Juventus TurinSelbst der Papst könnte wenig ausrichten

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Erreichte die Spieler bei Juventus nur bedingt: Trainer Igor Tudor (links) im Gespräch mit Andrea Cambiaso (Mitte).
Erreichte die Spieler bei Juventus nur bedingt: Trainer Igor Tudor (links) im Gespräch mit Andrea Cambiaso (Mitte). (Foto: Alberto Lingria/Reuters)
  • Juventus Turin entlässt Trainer Igor Tudor nach nur sieben Monaten, es ist die dritte Entlassung in eineinhalb Jahren.
  • Der Verein hat in den vergangenen acht Geschäftsjahren 999 Millionen Euro Verluste angehäuft und steht derzeit nur auf Rang acht der Serie A.
  • Als neuer Trainer könnte der ehemalige Nationaltrainer Luciano Spalletti kommen, der bereits zu Gesprächen in Turin eingetroffen ist.
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Übermut und Missmanagement haben Juventus Turin in die Krise gestürzt. Jetzt muss Trainer Igor Tudor gehen – doch die Probleme des italienischen Traditionsklubs liegen viel tiefer.

Von Felix Haselsteiner, Mailand

So gerne wäre Igor Tudor ein Trainer im Sinne seines großen Vorbilds geworden. Als sich der Kroate im Frühjahr in Turin erstmals nicht wie früher als Spieler, sondern als Trainer vorstellte, kam er schnell auf seine Liebe zu Juventus zu sprechen – und auf Marcello Lippi. „Wenn ich an Juventus denke“, sagte Tudor damals, „dann denke ich an Lippi.“ Jenen Trainer, der Anfang der Zweitausender acht Jahre lang den Fußball in Turin und in der Serie A prägte. Der für ein Grundelement stand, das sich in der Vereinsgeschichte von Juventus Turin, wo in 128 Jahren gerade einmal zehn Trainer entlassen wurden, immer wieder findet: jahrelange Kontinuität. Neben reichlich Chaos allerdings. Womit man wieder bei Tudor wäre.

Am Montagnachmittag endete die romantische Vorstellung, dass aus dem früheren Spieler und großen Vereinsliebhaber Tudor ein großer Juve-Trainer werden könnte. Schmucklos teilte Juventus die Entlassung mit, nach gerade einmal sieben Monaten, es war die dritte in eineinhalb Jahren. Der Unterschied zu den 126,5 Jahren davor ist klar erkennbar. Tudor allerdings war im März ursprünglich als eine Art Retter gekommen, um die Saison mit der Champions-League-Teilnahme zu beenden. Das gelang ihm, und weil Antonio Conte es vorzog, in Neapel zu bleiben, durfte Tudor weitermachen.

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Alles danach allerdings blieb eine Enttäuschung, eine Entwicklung war nicht erkennbar. Zurzeit steht Juventus auf Rang acht in der Serie A. Wobei die Meinungen über die Schuld des Trainers auseinandergehen in Italien. Im Fall Juventus, wo manche inzwischen witzeln, dass auch der Papst als Trainer nicht viel ausrichten könnte.

In der Ronaldo-Zeit agierte Turin übermütig – und mindestens am Rande der Legalität

Die Probleme der stolzen Alten Dame aus dem Piemont sind weitaus ernsthafter, als dass sie sich mit der Person Tudor erklären oder mit einer Trainerentlassung beheben ließen. Juventus ist inzwischen auf dem Weg, ein warnendes Beispiel dafür zu werden, wozu Übermut und Missmanagement führen können: in eine Krise, die sich nicht mehr nur mit Siegen auf Fußballfeldern lösen lässt. Im Januar etwa steht eine Gerichtsentscheidung an, die exemplarisch zeigt, in welche Schieflage Juventus sich in den vergangenen Jahren manövriert hat. Als „ex-registrierter Spieler“ wird Cristiano Ronaldo in den Finanzunterlagen in Turin schnöde bezeichnet, seinen Namen wollen manche gar nicht mehr nennen. 277 Millionen Euro haben 98 Spiele von Ronaldo im Juventus-Trikot den Verein bereits gekostet, nun will er noch einmal zehn Millionen: Vor Gericht wird darüber verhandelt, ob die Gehaltskürzungen aus der Pandemie-Zeit rechtmäßig waren. Ronaldo, laut Bloomberg seit diesem Jahr erster Milliardär des Fußballgeschäfts, besteht auf seinem Recht.

