Skandal in der Leichtathletik "Mafia-ähnliches Geflecht" von Familie Diack

Asli Cakir Alptekin, Olympiasiegerin 2012, soll später von Diack erpresst worden sein.

(Foto: AP)
  • Geld für negative Dopingproben: Lamine Diack, 16 Jahre lang Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes, soll mit seinen Söhnen Sportler erpresst und mehr als eine Million Euro verdient haben.
  • Der Vorwurf der Ermittler lautet: Korruption und Geldwäsche.
  • Eine russische Marathonläuferin hat gezahlt. Eine türkische Olympiasiegerin nicht - sie wurde für acht Jahre gesperrt und verlor ihren Titel.
Von Johannes Knuth

Manche Aussagen entfalten erst im Rückblick ihre volle Kraft, jene von Marius Vizer zum Beispiel. Vizer stand mal "SportAccord" vor, einer Vereinigung internationaler Sportverbände. Um seinen Aufstieg ranken sich manche Merkwürdigkeiten; Vizer war jedenfalls für eine Weile bestens vernetzt in der Familie des organisierten Sports. Insofern liest es sich nun recht interessant, was der Rumäne vor einem halben Jahr zum Besten gab: "Ich habe mein Familien- leben für den Sport geopfert", sagte Vizer. Lamine Diack dagegen, der damals noch den Welt-Leichtathletikverband IAAF regierte, sei jemand, "der den Sport zugunsten seiner Familie opfert".

In welch gewaltigem Ausmaß dies geschah, das zeichnet sich in diesen Tagen immer deutlicher ab. Am Montag setzten französische Ermittler Diack, seinen Anwalt Habib Cissé sowie Gabriel Dollé, den ehemaligen Anti-Doping-Chef der IAAF, fest; sie kamen nur gegen Kaution frei. Der Vorwurf: Korruption und Geldwäsche. Nun berichtete das französische Magazin Lyon Capitale, beheimatet in der Stadt der französischen Interpol-Einheit, es habe einen Bericht einer Kommission der Welt-Doping-Agentur Wada eingesehen. Die Wada-Ermittler seien auf ein "Mafia-ähnliches Geflecht" gestoßen, aufgezogen von Diack und seinen Söhnen. Das Anti-Doping-Ressort der IAAF habe weniger der Aufklärung gedient, sondern als Geschäftsmodell, mit dem sich die Familie Diack bereichert haben soll, mit Dollé als Teilhaber.

Der Präsident selbst soll mehr als eine Million geholt haben

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Dopingsünder sollen für die Verschleierung ihrer positiven Proben viel Geld an den früheren Leichtathletik-Weltpräsidenten überwiesen haben. Eine Schlüsselfunktion hatte wohl Diacks Sohn.

Die Diack-Söhne Papa, jahrelanger Marketingberater der IAAF, und Khalid sowie der Anwalt Cissé wurden in einem Fall angeblich mit einer Liste gedopter russischer Athleten beim russischen Verband vorstellig, kurz vor den Olympischen Spielen 2012. Es begann ein Spiel aus Erpressungen und Deals. Manche Athleten kauften sich über den russischen Verband frei, die Marathonläuferin Lilija Schobuchowa zum Beispiel, für 569 000 Euro. Andere wurden wohl verschont, die Russen verfügten ja über das eine oder andere Druckmittel, die russische VTB-Bank ist bis heute Sponsor der IAAF. Wenn ein Athlet zahlte, wurde sein Geld über den russischen Verband an eine Strohfirma in Singapur umgeleitet, sie gehörte einem Teilhaber von Papa Diack. Ein ähnliches Geschäftsmodell hatte die ARD bereits vor einem Jahr enthüllt.

Neu ist der Fall der Türkin Asli Cakir Alptekin, Olympiasiegerin 2012 über 1500 Meter. Laut Lyon Capitale sollen die Diack-Söhne im November 2012 von Alptekin 500 000 Euro verlangt haben. Als die sich weigerte, wurde sie als Dopingtäterin enttarnt, 2015 für acht Jahre gesperrt, sie verlor auch ihren Olympiasieg. Die Wada, die am Montag ihren Bericht präsentieren wird, teilte auf SZ-Anfrage mit, man könne den Zeitungsbericht derzeit nicht kommentieren. Das tat dafür die französische Staatsanwältin Eliane Houlette gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Alptekins Fall nannte sie "eine Form von Erpressung". Diack senior soll "mehr als eine Million Euro" damit erlöst haben, positive Dopingproben zu vertuschen. Und auch Sohn Papa Diack sei wegen seiner "aktiven Rolle" zur Fahndung ausgeschrieben.

Und während immer mehr Details an die Öffentlichkeit gespült werden, traf die Kunde von fünf weiteren Dopingfällen in der russischen Leichtathletik ein. Was nun? Hektische Aufräumarbeiten? Selbstreinigung? Das ist derzeit schwer zu überprüfen. Sebastian Coe, der Diack vor zwei Monaten als Präsident abgelöst und jede Mitwisserschaft seitens der IAAF abgestritten hatte, schwieg in den vergangenen Tagen. Am Freitag sagte er dann die pompöse, alljährliche IAAF-Gala in Monte Carlo ab. Man werde die besten Athleten des Jahres zunächst nur im Internet verkünden.

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