Ski alpinVollendung gegen Zukunft

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Gewinnt Emma Aicher tatsächlich den Gesamtweltcup? Am Wochenende kann sie Boden auf Mikaela Shiffrin gutmachen.
Gewinnt Emma Aicher tatsächlich den Gesamtweltcup? Am Wochenende kann sie Boden auf Mikaela Shiffrin gutmachen. Pontus Lundahl/AFP
  • Emma Aicher, 22, und Mikaela Shiffrin, 31, kämpfen beim Weltcupfinale in Norwegen um den Ski-alpin-Gesamtweltcup.
  • Shiffrin führt mit 1286 Punkten vor Aicher (1146 Punkte) und hat bereits fünfmal den Gesamtweltcup gewonnen.
  • Für einen deutschen Sieg bräuchte Aicher unter Umständen 281 Punkte in vier Rennen, was einem Skiwunder gleichkäme.
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Mikaela Shiffrin und Emma Aicher stehen vor einem historischen Duell um den Ski-Alpin-Gesamtweltcup. Was für die erfahrene US-Amerikanerin spricht – und warum die Deutsche eine Chance hat.

Von Korbinian Eisenberger

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Es ist eine dieser Konstellationen, die der Ski-Weltcup selten, vielleicht sogar nur einmal in einer Generation hervorbringt: Erfahrung gegen Aufbruch, Präzision, die nie garantiert ist, gegen Unerschrockenheit, die fast schon an Leichtsinn grenzt. Vor dem Weltcupfinale in Norwegen verdichtet sich alles zu einem Duell, das größer ist als die bloße Addition von Punkten – es ist ein sportliches Narrativ, das sich kaum schöner hätte schreiben lassen. Emma Aicher, 22, gegen Mikaela Shiffrin, 31: die Gegenwart im Werden gegen die Gegenwart in Vollendung.

Aicher, seit einem Jahr aus dem Schatten der Talentprognosen herausgetreten, fährt in diesem Winter, als hätte sie nie etwas anderes getan, als die Skikönigin Shiffrin im Gesamtweltcup herauszufordern. Sie gleitet den Hang hinab mit einer fast schon bedrohlichen Ausdrucksform von Gemütlichkeit. In jeder Kurve schwingt eine Mischung aus Stabilität und Speed mit, die schwer zu ergründen ist. Vielleicht ist es genau das, was sie so unberechenbar macht: eine Mischung aus Freude und Unbekümmertheit, die inzwischen immer seltener, aber doch bisweilen ins Chaos kippt.

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Auf der anderen Seite steht die US-Amerikanerin Shiffrin, die den Gesamtweltcup längst zu ihrem Terrain erklärt hat, fünfmal hat sie die große Kugel gewonnen, so oft wie nur die Österreicherin Annemarie Moser-Pröll in den 1970ern. Technische Finesse, ihr Gespür für den Schnee, der mehr aus Eisfurchen besteht – all das wirkt so ausgereift, dass man nahezu vergisst, wie viel Risiko in jedem Schwung steckt. Shiffrin fährt nicht spektakulär im klassischen Sinne. Nicht wie Bode Miller, nicht wie Lindsey Vonn. Vielleicht steckt in der unaufgeregten Eleganz der Mikaela Shiffrin das historische Geheimnis.

Die Geschichte des Ski-Weltcups, die 1967 mit den ersten Gesamtsiegern Jean-Claude Killy aus Frankreich und Nancy Greene aus Kanada begann, könnte jetzt – ausgerechnet in der shiffrinschen Monarchie – einen außerordentlichen deutschen Vermerk erhalten: Rosi Mittermaier (1976), zweimal Katja Seizinger (1996 und 1998) sowie zuletzt Maria Riesch 2011 hatten in der alpinen Gesamtwertung triumphiert. Bei den Männern glückte das nie einem Deutschen, nur Markus Wasmeier gelang 1986 und 1987 der Sprung aufs sogenannte Treppchen, als er jeweils Gesamtdritter wurde. „Dass ich hier stehen kann, und sagen kann, dass ich im Kampf dabei bin, das ist schon riesig für mich“, sagte Aicher zuletzt im ORF. „Vor einem Jahr war ich ja noch nirgends im Vergleich. Ich bin schon sehr stolz, dass das so ist.“

