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Karriereende von Simon Schempp:Der Mann für die Spannung vor der Ziellinie

BIATHLON Oberhof Thueringen GER 08 01 2017 IBU WORLD CUP DKB Arena Maenner HERREN MEN MASSENSTA; Simon Schempp

Erster! Simon Schempp beim Massenstart 2017 in Oberhof.

(Foto: Camera4/Imago)

Simon Schempp kämpfte mit den besten Biathleten um die großen Erfolge, er war Protagonist vieler Zielspurts. Nun ist Schluss, doch ein Olympiasieg winkt noch.

Von Saskia Aleythe

Welche Lektionen kann einem der Sport erteilen? Simon Schempp könnte da einige aufzählen, er hat sich in seinen langen Jahren als Biathlet an ihnen abgearbeitet. Die prägendste war vielleicht die: Geschenkt gibt es wenig, das musste der 32-Jährige immer wieder erleben. Schempp war der Mann der Schlussspurts und der Fotofinishs, er ärgerte die Großen, weil er selbst ein Großer war: 2018 bei Olympia in Pyeongchang im Massenstart piesackte er Martin Fourcade bis über die Ziellinie so neckisch, dass der Franzose erst mal vor Wut seinen Stock in den Schnee schlug.

Olympiasieger wurde damals trotzdem Fourcade, Schempp fehlten 14 Zentimeter zum Sieg. Erster Gedanke? "Shit." Zweiter Gedanke: "Ich bin total glücklich mit Silber." Warum auch nicht? Wenn es spannend wurde vor der Ziellinie, dann oft nicht nur mit, sondern wegen Simon Schempp.

2015 kämpfte Schempp um den Weltcup-Gesamtsieg mit

Es waren Kämpfe, die die Konkurrenz in Erinnerung behält, auch jetzt, da der berühmteste Uhinger der Sportwelt einen neuen Lebensabschnitt beginnt: Am Donnerstag verkündete Schempp seinen Abschied vom Biathlon. "Seit einiger Zeit spüre ich, dass mein Körper nicht mehr voll belastbar ist, und an diesem Zustand konnte leider auch mein unbändiger Wille nichts ändern", schrieb er auf Instagram, "schlussendlich konnte ich nicht mehr der Biathlet sein, der ich lange war, weder im Wettkampf noch im Training. Dieses Signal kann und will ich nicht länger ignorieren." Im Sommer nach Olympia stürzte er mit dem Mountainbike, hatte eine Schulter-OP und immer wieder Rückenprobleme, auf der Loipe kam Schempp nicht mehr in die Form, die ihn einst ausmachte.

Fourcade, Ole Einar Björndalen und Emil Hegle Svendsen: Schempp hat sich mit ihnen allen duelliert, weil ihm oft nicht viel fehlte, um sie zu bezwingen: 2015 kämpfte Schempp sogar um den Sieg im Gesamtweltcup mit, er wäre der erste Deutsche seit Michael Greis 2007 gewesen, der diese Jahreswertung gewinnt. Bis auf 23 Zähler kam Schempp damals an den Seriensieger Fourcade heran. Doch dann passierte, was ihn immer wieder ausbremste. Erkältungen, Infekte, Formtiefs. Seine Leistung über eine ganze Saison zu kompensieren, fiel Schempp schwer. Um seine Stärke - teilweise kam er auf eine Trefferleistung von über 90 Prozent - wusste die Konkurrenz trotzdem immer, und sie tut es bis heute: Fourcade postete nach Bekanntwerden des Rücktritts Erinnerungsfotos der gemeinsamen Zeit, darunter auch eines von einem Massenstart in Oberhof 2017: Wie Schempp im Zielsprint über die Linie huscht, knapp vor dem Franzosen und Erik Lesser, die Arme nach oben gereckt.

Simon Schempp (SC Uhingen) DSV-Medientag Biathlon, 13. 09. 2018, Oberhof Oberhof *** Simon Schempp SC Uhingen DSV Media

Simon Schempp im September 2018.

(Foto: Eibner/Imago)

Als Schempp 2017 bei der WM in Hochfilzen Weltmeister im Massenstart wurde, war einer der ersten Gratulanten Johannes Thingnes Bö, er sagte ihm ins Ohr: "Ich habe immer an dich geglaubt." Diese Goldmedaille damals war so etwas wie eine Befreiung für Schempp: Mit den Staffeln hatte er damals schon sieben WM-Medaillen gewonnen, aber nie eine alleine. Erik Lesser, Arnd Peiffer, Benedikt Doll, sie alle waren solo schon Weltmeister geworden. "Alle haben immer nach dieser Medaille gefragt, das war keine leichte Situation", sagte Schempp, als es ihm endlich auch geglückt war. Damals hatte er auf der Schlussrunde noch Energie gefunden, die ihm sonst in diesem Abschnitt oft verloren gegangen war, überholte am letzten Anstieg unter lautem Getöse der Fans den bis dahin Führenden Simon Eder.

Biathlon wird Schempp weiter begleiten

Am letzten Tag der WM hatte Schempp damals sein Gold gewonnen, es blieb wenig Zeit zum Feiern. Aber das passte zu ihm: Die lauten Töne packte er nie aus, er war immer der höfliche Herr Schempp. Nur einmal sagte er über sich selber, er müsse "vielleicht ein bisschen mehr Drecksau sein", da ging es um sein Verhalten im Zielsprint, wenn es nötig ist, die Ellbogen auszupacken und den Korridor zum Überholen klein zu machen. Eine Formulierung, auf die er später nicht so gerne angesprochen wurde, aber da war er schon ein bisschen mehr Drecksau geworden, zumindest auf der Strecke.

Acht WM- und drei Olympiamedaillen sind die Bilanz von Schempps sportlicher Karriere, nun will er mit einem Wirtschaftsingenieursstudium etwas für den Kopf tun, eine Tätigkeit als Trainer schließt er für die Zukunft nicht aus. Ohnehin wird ihn Biathlon weiter begleiten. Mit Partnerin Franziska Preuß, die derzeit beste Deutsche im Weltcup ist. Und höchstwahrscheinlich kommt noch eine Medaille per Post: Bei Olympia 2014 in Sotschi liefen die Russen zu Gold, mit Jewgeni Ustjugow, der später vom Biathlon-Weltverband für schuldig befunden wurde, gedopt zu haben. Auch der Internationale Sportgerichtshof Cas bestätigte das Urteil. Die deutsche Staffel lief damals um den Sieg mit, erst auf der Schlussrunde musste sich Simon Schempp geschlagen geben gegen Anton Schipulin. Mancher Sieg und manche Niederlage, auch das ist so eine Lektion des Sports, geraten später in ein anderes Licht.

© SZ/jki/cca
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