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Shorttrack-Weltmeisterin:Abschied vom Pantherherz

March 16, 2018 - Montreal, Canada - LARA VAN RUIJVEN of Netherlands during qualifying for the ISU World Short Track Spe

Holland trauert: Lara van Ruijven, die als erste Niederländerin im Shorttrack in einem Einzelrennen WM-Gold gewann, starb mit 27 Jahren.

(Foto: Patrice Lapointe/ZUMA Press/imago)

Shorttrack-Weltmeisterin Lara van Ruijven stirbt im Trainingslager - mit nur 27 Jahren. Zwei Wochen lang hatten die Niederländer mit ihr gebangt.

Von Saskia Aleythe

Die Wolken haben sich nicht mehr verzogen. Jeroen Otter versucht zu schildern, wie sich die letzten Wochen für ihn angefühlt haben, seit zehn Jahren ist er schon Nationaltrainer der niederländischen Shorttracker, nun sitzt er auf einer Bank auf einer französischen Wiese und soll dem TV-Sender NOS den Tod seiner Athletin erklären. "Man muss es sich so vorstellen: Es wird bewölkt, wolkiger und schließlich tiefschwarz. Es ist kein Lichtstrahl durchgedrungen. Ein Albtraum", sagte Otter am Sonntagabend. Vor ein paar Wochen war er mit seiner Trainingsgruppe nach Font Romeu in Südfrankreich zur Saisonvorbereitung aufgebrochen. Doch Leistungstests spielten schnell keine Rolle mehr, nachdem Lara van Ruijven ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Zwei Wochen lang hatten die Niederländer mit ihr gebangt, Genesungswünsche garniert mit "#panterlara" gingen durch die sozialen Netzwerke, die Sportlerin liebte alles mit Leopardenmuster. Sie hatte das Land 2019 mit Stolz erfüllt - und Sportgeschichte geschrieben: Als erste Niederländerin konnte sie im Shorttrack in einem Einzelrennen WM-Gold gewinnen. Über 500 Meter rutschte sie in Sofia seitlich auf dem Po ins Ziel, mit den Kufen voran, die Italienerin Martina Valcepina wurde nach unerlaubtem Gerangel disqualifiziert und van Ruijven zur Siegerin erklärt.

Die Niederlande gehören zu den besten fünf Nationen im Shorttrack bei Weltmeisterschaften, in ihrer Heimat wurde später eine Lilie nach van Ruijven benannt, begleitet von einem feierlichen Akt. Am Freitagabend ist Lara van Ruijven im Krankenhaus von Perpignan gestorben, mit 27 Jahren.

"Dein Pantherherz wird für immer in unseren Herzen sein", schrieb Shorttracker Daan Breeuwsma auf Twitter.

"Ich bin so froh, dass ich eine Weile ihre Hand halten konnte"

Am 25. Juni wurde sie mit Unwohlsein ins Krankenhaus eingeliefert. "Eine Autoimmunreaktion führte zu schweren Komplikationen; innere Blutungen, vor allem im Gehirn, machten die Situation schnell lebensbedrohlich", teilte der Niederländische Eisschnelllauf-Verband KNSB mit. Bevor sie zwei Mal operiert wurde, kam Trainer Otter im Krankenhaus vorbei, brachte Lakritze mit. Sie schrieb ihm abends eine SMS, erzählte Otter später, sie suchte Kontakt, lesen konnte er sie erst am nächsten Morgen: "Schläfst du schon?" Es war die letzte Nachricht, die er von ihr bekam.

Van Ruijvens Zustand verschlechterte sich, immer mehr Wolken, am 29. Juni wurde sie auf die Intensivstation verlegt, wo sie ins künstliche Koma versetzt wurde. Das Engagement der Ärzte sei bewundernswert, ließ ihre Familie mitteilen, doch helfen konnte ihrer Tochter nichts mehr. Sie sollen sich von ihr verabschieden, wurde ihnen gesagt, lieber möglichst bald. Am Freitag kamen ihre Staffelkolleginnen Suzanne Schulting, Yara van Kerkhof und Rianne de Vries ins Krankenhaus. "Ich bin so froh, dass ich eine Weile ihre Hand halten konnte. Dass ich ihr sagen konnte, wie sehr ich sie liebe und wie sehr ich sie vermissen werde", sagte Schulting im TV-Sender NOS, Schulter an Schulter mit den Kolleginnen. Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang hatten sie zusammen auf spektakuläre Weise zusammen Bronze gewonnen, damals lief für Ersatzfrau Rianne de Vries noch Jorien ter Mors, die auch im Eisschnelllauf Medaillen gewann.

Für das A-Finale über 3000 Meter konnte sich das Quartett in Südkorea damals nicht qualifizieren, voller Trotz tobte es dann im B-Finale in Weltrekord-Zeit übers Eis. Und weil im A-Finale von den vier Mannschaften zwei disqualifiziert wurden, rief der Hallensprecher schließlich das Team um van Ruijven als Bronze-Gewinner aus. Ungläubige Freudenschreie erfüllten die Halle, die Sportlerinnen lagen sich in den Armen, im schönsten Moment. Und waren nun auch im schlimmsten Moment in Frankreich Seite an Seite.

300 Tage pro Jahr verbringt Otter mit seinen Athleten, er hat mit van Ruijven einen langen Prozess durchgemacht: "Ich musste sie manchmal in den Hintern treten", zu nett für den Konkurrenzkampf sei sie gewesen, "es tat ihr leid, wenn sie andere besiegte." Optimismus habe ihr auf der Stirn gestanden. Van Ruijven stand für Härte gegen sich selbst, wenn es um Disziplin ging; das weiche Herz im Umgang mit anderen machte sie in ihrem Sport so beliebt. Sie zeigte, dass auch Einzelsportler Teamplayer sein können. Van Ruijven hatte lange parallel Hockey gespielt, bevor sie sich im späteren Teenageralter ganz dem Shorttrack verschrieb. "Man merkt plötzlich, wie wichtig die Nähe bestimmter Menschen ist", sagte ihre Kollegin Schulting noch, "und dass man das Leben ungemein genießen muss. Weil es auf einen Schlag vorbei sein kann."

© SZ vom 14.07.2020/ebc
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