Aichers Potenzial erahnten sie beim Deutschen Skiverband (DSV), 2020 holten sie die gebürtige Schwedin zu sich und nahmen sie als Teenagerin ohne Weltcup-Start mit zur WM nach Cortina d'Ampezzo, wo sie im Teamevent Bronze holte. Es folgten harte Winter für Aicher, unzählige Ausfälle, gefolgt von nimmermüden Loyalitätsbekundungen von DSV-Alpinchef Wolfgang Maier. Diese Emma Aicher, die werde sich früher oder später im Wettstreit um den Gesamtweltcup einmischen, das betonte jener Mann, der als zentraler Vermittler einfädelte, dass Aicher für Deutschland startet statt für Schweden. Und jene, für die Aicher derzeit die größte sportliche Bedrohung bedeutet, hat respektvolle Worte für die Deutsche übrig, nicht zum ersten Mal. Dass ihr die über acht Jahre jüngere Aicher noch die große Glaskugel streitig mache, samt Aufholjagd, dazu sagte Shiffrin vor dem Finale: „Um ehrlich zu sein: Sie verdient das wirklich.“

Dass dieser alpine Winter nun in Kvitfjell, Norwegen, entschieden wird, wo Aicher 2025 ihr erstes Weltcuprennen gewann? Verleiht der Angelegenheit zusätzliche Gravität. Finalduelle waren zuvorderst stets weniger Räume für Entwicklung oder Vergangenheitsbewältigung, mehr für Urteile. Hier zählt für den Moment nicht mehr, wer die schönere Geschichte oder Zukunft hat, sondern wer den Moment zu Ende erzählt.

Wenig bekannt ist über die mathematische Begabung dieser beiden Frauen. Und doch muss Rechnerei bemüht werden, um die Tragweite zu umreißen. Shiffrin: 1286 Punkte, Aicher: 1146. Nimmt man als Basis an, dass Shiffrin auch den nächsten Slalom gewinnen wird (100 Punkte), im Riesenslalom wie nicht selten Platz sechs belegt (40) und sonst keine Punkte holt (in der Finalwoche werden nur die besten 15 belohnt), sähe die Rechnung so aus:  Aicher müsste in den vier Rennen mindestens 281 Punkte holen, also etwa die Abfahrt gewinnen (100), im Super-G Zweite werden (80), im Slalom Dritte (60) und im abschließenden Riesentorlauf Fünfte (45). Anders gesagt: Sollte Shiffrin tatsächlich den neunten von zehn Slaloms gewinnen, braucht es ein deutsches Skiwunder.

Aicher hat wenig zu verlieren. Shiffrin hingegen kennt die Fallhöhe. Sie weiß, was es bedeutet, eine Saison zu dominieren – und sie weiß auch, wie schmal der Grat ist, auf dem sich dieser Anspruch bewegt. Aicher kann angreifen im Geiste der noch fast jugendhaften Unbekümmertheit. Shiffrin wird sehr wahrscheinlich abwägen, sie kennt das Spiel. Und doch wäre es zu einfach, daraus eine klassische Geschichte von Jugend gegen Erfahrung zu konstruieren. Wie so oft im alpinen Skisport dürfte es um Kleinigkeiten gehen: ein minimaler Kanteneinsatz zu spät, ein Schwung um Zentimeter zu direkt, ein Moment des Zögerns oder der Überschätzung. In diesen Nuancen entscheidet sich nicht nur ein Rennen, sondern womöglich ein ganzer Skiwinter.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Schönheit dieses Duells: dass es sich nicht vorzeitig erklären lässt, eventuell offen bleibt bis zum letzten Schwung. Dass zwei so unterschiedliche Wege auf fast denselben Punkt zulaufen – und man erst im Ziel weiß, welcher Weg der schnellere war.

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