Derby in der Serie A:Fingerzeig für die neue Hierarchie

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Derby in der Serie A: Seht her: Milans Olivier Giroud (links) zeigt an, wer das Stadtderby gewonnen hat.

Seht her: Milans Olivier Giroud (links) zeigt an, wer das Stadtderby gewonnen hat.

(Foto: Miguel Medina/AFP)

Der AC Mailand triumphiert 3:2 im Derby und könnte nachhaltig vorbeiziehen am Lokalrivalen Inter. Der offenbart vor dem Champions-League-Duell mit dem FC Bayern ungewohnte Probleme.

Von Thomas Hürner

Mailand ist eine stolze Stadt, und dafür gibt es Gründe. Hier versammelt sich, was Italien voranbringt, die Börse, die Mode, die finanzielle und geistige Elite des Landes. Bei den Mailändern führt das mitunter zu Selbstverliebtheit, doch es stimmt nun mal, dass besonders genau hingeschaut wird, wie die Dinge in der lombardischen Metropole laufen. Erst am Samstagabend wieder, auf den Fernsehbildschirmen in mehr als 200 Ländern, beim Fußballspiel der AC Milan gegen den FC Internazionale, der 232. Auflage des legendären Mailänder Stadtderbys.

Es ist noch nicht lange her, da war dieses Duell ein wenig in Verruf geraten, weil die beiden Weltklubs auf Normalgröße geschrumpft waren. Zugesehen haben die Mailänder natürlich trotzdem. Und obgleich Milan und Inter noch lange nicht den gewünschten Normalzustand erreicht haben, sprich: als emsige Titelsammler in Europa - auch das ewige Ringen um die Mailänder Stadtmeisterschaft hat seinen Charme. Es kann einen sogar bis ins "Delirium" aufsteigen lassen, so schrieb es tags darauf die Gazzetta dello Sport.

Widerlegen ließ sich diese kühne Behauptung kaum, als Beleg genügte die rot-schwarze Jubelmasse im San Siro. Die AC Milan triumphierte 3:2, was bei der Gewinnerpartei hernach das Gefühl erzeugte, eine neue Vormacht in der Stadt errichtet zu haben. Vielleicht lag das nur am Siegesrausch. Vielleicht könnte das aber wirklich ein Spiel gewesen sein, das über den Moment hinausweist. Denn Milan, der amtierende Meister, könnte nachhaltig vorbeiziehen am Lokalrivalen Inter. Aus dem Windschatten, mit Tempo.

Der Altersschnitt Inters liegt stolze drei Jahre über dem des Stadtrivalen

Damit war auch der Mann des Tages vortrefflich beschrieben: Rafael Leão, 23, ein pfeilschneller Linksaußen aus Almada in Portugal, an dem im eben erst zu Ende gegangenen Transfersommer der FC Chelsea gebaggert hat. Mehr als 120 Millionen wurden geboten, doch die Mailänder insistierten auf einen Verbleib. Das freut auch den Milan-Coach Stefano Pioli, der Leão nach dem Spiel die "schärfste Waffe im Arsenal" nannte und sich womöglich noch heute ins Fäustchen lacht beim Gedanken, dass der Angreifer mal fast beim Lokalrivalen gelandet wäre. Vor drei Jahren soll ein unterschriftsreifer Vertrag vorgelegen haben, Inter entschied sich nach alter Klubdoktrin aber lieber für ein älteres Stürmermodell.

Derby in der Serie A: Marcelo Brozovic schafft für Inter noch den Führungstreffer, danach kippt das Spiel.

Marcelo Brozovic schafft für Inter noch den Führungstreffer, danach kippt das Spiel.

(Foto: Isabella Bonotto/AFP)

Welch Fehler das war, demonstrierte Leão mit jenen kleinen Zuckungen, die seine Gegner große Schritte ins Leere machen lassen. Zwei Tore erzielte er selbst, darunter eines nach einem Dribbling durch die gesamte schwarz-blaue Defensivreihe. Zum Treffer seines Stürmerkollegen Olivier Giroud leistete Leão die Vorarbeit. Das lieferte bestes Anschauungsmaterial, warum man sich bei Milan sicher ist, dass der Kurswert des Portugiesen weiter steigen wird.

