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Serie A:Feilschen ums Torwart-Juwel

AC Milan v Juventus FC - 2016 Italian Super Cup

Fliegt er demnächst in anderen Farben? Torwart Gianluigi Donnarumma, bisher AC Mailand.

(Foto: AK Bijuraj/Getty Images)
  • Angeblich ist ja die gesamte europäische Fußballelite am 18 Jahre alten Torwart Gianluigi Donnarumma interessiert.
  • Paris St. Germain soll ihm 13 Millionen Euro Gehalt geboten haben. Im Jahr.
  • Doch nun sieht es so aus, als werde der Torwart zumindest vorerst noch beim AC Mailand bleiben.

Was nützt ein Schulabschluss, wenn man auch ohne bald sechs Millionen Euro im Jahr kassieren kann? Gianluigi Donnarumma sagte seine für Mittwoch terminierte Abschlussprüfung bei der Handelsschule in Pavia ab und reiste stattdessen im Flieger seines Agenten Mino Raiola nach Ibiza. Ferien machen. Das Leben ist ja stressig genug, wozu sich also um ein Kaufmanns-Diplom mühen, wenn man mit gerade mal 18 schon einer der bestbezahlten Torhüter der Welt wird. Zum Lernen war Donnarumma während der U21-EM, wo Italien es bis ins Halbfinale schaffte, ohnehin kaum gekommen. Und dann noch diese anstrengenden Vertragsverhandlungen. Bleiben oder gehen, das war die Frage?

Denn zunächst sah es so aus, als hätten Donnarumma und vor allem Raiola den Abschied vom AC Mailand beschlossen. Jetzt scheint das Pendel in die andere Richtung auszuschlagen. "Wir sind sehr nah an einer Übereinkunft mit dem Spieler und seiner Familie", erklärte Milan-Geschäftsführer Marco Fassone. "Mit dem Agenten ist es allerdings etwas komplizierter ..." Seit Monaten beteuert Raiola, sein Mandant brauche einen "wirklich großen Klub". Milan war ganz offensichtlich nicht gemeint.

Der AC Mailand, bei dem der Junge vom Fuße des Vesuv als 14-jähriges Kind angekommen war, schien plötzlich zu klein und zu unbedeutend für den Sohn eines Tischlers aus Castellamare di Stabia zu sein. Statt in die Champions League startet die Mannschaft am 27. Juli in die Europa-League-Qualifikation. Fast schon eine Demütigung, wenn nicht die europäische Bühne in den vergangenen vier Jahren auf einem unerreichbar fernen Planeten gelegen hätte.

Früher war mehr Lametta, soviel steht fest. In gut 30 Jahren mit dem Präsidenten Silvio Berlusconi hatte Milan fünf Mal den europäischen Königspokal und acht Meistertitel gewonnen. Heute weiß man noch nicht einmal, wem der Verein überhaupt gehört. Offizieller Besitzer ist zwar der chinesische Geschäftsmann Li Yonghong, dem Berlusconi im April sein Lieblingsspielzeug für rund 740 Millionen Euro verkauft hatte. Welche Geschäfte Patron Li eigentlich macht und mit wem, das steht jedoch ebenso in den Sternen wie die Höhe seines Vermögens.

In einem blumig formulierten "Lebenslauf", der den Aktionären Mitte Mai vorgelegt wurde und der den Chinesen als vielseitigen und höchst erfolgreichen Manager preist, wurde lediglich die Mehrheitsbeteiligung an einer Phosphat-Mine genannt. Über den Umsatz schwieg man sich aus, dafür wurde von schier endlosen Reserven geschwärmt. Wie um zu sagen: Im fernen China können die Arbeiter des Herrn Li noch Ewigkeiten lang Phosphat abbauen, um zum Beispiel den Lohn für Donnarumma zu sichern.

Vermutlich sollte das zumindest für die Aktionäre beruhigend klingen. Doch tatsächlich befindet sich der Klub in Händen des New Yorker Hedgefonds Elliott Management Corporation, der Li das für die Übernahme nötige Geld überhaupt zur Verfügung stellte. Angeblich, weil die chinesischen Behörden den Abfluss der Phosphat-Yuan in den Westen vorerst stoppten.

