Süddeutsche Zeitung

Shorttrack bei Olympia:Der Norden macht Stimmung, der Süden gewinnt

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Von Thomas Hummel , Pyeongchang/München

Manch einer mag inzwischen durcheinanderkommen, so plötzlich ist in den vergangenen Stunden aus kategorischer Ablehnung potenzielle Veröhnung zwischen den beiden Koreas geworden. In Südkorea beispielsweise ging am ersten Tag der Olympischen Spiele ein Screenshot des amerikanischen Fernsehsenders NBC von der Übertragung der Eröffnungsfeier durch die sozialen Medien. Dort steht als Ort des Geschehens: Pyeongchang, North Korea.

Auch in der Gangneung Ice Arena machten die Besucher große Augen. Auf die Shorttrack-Rennen hatte ganz Südkorea gewartet, schließlich gingen fast die Hälfte aller Goldmedaillen, seitdem die Sportart 1992 olympisch ist, an Athleten des Landes. Und so war wirklich was los in der Halle mit mehr als 11 000 Menschen. Auch Staatspräsident Moon Jae-in war da. Doch mit Abstand am meisten Stimmung machte ein Block in rot gekleideter Frauen aus Nordkorea.

Es saßen auch ein paar Männer dazwischen, aber die wirkten mit ihren grimmigen Blicken wie Aufpasser. Die mehr als 100 Frauen also feuerten zuerst den Nordkoreaner Choe Un-song über 1500 Meter an. Nachdem der jedoch wie erwartet ausgeschieden war, wechselten sie kurzerhand die Flaggen und wedelten fortan mit der koreanischen Vereinigungsfahne. Lautstark riefen die Frauen aus Nordkorea die Namen der Sportler aus dem Süden. Die Big Band - ebenfalls aus dem Süden - auf der anderen Seite der Halle kam kaum gegen sie an.

Richtig laut wurde es dann erstmals, als die Frauen-Staffel Südkoreas trotz eines Sturzes noch ihr Halbfinale gewann. Danach folgte das Finale über 1500 Meter der Männer. Und gleich das erste Gold.

Lim Hyo-jun siegte und ist damit der erste koreanische Held von Pyeongchang. Es war ein turbulentes Finale, aber was heißt das schon in einer Sportart, in der praktisch jedes Rennen mindestens turbulent ist. Wenn sich Fußballfans über die langen Entscheidungsfindungen des Video-Schiedsrichters in der Bundesliga aufregen, sollten sie dem Shorttrack fernbleiben. Aufgrund des enges Ovals, der hohen Geschwindigkeiten und der harten Positionskämpfe kommt es hier häufig zu Stürzen. Danach entscheidet das Schiedsgericht, ob und wer disqualifiziert wird. Oder ob jemand in die nächste Runde aufrückt, weil er aufgrund eines unfairen Konkurrenten zu Sturz gekommen ist. Letztendlich standen neun Fahrer im Finale über 1500 Meter - für Shorttrack-Verhältnisse ein Riesen-Feld.

Lim sollte eigentlich Schwimmer werden

Eigentlich sollte für Südkorea das 18-jährige Wunderkind Hwang Dae-heon siegen. Doch der strauchelte in einer Kurve, schlug dabei nach hinten aus und traf den Franzosen Thibaut Fauconnet mit der messerscharfen Kufe im Gesicht. Fauconnet blieb unverletzt, rauschte aber auf Platz vier liegend ebenso wie Hwang in die Fangmatten. So blieb Lim vorne recht ungefährdet, Silber holte der Niederländer Sjinkie Knegt, Bronze Semjon Jelistratow aus Russland.

Jelistratow hatte bei den Spielen in Sotschi vor vier Jahren die Goldmedaille mit der russischen Staffel gewonnen. Zwei seiner Teamkameraden wurden vom Internationalen Olympischen Komitee aufgrund der Doping-Vorwürfe gegen die Russen für Pyeongchang gesperrt, Wladimir Grigorjew und Viktor Ahn. Ahn war einmal Koreas Shorttrack-Held, gewann 2006 für das Land drei Mal Gold in Turin. Nach Differenzen mit dem Verband wechselte er nach Russland und holte 2014 in Sotschi noch einmal drei Goldmedaillen. Nun aber gehört Ahn zu jenen russischen Athleten, die vom IOC ausgeladen sind. Warum Jelistratow dabei ist und die anderen nicht, dafür fehlen bislang genaue Begründungen.

Bei der Siegerehrung jedenfalls gab sich Jelistratow - wohl aus Gewohnheit - deutlich gelassener als der Südkoreaner Lim, der von der Situation überwältigt zu sein schien. "In den Vorläufen holte ich mir Selbstvertrauen, und dann sagte ich meinem Trainer 'Ich könnte eine Überraschung liefern heute Abend'. Und das machte ich dann auch." Das Leben des ersten Olympiasiegers der Gastgeber wird nun selbstredend entblößt. So sollte er eigentlich Schwimmer werden, musste diese Karriere aber beenden - angeblich weil er sich mit einem Wattestäbchen das Trommelfell verletzte. Mittlerweile hat Lim mit seinen 21 Jahren tatsächlich bereits sieben Operationen hinter sich.

Aber egal, ob mit oder ohne intaktem Trommelfell: In Südkorea ist Lim von nun an ein Star. Ob das auch für den Norden Koreas gilt, ist bislang ungewiss. Die orchestrierten Party-Mädchen mit den roten Jacken waren bei der Siegerehrung jedenfalls schon abgerauscht, die koreanischen Vereinigungsfahnen in der Hand.

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