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Corona in der Serie A:Sonderregeln für Cristiano Ronaldo

Corona-Quarantäne in Balkonien: Ein Bild vom Dienstag, an dem Cristiano Ronaldo seinen portugiesischen Teamkollegen beim Training zuschaut

(Foto: AFP)

In Italiens Fußball regiert das Chaos: Mittlerweile sind zehn der 20 Klubs von Corona betroffen. Dass Ronaldo erst die Quarantäneregeln bricht, dann aber hofiert wird, geht vielen auf die Nerven.

Von Oliver Meiler, Rom

Am Turiner Flughafen Caselle wartete ein privater Ambulanzwagen auf Cristiano Ronaldo, und das war für sich schon ein eigentümliches Bild, eines für die reiche Sammlung an sonderbaren Schnappschüssen aus dieser Zeit. CR7 hat Covid-19. Privat war auch der Flug, der den Portugiesen von Lissabon zurück nach Turin brachte, an seinen Arbeitsplatz. Er durfte dafür nicht seine eigene Maschine gebrauchen, den Gulfstream 200: Denn auch der Flieger musste eine Ambulanz sein. Wer dafür bezahlt hat, ist nicht klar, wahrscheinlich Juventus Turin. Jedenfalls war die Rückkehr des "Fußballkönigs", der wandelnden Litfaßsäule des italienischen Fußballs, eine Verbiegung des Sicherheitsprotokolls - eine legale zwar, aber eben doch eine strapazierte Interpretation der Regeln. Die Turiner Gesundheitsbehörde hat die Ausnahme bewilligt, und das geht in Italien vielen auf die Nerven.

Der Calcio versinkt gerade im Chaos mit Corona, sanitär und juristisch. Die Liste mit Infektionsfällen in der Serie A wird immer länger, 31 Namen stehen aktuell darauf, Stand Donnerstagmittag, und einer von ihnen ist der Posterboy der Liga. Zehn von zwanzig Teams sind mittlerweile betroffen. Die Dynamik der Neuinfektionen gleicht jener des ganzen Landes - rasant wachsend. Trotz Abschottung, trotz Protokollen und Dauertests. Allein Inter Mailand zählt sechs Spieler mit Corona, der AC Mailand zwei, und am Wochenende steht das Mailänder Derby auf dem Programm.

Wie soll das nur weitergehen? Ronaldo fühlt sich offenbar blendend, keine Symptome, Daumen rauf für die sozialen Medien. Die Nachricht seines positiven Tests in Portugal, wo er gerade für einen Termin mit der Nationalmannschaft weilte, war den italienischen Medien so wichtig, dass sie Pushmeldungen aufs Handy schickten. "Ronaldo choc", titelte die Mailänder Zeitung Corriere della Sera, was Lesern im hart getroffenen Norden Italiens wie eine unbotmäßige, vielleicht auch pietätlose Übertreibung vorkommen musste.

Ronaldos jüngste Reiserei illustriert das Chaos aufs Beste

Aber natürlich ging es dabei vor allem um die Sorge ums Geschäft. Die Aura des 35-jährigen Ronaldo macht etwa 99 Prozent der Strahlkraft der Serie A aus, Komplikationen wären verheerend. Überhaupt: Der Calcio würde eine Suspendierung der Meisterschaft wohl wirtschaftlich nicht überleben, geschweige denn einen Abbruch. Manche Analysten sind der Meinung, dass nur eine dichte Blase, in der zum Beispiel die Basketball-Liga NBA in den USA ihre Spielzeit durchziehen konnte, die Serie A bis zum Saisonende retten würde. Doch wie eine solche Bubble im Fußball praktisch funktionieren könnte, wo gespielt würde, in welchen Stadien und in welchen Zeitabständen - darüber hat sich bisher noch niemand ernsthaft Gedanken gemacht.

Der Trainer von Sassuolo Calcio, Roberto De Zerbi, ist einer der Fürsprecher der Blase. Er argumentiert mit einer Szene aus seinem Familienalltag: "Wenn ich nach Hause komme, küsse ich meine Kinder. Die sind 15 und 17 Jahre alt, sie gehen aus, was weiß ich schon, was die beim Ausgehen machen?" Und was ist mit den Fußballern - zumal mit denen, die ständig im Ausland sind, mit dem Verein oder der Nationalmannschaft?

Ronaldos jüngste Reiserei illustriert das Chaos aufs Beste. Eigentlich hätte er gar nicht erst nach Lissabon reisen dürfen, er brach dafür die Quarantäneregeln in Italien. Er hält sie ohnehin für zu streng, das ließ er alle wissen, und setzte sich einfach darüber hinweg. Gut möglich, dass er dafür noch büßen wird in Italien. Vielleicht war er bereits angesteckt, als er für das Länderspiel gegen Frankreich in die Heimat flog, ganz genau lässt sich das wohl nicht mehr nachverfolgen. Auf Instagram postete Ronaldo dann ein Foto, das ihn zu Tisch mit seinen Kameraden des Nationalteams zeigte. Alle eng an eng, gut gelaunt. Beim 0:0 am Sonntag in Paris gegen den Weltmeister stand Ronaldo noch in Portugals Startreihe, am Dienstag, beim 3:0 gegen Schweden, blieb er draußen.