Es könnten die Millionen werden, die Juventus noch fehlen, um die große Zahl zu erreichen. 999 Millionen Euro, so viel hat der Verein in den vergangenen acht Geschäftsjahren verprasst, in denen in Turin immer rote Zahlen geschrieben wurden. Seit der Saison 2017/18 ist das so, Ronaldo kam damals im Sommer, während der erfolgreichste Manager in der jüngeren Geschichte des italienischen Fußballs seinen Hut nahm: Giuseppe „Beppe“ Marotta war es, der Juventus zwischen 2012 und 2018 zu sieben Meisterschaften in Serie geführt hatte, zwei weitere folgten später mit Ronaldo. Marotta war da schon bei Inter Mailand mit dem Neuaufbau beschäftigt, auch weil er bei Juventus die Zeichen der Zeit erkannt hatte. Der Strategie, sich mit Ronaldo zu internationalisieren und um ihn herum eine Mannschaft zu bauen, die die Champions League gewinnen könnte, misstraute Marotta. Er sollte recht behalten.

Turin agierte übermütig und – wie schon öfter in der Vereinsgeschichte – mindestens am Rande der Legalität. Der Skandal um die Bilanzfälschung mit beschönigten Spieler-Marktwerten aus dem Jahr 2022 war der Tiefpunkt der Krise. Der gesamte Vorstand wurde danach ausgetauscht, es war das Ende der Ära von Andrea Agnelli, dessen Cousin danach selbst übernahm: John Elkann, der große Boss im Imperium aus Stellantis, Ferrari und der Agnelli-Familienholding Exor, nahm seitdem auch bei der Juve die Zügel in die Hand. Besser wurde allerdings erst einmal: nichts.

Eine fast schon blamable Aneinanderreihung sportlicher Fehlentscheidungen prägte die vergangenen Jahre. Man kann das an Zahlen und Bilanzen messen, aber auch wunderbar an Transfers herleiten. Einerseits wurden Talente früh abgegeben für geringes Geld: Dean Huijsen, 20, etwa ging für gerade einmal 20 Millionen Euro nach Bournemouth, heute ist er Stammspieler bei Real Madrid. Moise Kean, 25, wurde an die Fiorentina verscherbelt, wo er in der vergangenen Saison 23 Tore erzielte und in der Nationalmannschaft zum Hoffnungsträger wurde. Matías Soulé, 22, ist derzeit einer der besten Spieler der Liga bei der AS Rom, auch er war in Turin für nicht gut genug befunden worden.

Ende Oktober wirkt die Saison von Juventus bereits beachtlich verkorkst

Auf der anderen Seite wurde investiert, aber nicht gerade klug: 216 Millionen Euro gab die Juve allein im Sommer 2024 für neue Spieler aus, die dem damaligen Hoffnungstrainer Thiago Motta den Weg in eine neue Ära bereiten sollten. Motta allerdings scheiterte schon nach wenigen Monaten an miserablem Spielermanagement und mit seinen verkopften taktischen Ansätzen, gegen die Tudors Ideenlosigkeit geradezu angenehm simpel wirkte. Auch der Manager Cristiano Giuntoli musste im Sommer gehen, als mal wieder ein Umbruch ausgerufen wurde, ohne den Plan zu formulieren und ohne den Entwicklungen Zeit zu geben.

Was bleibt nun übrig von einer Saison, die Ende Oktober schon wieder beachtlich verkorkst wirkt? Elkann ist offenbar bereit, erneut einer Kapitalerhöhung zuzustimmen, es wird weiterhin viel Geld in den Verein investiert. Der erfahrene Franzose Damien Comolli führt seit dem Sommer die Geschäfte, in Wahrheit allerdings bereitet sich im Hintergrund der ehemalige Weltklasse-Innenverteidiger Giorgio Chiellini seit einigen Jahren darauf vor, bald mehr Verantwortung zu übernehmen.

Und auf der Trainerbank könnte der im Sommer entlassene Nationaltrainer Luciano Spalletti Platz nehmen, der nach Medienberichten am Dienstag bereits zu Gesprächen in Turin eintraf. Spalletti, der große Redner und Taktiker, bei der Alten Dame, die sich nach Ruhe sehnt, das könnte eine mindestens interessante Kombination werden. Immerhin, von einer Ikone wäre dieser Wechsel wohl abgesegnet. Marcello Lippi gilt grundsätzlich als Anhänger Spallettis, über den er voriges Jahr noch sagte: „Er ist der Beste, eine Person mit viel Fähigkeit und einer großen Fußballkultur.“

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