultur. Schon in den Siebzigern drückten die freigeistigen Protagonisten damit ihre Kultur aus – und ihre Wut aufs reiche Establishment. Zwei deutsche B-Girls sind nun in Budapest am Start, Pauline Nettesheim und Jilou – und besonders die Geschichte von Jilou fügt sich fast märchenhaft in die Entstehung ihres Sports. Aufgewachsen ist Sanja Jilwan Rasul in armen Verhältnissen in Köln-Mülheim, die Eltern bezogen Sozialhilfe. Mit Zwölf entdeckte sie ihre Liebe zum Breaking, machte Nebenjobs, um sich das Training leisten zu können. Und stieg nach und nach in die Weltspitze auf, was Sponsoren anlockte. 31 ist Jilou nun – und bereit für Paris. Allerdings braucht sie als derzeit 19. im Ranking eine starke Darbietung, Nettesheim liegt derzeit auf Platz 25.
In Paris treten in zwei getrennten Wettbewerben 16 B-Boys und 16 B-Girls in Einzelduellen auf der Place de la Concorde (wo auch Skateboard und BMX stattfinden), eingebettet zwischen Triumphbogen und Louvre, gegeneinander an. Sie zeigen spektakuläre Akrobatik und improvisieren zur Musik und zum Beat des DJs. Wer am Ende die Jury überzeugt, wird der erste Breaking-Olympiasieger der Geschichte – und vielleicht der letzte. Breaking ist 2028 in Los Angeles, ausgerechnet im Entstehungsland, nicht mehr dabei. Die Veranstalter entschieden sich lieber für die dort enorm populären Sportarten Lacrosse und Flag Football.
Skateboard

Der Spiegel beschrieb das damals in der BRD neuartige Fahren auf einem Brett mit vier Rollen als „Manie“, das Magazin warnte vor Verletzungen, die sich Kinder zuziehen könnten bei der Ausübung. Der Szene-Buchautor Ben Davidson hingegen feierte seinen Sport als „Surfen auf dem Bürgersteig“. Damals, in den Siebzigern, galt dieses im Gründerland USA längst etablierte Brett so langsam auch in Deutschland als kleine Revolution für die rebellische Jugend – und als völlig neues Fortbewegungsmittel. Lilly Stoephasius war da noch längst nicht geboren. In Tokio, bei der olympischen Premiere von Skateboard, war sie 2021 dafür eines der deutschen Gesichter – und als 13-Jährige die bis dahin jüngste deutsche Athletin, die je an Olympischen Spielen teilgenommen hat.
Starke Neunte wurde Stoephasius in Japan, sie verpasste nur hauchdünn das Finale – wurde aber zum Vorbild für viele andere Teenager in diesem Sport, der sich in der Subkultur der (Groß-)Städte bewegt, auf Geländern oder über Treppen hinweg. Anfang Juni ist die Berlinerin 17 geworden – und bereit für ihre Teilnahme in Paris. Doch sie muss kämpfen. Bei der Qualifikation in Schanghai im Mai lief es nicht gut, in Budapest muss sie sich in der Disziplin Park, in der sie antritt, nun steigern. Tyler Edtmayer, der zweite Deutsche, steht höher im Ranking und hat beste Chancen, am Männer-Wettbewerb in Paris teilzunehmen. In der Disziplin Street hat Justin Sommer noch Außenseiter-Chancen. Was die beiden Disziplinen unterscheidet? Im Park-Wettbewerb nutzen die Skateboarder eher Bowls und Kicker für ihre Tricks, im Street-Wettbewerb Treppen, Bordsteine, Bänke und Geländer.
BMX Freestyle

BMX Freestyle ist nach seiner Premiere in Tokio vor drei Jahren in Paris zum zweiten Mal olympisch. Und wenn man so will, ist E.T. einer seiner Gründerväter. Denn der damalige BMX-Freestyle-Pionier Bob Haro übernahm 1981 in Steven Spielbergs Kino-Hit die Filmstunts des Jungen Elliot – beispielsweise als er mit seinen Freunden samt Alien auf Rädern vor der Armee flüchtete. Der Funken sprang auf eine ganze Generation über, die in den Achtzigern nach der Schule auf ihren Rädern mit dem typischen, tiefergelegten Sattel durch die Straßen fuhren – und immer mehr und immer bessere Tricks zeigten.
Wie Skateboarder, Breaker und Kletterer verstehen auch die BMX-Fahrer ihr Hobby von jeher eher als kreativen Lebensinhalt denn als kompetitiven Wettkampfsport. Ein wenig hat sich diese Einstellung inzwischen geändert, nicht zuletzt wegen der Chancen zur Eigenvermarktung, die Olympia den Athleten bietet. In Budapest haben Lara Lessmann, die in Tokio Sechste wurde und Kim Lea Müller reelle Chancen auf die Olympia-Qualifikation. Abiturient Tom Clemens versucht bei den Männern sein Glück in dieser spektakulären Sportart, in der es manchmal scheint, als wären die Fahrer mit ihren Rädern verknotet. E.T. wird aber dem Vernehmen nach in Budapest wie in Paris fehlen.

