Serie A Icardis Treffer lässt den Rechten schimpfen

Inters später Siegtorschütze Mauro Icardi will in der Champions League auch gegen Barcelona treffen.

(Foto: Antonio Calanni/AP)
  • Nach dem Sieg im Mailänder Derby trifft Inter in der Champions League auf den FC Barcelona.
  • Da Lionel Messi verletzungsbedingt fehlen wird, hofft Mauro Icardi, der für die WM in Russland gar nicht nominiert worden war, auf sich aufmerksam machen zu können.
  • Stadtrivale Milan dagegen ist nur in der Europa League vertreten und aktuell von Champions-League-Rängen auch weit entfernt.
Von Birgit Schönau, Mailand/Rom

Wie sich die Zeiten ändern! Früher pflegte Silvio Berlusconi als Besitzer des AC Mailand in der Sportschau anzurufen, um seinen im Studio sitzenden Trainer live anzublaffen, nur Kommunisten spielten defensiv. Jetzt leidet Berlusconi, 82, stattdessen am Drittligisten AC Monza, der kein Spiel mehr gewinnt, seit ihn der Medienmogul vor ein paar Wochen für drei Millionen Euro gekauft hat: zwei Unentschieden und drei Niederlagen, zuletzt am Sonntag ein 0:1 gegen Teramo, mit Berlusconi und Fabio Capello, dem ehemaligen Nationaltrainer von England und Russland, auf der Tribüne. Lang ist der Weg, um aus dem Tabellenzehnten Monza das Athletic Bilbao der Lombardei zu machen, mit lauter einheimischen Spielern, die keine Tattoos, keine Bärte und keine langen Haare tragen dürfen. Berlusconi ist endgültig in die Regionalliga abgestiegen - und den aktuellen Trainer des AC Mailand faltet jetzt der neue starke Mann der italienischen Rechten zusammen.

"Es macht mich rasend, dass dieser Coach noch nicht mal versucht hat zu gewinnen. Die standen doch nur hinten rum!", schäumte Italiens Innenminister Matteo Salvini im Lokalfernsehen Telelombardia. Gemeint war Milan-Trainer Gennaro Gattuso, der soeben das Derby gegen Inter verloren hatte, 0:1 in der Nachspielzeit, durch ein Tor von Mauro Icardi. "Und diese Einwechslungen!", wetterte Salvini weiter: "Nach welchem Kriterien macht er die - etwa per Los?"

Doch nicht nur Gattuso wurde von dem rabiaten Rechtsaußen aufs Korn genommen. Weg mit Torwart Gianluigi Donnarumma, forderte Salvini: "Wieso haben wir den nicht verkauft? Der soll gefälligst als Reserve in die Jugendmannschaft zurück. Wer derart versagt, darf die nächsten zehn Spiele nicht ins Tor!"

Zur Klarstellung: Der AC Mailand gehört nicht Matteo Salvini, sondern dem amerikanischen Hedgefonds Elliott. Italien gehört ebenfalls nicht Matteo Salvini, auch wenn der Anführer der Lega, die bei den Wahlen im Frühjahr 17 Prozent bekommen hat, sich gern so aufführt. Im Unterschied zu Berlusconi kann Salvini keine Milan-Trainer entlassen, er ist bloß ein Fan mit beschränktem Fußballverstand.

Der AC Mailand muss dringend sparen

Gennaro Gattuso, nachweislich weder Kommunist noch Anhänger des Defensivfußballs, lässt seine Truppe rackern und rennen, wie er es selbst einst als Spieler tat. Gigio Donnarumma, 19, bleibt auch dann das größte italienische Torwarttalent, wenn er bei Icardis Kopfball in der 92. Minute mal nicht so gut ausgesehen hat.

Im Grunde könnte der Politiker Salvini, der den Zwei-Billionen-Euro-Schuldenberg der italienischen Finanzen trotz aller Warnungen aus Brüssel noch weiter in den Himmel wachsen lassen will, aus diesem Derby sogar eine Menge lernen. Zum Beispiel, dass manchmal tatsächlich der Schlechtere verliert. Oder dass man sich nicht heillos verschulden sollte, ohne das Geld wenigstens vernünftig zu investieren. Vor Jahresfrist, als der Klub noch einem chinesischen Investor gehörte, hatte Milan 270 Millionen Euro auf dem Transfermarkt gelassen. Kurz darauf war der Chinese zahlungsunfähig, der Klub ging in den Besitz der Gläubiger von Elliott über.

Und nun ist bei Milan das angesagt, was die italienische Regierung lauthals ablehnt: sparen - für bessere Zeiten. Trainer Gattuso bekommt zwei Millionen Euro, nur ein Viertel des Gehalts von Juventus-Turin-Trainer Massimiliano Allegri und nicht einmal die Hälfte des Inter-Kollegen Luciano Spalletti. Kapitän Leonardo Bonucci floh nach nur einem Jahr bei Milan zurück zu Juventus Turin. Von dort kam als Leihgabe Gonzalo Higuain, der bei Juve keinen Platz mehr hat, seitdem dort Cristiano Ronaldo spielt. Milan hat sich immerhin in die Europa League gekämpft, die Champions League steht jetzt schon wieder in den Sternen. Man liegt auf Platz zwölf mit zwölf Punkten, Tabellenführer Juve hat 13 Punkte Vorsprung, der Tabellendritte Inter bereits sieben.

Inter setzt auf altbekannte italienische Tugenden - mit Erfolg

Inter empfängt an diesem Mittwoch den FC Barcelona (ohne den verletzten Lionel Messi). Das bedeutet Bühne frei für Icardi, der in Russland nicht zum argentinischen WM-Kader gehörte, obwohl er doch in Italien Torschützenkönig war. Aber die Serie A zählt im internationalen Vergleich immer weniger, und Nationaltrainer sind nun mal ähnlich unerbittlich wie Ratingagenturen. Also nutzt Icardi jetzt seine Chance. Gegen Tottenham und Eindhoven gelang ihm jeweils ein Tor, Inter gewann beide Spiele, darf sich Hoffnungen auf das Achtelfinale machen und muss auch vor Barcelona nicht zittern. Trainer Spalletti ist es auf Weisung der umsichtigen chinesischen Klubführung gelungen, ein solides und selbstbewusst agierendes Mittelklasse-Kollektiv zu formen, das mangels Überflieger auf Mätzchen und Schnörkel verzichtet und stattdessen auf bekannte italienische Tugenden setzt: taktische Disziplin und harten Körpereinsatz.

In dieser italienischen Woche der Champions League könnte Spallettis Team zu den Protagonisten gehören. Juventus ist derweil am Dienstag bei Manchester United zu Gast, wo Cristiano Ronaldo auf seinen ehemaligen Klub trifft und auf seinen ehemaligen Trainer José Mourinho. Der SSC Neapel reist am Mittwoch zu Paris St. Germain - zum Trainerduell Thomas Tuchel gegen Carlo Ancelotti, der als bislang letzter Coach dem AC Mailand die Champions League bescherte. 2007 war das, der Studienabbrecher Matteo Salvini war damals Stadtrat in Mailand. Ancelotti gewann danach noch einmal den Königspokal mit Real Madrid sowie Meisterschaften in England, Frankreich und Deutschland. Jetzt spielen unter seiner Ägide Lorenzo Insigne und Dries Mertens gegen Neymar und Mbappé. Italiens Klubs gegen die Großen des Weltfußballs - und der AC Mailand schaut nur zu.