Womit man bei Inter wäre, den Seiltänzern des italienischen Fußballs. Ihren Kader haben die Nerazzurri komplett auf die Gegenwart ausgerichtet, was auch an finanziellen Zwängen liegt. Doch die jahrelange Fantasielosigkeit in der Planung scheint den Klub allmählich aus der Balance zu bringen. Qualität ist weiterhin vorhanden, das schon. Doch der Altersschnitt Inters, das am Mittwoch den FC Bayern zum Start der neuen Champions League-Spielzeit empfängt, lag beim Derby stolze drei Jahre über dem des Stadtrivalen, obschon diese Statistik nur die Startformationen erfasst. In der Endphase war der Unterschied noch mal größer.

Das lag daran, dass Inter-Coach Simone Inzaghi zwei Akteure für seine Schlussoffensive ins Spiel brachte, die unter Bundesliga-Nostalgikern wohlige Empfindungen auslösen dürften: Stürmer Edin Dzeko, 36, und Spielmacher Henrikh Mkhitaryan, 33. In Deutschland sind beide bestens aus ihren Wolfsburger respektive Dortmunder Tagen bekannt, doch ihre esperienza, ihre in der Inter-Chefetage hochgelobte Erfahrung, birgt allmählich unübersehbare Nachteile. Zugang Mkhitaryan hat ständig irgendwelche Gebrechen, und Dzeko verfügt zwar über dieselbe Spielintelligenz wie einst, für eine Drehung benötigt er aber mittlerweile die Fläche einer Lagerhalle. Dass beide Mitte der zweiten Hälfte den 2:3 Anschlusstreffer in Co-Produktion herstellten (Vorlage Mkhitaryan, Treffer Dzeko), nun ja: esperienza.

Fünf Spiele, acht Gegentore - das sind besorgniserregende Werte für Inter

Dieser Moment hatte der Partie noch einmal Spannung eingeflößt, weshalb sich Inter-Coach Inzaghi hernach bemüßigt sah, ein Remis als das gerechtere Endergebnis anzusehen. Der Ausgleich wäre in der Tat noch drin gewesen, doch zur Wahrheit gehört auch, dass Milan schwungvoller spielte - und genau wusste, auf wen man bei Inter aufpassen muss: Mittelfeldmann Marcelo Brozovic, Inters Schütze zur 1:0-Führung. Der Kroate ist ein regista, ein Spielmacher aus dem Tiefenraum, bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Nur hat sich das auch bis in den rot-schwarzen Teil Mailands herumgesprochen. Gleich zwei Milan-Spieler nahmen Brozovic in permanente Manndeckung. Das reichte, um Inters Offensivspiel erlahmen zu lassen.

Bei Inter, wo Robin Gosens erneut nur zu einem Kurzeinsatz kam, ließ sich überdies nicht kaschieren, dass es ohne den Stürmer Romelu Lukaku an der Zuspitzung im Angriff gebricht. Auch gegen die Bayern wird der Belgier verletzt fehlen. Noch besorgniserregender ist aus Inter-Sicht, dass just die beinharte Dreier-Abwehr um Stefan de Vrij, Milan Skriniar und Alessandro Bastoni bröckelt: fünf Spiele, acht Gegentore. Normalerweise setzt man sich bei Inter pro Halbserie weniger Gegentreffer als Ziel.

Inzaghi ist nach zwei Niederlagen in der Liga schon unter Druck geraten, nach dem Vize-Titel in der Vorsaison wird von ihm die Meisterschaft erwartet. Und es empföhle sich, dass er sich damit beeilt: Die Stadtrivalin Milan ging vor ein paar Tagen in die Hände der US-Investmentfirma Red Bird über, Kostenpunkt circa 1,2 Milliarden Euro. Zu den Gesellschaftern von Red Bird gehören unter anderem der Rapper Drake, der Basketballprofi Lebron James und die Baseball-Franchise New York Yankees. Große Namen, die nicht nur Blicke auf sich ziehen, sondern auch eine Plattform bieten: Das Mailänder Stadtderby konnte man erstmals mit dem hauseigenen Streaming-Dienst der Yankees schauen. Gute Werbung, vor allem für die AC Milan.

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