Am Mittwoch publizierte der Bobsportler Simon Wulff, nach monatelanger Stille, ein Bild und einen Beitrag in den sozialen Medien. Das Bild zeigte den 24-Jährigen und seinen Piloten Francesco Friedrich, wie sie in einen Zweierbob hüpfen. Tatsächlich ist Wulffs Karriere, die vor einem Jahr erstaunlich an Fahrt aufgenommen hatte, fürs Erste zum Stillstand gekommen.
„Liebe Fans“, so begann Wulff seinen Beitrag darüber, was zuletzt auf ihn eingeprasselt war. Im Dezember 2024 war bei einer Dopingkontrolle eine im Training erlaubte, im Wettkampf aber verbotene Substanz aufgeschienen: Methylhexanamin, ein Klassiker unter den Stimulanzien, regt die Fettverbrennung an, steigert den Sauerstofftransport in den Muskeln. Er könne sich bis heute nicht erklären, wie der Stoff in seinen Körper gelangt sei, so Wulff. Da er die Quelle „trotz diverser Anstrengungen“ nicht habe ausmachen können, habe er sich mit den Behörden auf eine 21-monatige Sperre geeinigt, in einem abgekürzten Verfahren. Die Winterspiele 2026 werde er so zwar verpassen, so Wulff, er freue sich aber schon „sehr auf das, was künftig kommt“.
So endet, fast nonchalant, eines von bemerkenswert vielen deutschen Dopingverfahren in jüngerer Zeit. Wulff war erst vor der vergangenen Saison zum Bobsport gewechselt, in eine der erfolgreichsten Medaillenschmieden des deutschen Sports – und dort gleich in den Stall eines der Erfolgreichsten: Francesco Friedrich, viermal Olympiasieger, 18 WM-Titel im Zweier und Vierer, 14 Erfolge im Gesamtweltcup. Wenige Monate zuvor, im August 2024, war Wulff noch als Leichtathlet die 100 Meter in 10,06 Sekunden gesprintet, schneller waren überhaupt erst fünf Deutsche.

Dopingfall Yannic Seidenberg:Doping vom Doktor aus der Heimat
Doping ist in Deutschland ein riesiges Thema, aber nur selten stehen Ärzte vor Gericht. Im Fall des Eishockeyspielers Yannic Seidenberg wird nun ein Mediziner verurteilt. Wie kam es dazu, dass der Sportler so lange verbotene Substanzen erhielt und einnahm?
Die Szene war darob, freundlich gesagt, erstaunt. In all den Jahren zuvor war Wulff selten schneller als 10,40 gerannt, für einen solchen Sprung muss selbst für ein Edeltalent viel zusammenfließen. Wulff und sein damaliger Trainer leiteten das so her: Seit dem Sommer 2024 hatte er sich bereits für seine Rolle als Bob-Anschieber vorbereitet, er habe stark auf neue Reize im veränderten Krafttraining reagiert. Mit Friedrich gewann er dann prompt sein Weltcup-Debüt im Zweierbob in Altenberg, kurz darauf auch in Sigulda; mit dem Vierer wurde er Anfang Januar in Winterberg Zweiter. Dann flatterte die Nachricht herein, dass seine Probe, die Tester der International Testing Agency (ITA) in Altenberg genommen hatten, positiv war.
Das rückte Wulffs Geschichte ruckartig in ein anderes Licht. Der Athlet und sein Anwalt Thomas Summerer traten aber massiv der Theorie entgegen, dass hier ein Doper, der erstmals eine größere Bühne im Sport betreten hatte, ins Netz gegangen war. Tatsächlich schlagen viele Dopingtests mittlerweile bei winzigen Mengen an; das kann darauf zurückzuführen sein, dass ein Präparat bei der Produktion verunreinigt wurde. Man habe, nachdem man die Nachricht vom Positivtest erhalten hatte, jedenfalls „alles in unserer Macht Stehende unternommen, um Simons Unschuld zu beweisen“, schrieb Summerer am Mittwoch auf SZ-Anfrage. Sämtliche Nahrungsergänzungsmittel Wulffs – allesamt aus deutscher Fertigung – habe man im Institut für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln analysieren lassen, keines war mit Methylhexanamin verunreinigt. Auch eine Haarprobe, die Wulff am „renommierten“ Forensischen Toxikologischen Centrum in München eingereicht habe, sei ohne Dopingbefund geblieben
Für die Analysen habe Wulff „erhebliche Kosten auf sich genommen“. Auch deshalb, so Summerer, habe die ITA wohl gefolgert, es gebe „keinen Hinweis“ darauf, dass Wulffs Positivtest auf absichtlichem Leistungstuning fuße.
Der deutsche Verband und sein bisheriges Bob-Team glauben Wulff
Allerdings, so betont es die ITA auf Anfrage, habe Wulff die Quelle der vermeintlichen Kontamination nun mal nicht identifiziert. So könne man auch nicht weiterführend beurteilen, wie schwer das Vergehen des Athleten wiege. Anders als die Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle: Die hatte die Quelle ihres Positivbefundes auf Methylhexanamin, ein Teepulver, identifiziert und wurde 2014 für sechs Monate gesperrt. Die Welt-Anti-Doping-Agentur sowie der Bob-Weltverband wichen bei Wulff nur um drei Monate vom üblichen Zweijahresbann ab. Interessant: Weder Wulffs Anwalt noch die ITA teilen auf Nachfrage mit, ob die Konzentration der Substanz in Wulffs Probe gering war. Das würde zumindest gewisse Arten der Kontamination wahrscheinlicher machen. Letztlich bleiben andere Szenarien so eben auch nicht ganz ausgeschlossen: Auch Haarproben können unzuverlässig sein; ein Doper könnte die Quelle seines Stoffes nicht untersuchen lassen.
Wulffs Umfeld sieht die Sache jedenfalls eindeutig, wie der deutsche Bob- und Schlittenverband: „Der BSD blickt zuversichtlich auf eine Rückkehr von Simon Wulff in der kommenden Saison und wird ihn auf seinem Weg, soweit es ihm erlaubt ist, weiterhin begleiten“, teilte er mit. Auch Francesco Friedrich scheint keinen Groll zu hegen: Zwar ist noch ungewiss, wie sich Wulffs Sanktion auf Friedrichs Erfolge im vergangenen Gesamtweltcup auswirken werden, jedoch: Wulffs Ankündigung in den sozialen Medien, dass er sich freue, im Herbst 2026 zurückzukehren, versah Friedrichs Bobteam am Dienstag mit einem digitalen Herzchen, wie viele andere Athleten.