Beim einst so glanzvollen AC Milan ist Gianluigi Donnarumma, genannt "Gigio", das einzige weithin strahlende Juwel, deshalb sollte er unbedingt bleiben. Derart unbedingt, dass sogar ein Plätzchen für den großen Bruder Antonio, 27, gefunden werden soll, der ebenfalls Torwart ist, derzeit noch beim griechischen FC Asteras Tripoli. Antonio Donnarumma war schon mal bei Milan, wurde aber schnell weitergeschickt, wegen offenbaren Mangels an Talent. Jetzt darf er zurückkommen, wenn's nur Gigio gut tut. Es geht eben nichts über la famiglia. Bislang gehörte Mino Raiola dazu. Das könnte sich aber ändern.

"Du wirst eine Epoche prägen", orakelte Buffon

Ein Cousin von Raiola hatte Gigio Donnarumma einst auf den staubigen Plätzen seiner Heimat entdeckt und nach Mailand gebracht. Mit Erfolg. Bereits mit 16 Jahren und acht Monaten absolvierte der Junge sein Debüt in der Serie A, prompt bekam er einen Stammplatz und avancierte zur Nummer 1. Mit 17 folgte dann der Einstand in der Nationalelf, im September 2016 gegen Frankreich. Seither gilt Donnarumma als designierter Erbe von Gianluigi Buffon. "Du wirst eine Epoche prägen", orakelte Buffon gegenüber dem jungen Kollegen - öffentlich, in einer Videobotschaft zu dessen 18. Geburtstag am 25. Februar.

Selten war in der Welt des Fußballs ein Eintritt ins Erwachsenenalter derart fieberhaft herbeigesehnt worden. Denn mit 18 kann Donnarumma nicht nur endlich selbst die 50 Kilometer vom Milan-Wohnheim am Giuseppe-Meazza-Stadion mit dem Auto zum Trainingsgelände in Milanello fahren. Er verfügt nun auch über seine Zukunft. Angeblich ist ja die gesamte europäische Fußballelite an dem Zweimetermann aus der Provinz Neapel interessiert. Das jedenfalls behauptet Agent Raiola, der den Wert seines Schützlings kurzer Hand auf 150 Millionen Euro festschraubte. Die angebotenen 4,5 Millionen Euro jährlich vom AC Mailand schlug Donnarumma noch am 15. Juni aus. Auf ihn schienen höhere Weihen und viel mehr Geld zu warten. Fantasiesummen standen auf einmal im Raum. Paris St. Germain soll 13 Millionen Euro geboten haben. Im Jahr.

Zuerst aber regnete es falsche Dollars auf Gigio, den Treulosen. Bei der U21-Europameisterschaft bewarfen ihn die eigenen, enttäuschten Fans damit und prompt verpassten sie ihm einen neuen Spitznamen: "Dollarrumma". Die italienischen Medien mokierten sich über die Geldgier des Talents, das sich mit den von Milan gebotenen Millionen nicht zufrieden geben wolle. Andere wollten indes nur in Raiola den bad guy sehen. Der feilsche um seinen Schützling ebenso rücksichtslos wie die Sklavenhändler im alten Rom um ihre Gladiatoren.

Am Dienstag kam plötzlich die Kehrtwende: Gigio bleibt, jubelte die Gazzetta dello Sport. Für sechs Millionen Euro im Jahr habe man das Talent überzeugen können. Buffon verdient bei Juventus vier Millionen, nur Manuel Neuer und Spaniens Nationaltorhüter David De Gea (Manchester United) bekommen höhere Jahresgehälter als das große Kind im Tor des AC Mailand. Fünf Jahre soll Donnarumma in Mailand bleiben, die Ablösesumme wurde angeblich auf 100 Millionen Euro taxiert, falls Milan am Saisonende die Champions-League-Qualifikation erreicht. Andernfalls reiche die Hälfte, um sich ein Talent zu sichern, das noch nichts gewonnen hat, außer einem Ligapokal im Wüstensand von Doha. Noch nicht einmal einen Schulabschluss.

© SZ vom 07.07.2017/chge

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