Italiens MeisterschaftskampfRumpelstilzchen und Braveheart leisten Widerstand

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Wieder mal auf hundertachtzig: Napolis Coach Antonio Conte.
Wieder mal auf hundertachtzig: Napolis Coach Antonio Conte. (Foto: Alberto Lingria/Xinhua/Imago)

Beim 2:2 in Mailand sieht Neapel-Trainer Antonio Conte mal wieder nach einem Wutanfall Rot. Doch sein Schotte McTominay verhindert die Niederlage – und Inter rätselt, warum trotz der Tabellenführung seit Monaten kein Sieg gegen einen Topgegner gelingt.

Von Felix Haselsteiner

Seit Jahren kommt in Antonio Contes öffentlichem Wortschatz immer wieder die „Schande“ vor. Man muss nur mit etwas Geduld die jüngere Geschichte des italienischen und englischen Fußballs durchsuchen, in der Conte regelmäßig wie Tremotino, das Rumpelstilzchen, an Seitenlinien und in Pressekonferenzen durchdrehte. Sehr oft präsentiert der Trainer in solchen Momenten sein Lieblingswort, einmal, besonders legendär, schrie er es als Coach von Juventus Turin in einen betretend schweigenden Pressesaal: „È una vergogna“, es sei eine Schande, wie ihm die Meisterschaft damals geraubt worden sei. Natürlich von denen, über die sich Conte am liebsten aufregt: den Schiedsrichtern.

Im Vergleich zu früheren Episoden formulierte Conte am Sonntagabend gezielter und wählte den Imperativ für die handelnden Personen. Erst schrie er dem Schiedsrichter Daniele Doveri bisher undefinierte Laute entgegen und kickte eine Flasche durch das Mailänder San Siro, weil Doveri nach einem VAR-Eingriff einen recht eindeutigen Elfmeter gegen Contes SSC Napoli gepfiffen hatte. Als der Referee dem Trainer für seine Showeinlage die rote Karte zeigte, überbrachte Conte dem vierten Offiziellen dann direkt eine Botschaft: „Vergognatevi“, Schande über euch, brüllte er Andrea Colombo aus knapp zehn Zentimetern ins Gesicht, gleich mehrfach.

So wie es Dokumentationen über die schönsten Bahnstrecken Italiens gibt, so sollte es auch Fernsehformate über die schönsten Ausraster italienischer Fußballtrainer geben. Jener aus dem Spitzenspiel der Serie A vom Sonntagabend hätte einen Ehrenplatz verdient, insbesondere, weil er so herrlich unbegründet und sinnlos war: Der gerechtfertigte Elfmeter führte zwar zum 2:1 für Inter Mailand, wenig später jedoch glich Neapel noch einmal aus, zum 2:2-Endstand. Und einer der Sieger bei diesem Unentschieden war deshalb: Antonio Conte.

Schon seit Wochen ist es bemerkenswert, dass Napoli sich einfach nicht aufgibt. Gewiss, nominell sind die Kampanier der Titelverteidiger, der qua Amt auch diesmal Meisterschaftskandidat ist. Doch Conte und sein stolzer Fußballverein müssen sich seit Monaten mit großen Mühen herumschlagen, andere hätten längst eine Krise ausgerufen: Stürmer Romelu Lukaku fällt bereits seit August aus, der herausragende Zugang Kevin De Bruyne seit Ende Oktober, Stammspieler wie Frank Anguissa und Billy Gilmour seit Dezember. Für die Partie gegen Inter musste auch noch der Brasilianer David Neres absagen, der seit dem Spätherbst der beste Offensivspieler der Liga war. Gute individuelle Optionen hat Conte längst nicht mehr, nur die Hoffnung auf den Zusammenhalt.

