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Silber-Turner Hambüchen und Nguyen:Bild vom fahrlässigen Talent verblasst

Nguyen bekam diesmal 15,800 Punkte an seinem Lieblingsgerät. Besser war nur der Chinese Feng Zhe mit 15,966 Zählern. Bronze ging an den Franzosen Hamilton Sabot (15,566). Hinterher sagte Marcel Nguyen, alles sei gar nicht so schwer gewesen. "Es war gut", sagte er, "dass ich schon einmal Silber hatte, so war ich ruhiger." An Gold hatte er angesichts der überragenden Vorführung von Feng nicht geglaubt, in kühneren Träumen an Bronze, aber nicht an Silber. Sein Trainer Valeri Belenki vielleicht schon eher, er sagte: "Wir waren gut vorbereitet, auch Übungen aus der Kälte zu machen."

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Mit der Kälte hat er nicht den Londoner Regen und Wind gemeint, sondern die Tatsache, dass man sich bei den Olympia-Finals vor den Übungen nicht einturnt. Überhaupt war es ein außergewöhnliches olympisches Barrenfinale. Zwei Brüder aus Japan waren dabei, und erstmals neun statt acht Turner. Denn der Chinese Zhang Chenglong und der Franzose Sabot hatten es geschafft, in der Qualifikation jeweils exakt eine 15,366 zu turnen und damit auf Platz acht zu landen.

Für Marcel Nguyen spielte all dies kaum eine Rolle. Er habe sich konzentriert wie immer, sagte er. Nguyen hatte am Barren im Laufe der vergangenen sieben Jahre ja auch beachtliches Selbstbewusstsein aufgebaut, jedes Jahr ein Stückchen mehr. In Zeiten, da sich im deutschen Turnen viele auf das Reck spezialisieren, blieb Nguyen an diesem deutschen Königsgerät konsequent ungenau und wackelig und brachte es dafür an den zwei Holmen zu immer größerer Präzision. Der vorläufige Höhepunkt kam dann Ende Mai, als er in Montpellier Europameister wurde.

In London steigerte er sich noch, das Bild vom fahrlässigen Talent verschwindet allmählich. Der Unterhachinger hat zwar eine exzellente Turner-Figur mit schlanker Taille und geraden Beinen, nur muss er eben noch lernen, sie im entscheidenden Momente parallel zusammenhalten. Im Mehrkampf-Finale ist ihm das ja bereits gelungen, und auch im Einzel-Endkampf hatten die Punktrichter an seiner Haltung nichts auszusetzen, sie gaben ihm sogar eine bessere B-Note als Feng. Sorgen, sagte Trainer Belenki, habe er eigentlich nur kurz vor Schluss gehabt.

Nguyens Übung ist wie eine gute Ge-schichte, die Spannung steigert sich allmählich zu einem späten Höhepunkt. Sein Abgang, der so genannte Tsukahara, ist nun allmählich auch außerhalb der reinen Turn-Szene bekannt: einerseits, weil er großen Anteil an Nguyens Erfolgen hat, andererseits, weil Nguyen der Einzige ist, der ihn zurzeit vorführt. Doch Trainer Belenki sagt, der entscheidende Moment komme schon zuvor, beim Schwungholen.

Da muss sich Nguyen gleichzeitig drehen und dann weit zur Kerze strecken, sonst fehlt ihm das Tempo für den Doppelsalto mit ganzer Drehung. Nguyen sagte später: "Ich habe mir einfach vorgestellt, ich sei jetzt zu Hause in meiner Turnhalle, und dann hat alles gepasst." Tatsächlich: die Kerze, der Schwung und das Ende.