Sheriff schlägt Real:Ein bedingt begrüßenswerter Außenseiter

Real Madrid v FC Sheriff: Group D - UEFA Champions League

Die Mannschaft von Sheriff Tiraspol jubelt nach dem 2:1 bei Real Madrid.

(Foto: Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images)

Der Sieg von Sheriff Tiraspol bei Real Madrid ist nicht nur eine der größten Champions-League-Sensationen seit Jahren - sondern auch der Erfolg eines Projektes, das dem Image eines zwielichtigen Regimes dienen soll.

Kommentar von Johannes Aumüller

Ach, wie schön wäre es, das Ganze einfach nur als eine große Fußball-Sensation begreifen zu können. Da kommt aus dem fernen Osten Europas ein völlig unbekannter Klub namens FK Sheriff Tiraspol daher, qualifiziert sich als Serienmeister der moldawischen Liga für die Champions League und gewinnt am zweiten Spieltag mal eben 2:1 bei Real Madrid. Selten genug gibt es in der durchkapitalisierten Fußballwelt noch solche überraschenden Ereignisse. Und der Coup der Namenlosen wirkt natürlich besonders herrlich in einer Zeit, in der sich Real und andere gefräßige Großklubs gerne in ihre Super-League-Parallelwelt absetzen wollen statt weiter in der Königsklasse zu kicken.

Aber es passt zur Verfasstheit des Gegenwartsfußballs, dass selbst solche Heldengeschichten etwas kompliziertere Angelegenheiten sind. Denn beim FK Sheriff Tiraspol handelt es sich nicht nur um einen fußballerischen Außenseiter, dem eine der größten Sensationen in der Geschichte der Champions League gelungen ist. Sondern zugleich ist er ein sehr spezielles politisches Projekt, mit dem sich Europas Fußball eigentlich viel mehr auseinandersetzen müsste, wenn er den Klub in seiner Mitte begrüßt.

Tiraspol liegt in der kleinen Region Transnistrien, die sich längst von der Republik Moldau losgesagt hat und traditionell sehr Russland-freundlich ist. Seit Jahren herrscht in dem schmalen Streifen ein eigenes Regime samt eigener Armee und Währung, das völkerrechtlich kein anderes Land anerkannt hat, aber den Schutz des Kremls in Moskau genießt.

Die Holding Sheriff kontrolliert sehr vieles in Transnistrien

Beobachter monieren Korruption, Schmuggel und die Menschenrechtslage. Und eine elementare Rolle in dem transnistrischen System spielt eine zwielichtige Holding namens Sheriff: Sie hat großen Einfluss auf die transnistrische Politik und kontrolliert nach den Recherchen unabhängiger Medien fast zwei Drittel der Wirtschaft; und sie dient eben auch als Sponsor und Namensgeber des Fußballklubs, der nun Real schlug. Ein Gründer des Unternehmens ist zugleich der Präsident des Vereins.

Der FK Sheriff ist eindeutig ein Teil des herrschenden politisch-ökonomischen Geflechts. Er soll mithelfen, die Stärke Transnistriens im ewigen Konflikt mit der Republik Moldau zu demonstrieren. Sein Budget ist im internationalen Vergleich natürlich sehr überschaubar, aber für die Verhältnisse der moldawischen Liga recht hoch. Deswegen schließen sich immerhin internationale Fachkräfte aus der zweiten und dritten Reihe dem Klub an, so wie der griechische Torwart Giorgos Athanasiadis, der gegen Real viele starke Paraden zeigte, oder der luxemburgische Offensivspieler Sebastien Thill, der kurz vor Schluss das 2:1-Siegtor erzielte.

19 nationale Titel in 21 Saisons sprangen so heraus, nun soll auch der internationale Glanz der Region zugute kommen. Über einen erfolgreichen Fußball das Image und den Einfluss eines umstrittenen Regimes aufbessern: Da ist der kleine FK Sheriff in gewisser Weise ein Verwandter der großen Staatsklubs wie Paris/Katar oder ManCity/Abu Dhabi, die er aber trotzdem gerne besiegen darf, wenn er mal auf sie trifft.

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