Im Gegensatz zu Inter lässt Verfolger Milan ständig Punkte gegen Teams aus dem Tabellenkeller liegen

Es war also ein arg dezimiertes Napoli, das in Mailand beim Tabellenführer antrat. Auch ein Vorteil aus der Vorsaison fällt längst weg, als alle Konkurrenten unter der Woche Champions League spielen mussten, während in Neapel locker trainiert werden konnte. Aber die entscheidenden Charaktere sind dieselben geblieben, genauso wie der unbändige Einsatzwille des Teams: Das 2:2 entstand aus einer sehr widerstandsfähigen Conte-Taktik und den Aktionen des Schotten Scott McTominay, der beide Treffer erzielte und über den die italienischen Kommentatoren nach seinen Toren nur noch „ancora lui“ sagen – er schon wieder.

McTominay, der seit eineinhalb Jahren durch Italien zieht wie einst „Braveheart“ im Kino durch Schottland, hielt mit seinem Doppelpack gegen Inter den Meisterschaftskampf in der Serie A spannend. Auch wenn das Titelrennen allmählich zu einem Kuriositätenkabinett wird, denn wie im Zirkus hat jeder einen besonderen Trick parat. Auf Platz vier etwa hat der Verfolger AS Rom das Kunststück vollbracht, in 20 Spielen nur zwölf Gegentore zu kassieren, aber trotzdem siebenmal zu verlieren. Die AC Milan auf Platz zwei hingegen hat noch kein Spiel gegen einen Meisterschaftskonkurrenten verloren, dafür aber eine zweistellige Anzahl an Punkten an Abstiegskandidaten verschenkt. Allein in der vergangenen Woche gab es – bei den ersten Einsätzen von DFB-Stürmer Niclas Füllkrug – nur zwei überaus glücklich erspielte Punkte gegen Genua und Schlusslicht Florenz.

Und dann ist da noch Inter Mailand, der Tabellenführer, der in einer Selbstverständniskrise steckt. Eigentlich scheint die Welt für Inter und Trainer Christian Chivu in bester Ordnung zu sein, drei Punkte Vorsprung in der Liga und Platz sechs in der Champions-League-Tabelle sind eine akzeptable Bilanz. Wäre da bloß nicht die Tatsache, dass Inter unter Chivus Regie bislang noch kein einziges großes Spiel gegen einen Top-Gegner gewonnen hat. Ein 1:0 gegen die Roma im Herbst findet man in der Saisonstatistik, ansonsten Niederlagen gegen Milan, Napoli, Juventus Turin, Atlético Madrid, den FC Liverpool sowie im Dezember im Supercup gegen Bologna. Als eine Art Anti-Conte ist Chivu daher inzwischen verschrien, als einer, der entscheidende Spiele auf dem Weg zu Titeln nicht gewinnen kann.

Beim Publikum in Mailand führt das zunehmend zu Irritationen, das späte 2:2 gegen Neapel und die fadenscheinige Erklärung des Trainers („Man muss auch den Gegnern Respekt zollen“) werden dabei ihr Übriges tun. Zu frisch sind die trüben Erinnerungen: Schon im vergangenen Jahr unter Simone Inzaghi verspielte Inter in der Rückrunde die Meisterschaft, weil die Jagd nach dem Champions-League-Titel Vorrang bekam. Conte und Neapel nutzten jede noch so kleine Schwäche beim größten Konkurrenten Inter aus, blieben geduldig und stahlen den Norditalienern ihren Scudetto an den finalen Spieltagen. Dieses Szenario hätte nun schon im Januar sehr unwahrscheinlich gewirkt – wenn Inter am Sonntagabend gewonnen hätte.

So aber bleibt das Bild von McTominays heroischem 2:2 in Erinnerung. Und natürlich jenes von Antonio Conte, dem Wüterich, der nach seinem Anfall erst in die Katakomben des San Siro verschwand und dann auf der Tribüne auftauchte. Hinter einer Plastikscheibe jubelte er über den späten Ausgleich seiner Mannschaft. Diesmal konnte man nicht verstehen, was er sagte.

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