Zwischendrin kam das positive Testresultat, der Corriere dello Sport titelte erstaunt: "Er ist Mensch wie wir." Nicht ganz. Normalerweise hätte Ronaldo die Quarantäne in Lissabon absitzen müssen, so wenigstens sieht es das italienische Reglement vor - außer eben, man würde ihn in einen Ambulanzflieger setzen und dann mit einem Ambulanzwagen direkt vom Runway zur schönen Villa auf den Hügeln über Turin bringen, zu Lebenspartnerin Georgina und seinen vier Kindern. Alles privat bezahlt. Man darf annehmen, dass das Anwesen groß genug ist, damit sich die Mitglieder der Familie nicht in die Quere kommen.

Zehn Tage dauert die Isolation insgesamt, vier weniger als bisher, das hat die italienische Regierung diese Woche beschlossen - natürlich für alle. Im Flug lief die Frist für Ronaldo einfach weiter. Nach zehn Tagen wird er dann nur einen negativen Test benötigen - und nicht wie bisher zwei -, um wieder mit der Mannschaft trainieren zu dürfen. In der Zwischenzeit übt er im schönen Garten. Für das Serie-A-Spiel gegen Crotone am Samstag und die Champions-League-Begegnung mit Dynamo Kiew am kommenden Dienstag muss er sicher passen, wahrscheinlich auch gegen Hellas Verona am Wochenende darauf. Alles schaut auf den 28. Oktober, dann soll Juve gegen den FC Barcelona spielen, Ronaldo gegen Leo Messi. Aber wer weiß schon, was in zwei Wochen ist?

In Genua hat die jüngste Welle begonnen

Die jüngste Welle der Neuansteckungen im Calcio hatte in Genua begonnen, beim Genoa Cricket and Football Club. Fast die ganze Mannschaft infizierte sich mit Corona, in der akutesten Phase waren 17 Spieler und fünf Betreuer des Vereins positiv. Als man am 27. September gegen den SSC Neapel antrat, war man sich der Lage noch nicht gewahr. Napoli gewann 6:0, fiel dann aber in eine mittlere Psychose, als bekannt wurde, dass beim Gegner viele Corona hatten. Die ersten Tests offenbarten zwei positive Fälle in den eigenen Reihen, und am 4. Oktober sollte man nach Turin fahren, zum Spitzenspiel gegen Juve.

Die Vereine redeten miteinander, Neapel bat um eine Verschiebung. Doch Juve mochte nicht darauf eingehen, was zumindest juristisch ihr gutes Recht war: Das Reglement des italienischen Fußballverbands sieht vor, dass die Klubs der Serie A nur dann eine Verschiebung beantragen können, wenn mindestens zehn Spieler des Kader bekannterweise infiziert sind - und sie dürfen das nur einmal pro Saison tun. Ein Joker also.

Napoli hätte sehr wohl reisen können, sagte das Sportgericht

Napoli hätte ihn gerne gegen Juventus eingelöst, die Inkubationszeit war schließlich erst angelaufen. Niemand wusste, wie viele SSC-Profis bis zum Spielbeginn positiv werden würden. Auch das lokale neapolitanische Gesundheitsamt kam zur Überzeugung, dass es sicherer sei, wenn die SSC nicht nach Turin fahren würde, und verbot die Reise per Verfügung.

Nun, Juve lief trotzdem auf und bekam recht, fürs Erste wenigstens. Das Sportgericht entschied am Mittwoch, dass Neapel sehr wohl hätte reisen können, dass das vorgebrachte Motiv der "höheren Gewalt" in diesem Fall nicht gelte - oder anders: Für den Richter stehen die Regeln des Fußballs über der Verfügung der staatlichen Gesundheitsbehörde. Das Verdikt: Neapel verliert das Spiel 0:3, außerdem wird dem Verein als Strafe ein Punkt abgezogen.

Napoli geht in Berufung, mindestens zwei sportrechtliche Instanzen stehen dafür noch zur Verfügung. Klubpräsident Aurelio De Laurentiis erwägt auch einen Gang vor die ordentliche Justiz. Es steht also eine Schlacht bevor, eine monatelange, begleitet von den üblichen Polemiken und Verschwörungstheorien zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Wie immer mischt sich auch die Politik wieder mächtig ein, parteiisch hüben wie drüben. Und über allem hängt die Frage, ob es nicht gescheiter wäre, das Drama zu beenden, bevor es zur Groteske verkommt.

© SZ vom 16.10.2020/ebc
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