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Serie A:Eine Debatte, die Italien zerreißt

Warmhalteprogramm: Zlatan Ibrahimovic vom AC Mailand trainiert in Schweden.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AFP)

Wann nimmt die Serie A die Saison wieder auf? Tut sie es überhaupt? Die Diskussion darüber spaltet Klubs und Meinungsmacher. Die Spieler warten auf klare Signale.

Von Oliver Meiler, Rom

Auch in diesen speziellen Zeiten sollte man nicht vergessen, wo das Wort "tifoso" herkommt, die Etymologie offenbart ja manchmal viel über die allgemeinen Bewandtnisse. Tifoso also, Fan auf Italienisch, kommt von Typhus: einem hohen Fieber, das man sich bei einer Infektion mit Salmonellen holen kann.

Nun, da auch in Italien über eine Wiederaufnahme der Fußballmeisterschaft verhandelt wird, laut und herrlich chaotisch wie gehabt, macht sich jeder Verantwortliche im Entscheidungsprozess verdächtig, dass er nach seinem "tifo" handelt, geleitet vom Fieber, das von der Liebe zum Verein rührt. Je nach momentaner Verfassung und Klassement seines Lieblingsklubs. Parteiisch also, politisch.

Alles scheint gerade möglich zu sein - hier in der Folge mit absteigender Wahrscheinlichkeit: eine Wiederaufnahme irgendwann im Juni, ohne Publikum natürlich, letzter Spieltag am 2. August; ein Playoff- und Playoutfinale, vielleicht ausgetragen in Stadien in den weniger getroffenen Regionen in Mittel- und Süditalien; ein Saisonabbruch ohne Vergabe eines Meistertitels und mit einer möglichen Aufstockung der Serie A für die kommende Spielzeit, damit aufsteigen kann, wer es verdient hat, und nicht absteigen muss, wer die Rettung womöglich noch geschafft hätte. Alles offen, alles in den Händen der Entscheider. Sportminister Vincenzo Spadafora ist von allen der unentschiedenste.

Viele Stars sind noch gar nicht nach Italien zurückgekehrt. Cristiano Ronaldo, der bei Juventus Turin angestellt ist, sieht man ab und an in den sozialen Medien: beim Rumpfbeugen im heimischen Funchal. Von Zlatan Ibrahimovic vom AC Mailand gab es Bilder, die ihn beim Fischen zeigen, oder beim Training mit dem schwedischen Klub Hammarby, der ihm zur Hälfte gehört. Sie warten wohl auf klare Signale.

Die Virologen haben Lieblingsklubs

Sogar von den italienischen Starvirologen weiß man jetzt, an welchen Verein sie ihr Herz verloren haben. Und das ist natürlich keine Bagatelle, zum Beispiel bei Giovanni Rezza. Der Römer ist Chef des Departements für Ansteckungskrankheiten im Istituto Superiore di Sanità, Italiens oberster Gesundheitsbehörde, eine der meistgehörten Stimmen seit Ausbruch von Corona. Er sitzt auch im wissenschaftlichen Komitee, das die Regierung berät. Neulich also, als Rezza auf einer dieser traurigen Medienkonferenzen mit den Todeszahlen aus dem Norden gefragt wurde, ob er denke, dass die Serie A ihren Betrieb bald wieder aufnehmen könne, sagte er diesen nicht ganz folgenlosen Satz: "Als Romanista würde ich sagen: Werfen wir hin." Und lächelte.

Ein Romanista ist ein Fan von AS Rom. Im Lager der Laziali, der herzhaft verhassten Stadtrivalen, vermutet man seither, dass nun auch die Wissenschaft gegen sie sei, wie alles: die Natur, das Schicksal, die Fußballgötter, ein Großkomplott. Lazio, muss man dazu wissen, steht nach 26 Spieltagen auf dem zweiten Platz, nur ein Punkt hinter Juventus - und 17 Punkte vor der Roma. Der Titel, er war in 20 Jahren nie mehr so greifbar gewesen, eine versprochene, ach was: eine geschuldete Glorie.

Kein Vereinspräsident in Italien drängt nun mit mehr Macht und Ungeduld auf eine Wiederaufnahme der Meisterschaft als Lazios Claudio Lotito, Besitzer einer Reinigungsfirma, ein Mann mit barocken Weltsichten. Für Lotito ist gerade jeder Bremser, ein Gegner, ein Übertreiber. Wenn die Pause noch lange dauere, glaubt er, lässt die Anspannung seiner Spieler nach, ganz zu schweigen von der Fitness. Und natürlich geht es nur seiner Mannschaft so. Den Rasen in Formello, dem Trainingszentrum im Norden der Stadt, lässt Lotito unterdessen mit einer Hingabe pflegen, die am Sonntagabend belohnt wurde.

Da gab Premierminister Giuseppe Conte bekannt, dass die Klubs der Serie A am 18. Mai immerhin das Training wieder aufnehmen dürfen. Die Debatte aber, ob die Meisterschaft fortgesetzt werden soll, zerreißt politische und sportpolitische Ebenen, sie spaltet Spieler, Klubs, Meinungsmacher. Alle reden mit, mit Passion und Pathos, es geht schließlich um das Fieber vom Fußball. "Heute alles zu stoppen, wäre ein Desaster, und ich will nicht der Totengräber des Calcio sein", sagt Gabriele Gravina, der Präsident des italienischen Fußballverbands.

Mit "Becchino", Totengräber eben, hat er vielleicht nicht den derzeit passendsten Begriff gewählt. Gemeint war der wirtschaftliche Ausfall, der drohen würde: vier Milliarden Euro offenbar. Aber auch bei den Zahlen muss man aufpassen: Es wird recht frivol damit jongliert. Giovanni Malagò, als Präsident des nationalen italienischen Olympiakomitees Gravinas Chef, ist viel skeptischer. "Der Fußball macht einen Fehler", sagt er. "Andere Sportarten haben anders entschieden, und auch für sie war es ein schwieriger, leidvoller Entscheid." In Italien haben etwa der Rugby- und der Basketballverband ihre Meisterschaften definitiv beendet. "Bei solchen Überlegungen braucht es nun mal eine chirurgische Analyse, ein tiefes Wissen der Materie", mahnte Malagò. Vor allem auch ein ärztliches.

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