Serge Gnabry:Abschied von der Baustelle

13 Länderspiele, 13 Tore, drei gegen Nordirland: Serge Gnabry trägt dazu bei, dass Löws Auswahl mal wieder gute Laune hat. Der Stürmer vom FC Bayern ist der neue Fixpunkt im deutschen Angriff.

Von Martin Schneider, Frankfurt

Manchmal lässt Serge Gnabry in Interviews plötzlich Sätze mit einem Echo fallen. Beim FC Bayern wurde er mal nach der Konkurrenzsituation zu Arjen Robben gefragt, und anstatt zu erklären, dass Robben ein super Spieler sei, er selbst jetzt seine Leistung bringen müsse und am Ende der Trainer entscheide, erklärte Gnabry: "Wenn ich draußen bin, sitzt auch ein Hochkaräter auf der Bank." Zack, forsche Formel, aber schon bald war offensichtlich, dass da einer mit seiner Selbsteinschätzung nicht daneben gelegen hatte.

Nach dem 6:1 gegen Nordirland stand Gnabry im langen Mantel auf dem Frankfurter Rasen, wieder wurde ihm eine eher routinemäßige Frage gestellt: Was denn sein Fazit sei nach diesem Jahr des Umbruchs. "Ich finde es so langsam ein bisschen nervig, immer noch vom Umbruch zu reden", konterte Gnabry: "Klar, wir haben eine junge Mannschaft, aber ich denke, dass wir sehr, sehr guten Fußball zeigen."

Den Umbruch beenden - das formulierte am Dienstagabend in Frankfurt kein anderer aus der DFB-Elf so offensiv, obwohl nach zehn Toren in zwei Spielen (am Samstag 4:0 gegen Weißrussland) und dem Gruppensieg in der EM-Qualifikation eine gute Laune herrschte wie lange nicht mehr in dieser Elf. Alle anderen sprachen durchaus noch vom Umbruch, nannten ihn oft "Prozess" und beklagten die knappe Zeit bis zum Turnier. Nur Gnabry wollte nicht mehr von einer Mannschaft als Baustelle reden, wo man doch hier und heute erfolgreich sein kann - und nicht irgendwann.

Er hatte beste Argumente, drei der sechs Tore gegen die Nordiren wurden seinem Konto gutgeschrieben. Und so adelte Bundestrainer Löw den 24-Jährigen mit einer expliziten Stammplatzgarantie - ein Privileg, das sonst nur noch Manuel Neuer, Toni Koos und Joshua Kimmich genießen. Seine Quote von 13 Toren in 13 Einsätzen erinnert nun sogar an Gerd Müller. Nur hatte der noch einen geringfügig besseren Länderspielstart - Müller gelangen seine ersten 13 Treffer in zwölf Spielen. Löw geriet über seinen neuen Torjäger fast ins Schwärmen: "Im Abschluss ist er technisch überragend, er macht die Tore ja bewusst. Er legt sich die Bälle richtig zurecht."

Ein Kronzeuge dieses Senkrechtstarts ist Leon Goretzka, Gnabrys Teamkollege beim FC Bayern: "In der Vergangenheit war er oft verletzt, ist aus dem Rhythmus gekommen. Jetzt hat er sich stabilisiert." Beide kennen sich seit fast zehn Jahren, sie durchliefen gemeinsam diverse Jugendnationalmannschaften. Goretzka (der die Treffer zum 2:1 und 5:1 beisteuerte) entwickelte sogar eine Rangliste für die drei Gnabry-Tore. Das dritte, das zum 4:1, sei das beste gewesen: "Wie er da stabil bleibt, sich nicht abschütteln lässt - das war richtig, richtig stark, und das hab ich ihm auch gesagt." Diese Einstufung war schlüssig, wobei es auch Argumente für Gnabrys erstes Tor (Drehung auf einem Bein mit Schuss ins Kreuzeck) oder für Gnabrys zweites Tor (Annahme und Abschluss in einer fixen Bewegung) gegeben hätte. Insgesamt sieht Goretzka seinen Kollegen gerüstet für das, was folgen wird, wenn einer eine Gerd-Müller-Quote vorweisen kann: "Der Anspruch wächst jetzt natürlich, aber ich denke, damit kann er umgehen."

Gegen Nordirland agierte Gnabry im Angriffszentrum, das ist seine Lieblingsposition seit den Jugendjahren. Das Zentrum bleibt ihm beim FC Bayern in München meist noch verwehrt, weil dort Robert Lewandowski - besonders seit der Sommerpause - eben auch eine Quote von einem Treffer pro Spiel zustande bringt.

Für die Nationalelf bietet Gnabrys katapultartiger Start eine gute Perspektive im Hinblick auf die Europameisterschaft 2020. Um ihn herum dürften sich beim Turnier Marco Reus, Timo Werner oder der gerade von einem Kreuzbandriss genesende Leroy Sané von Manchester City postieren. Ebenfalls in seiner Nähe könnten sich Julian Brandt oder eben Goretzka einfinden. Damit käme Löw der Lösung des deutschen Angriffsproblems schon näher, das eigentlich seit dem Rücktritt von Miroslav Klose, spätestens aber dem Ende des zweiten Frühlings von Mario Gomez akut ist. Die neue Statik könnte wie folgt aussehen: Ein Außenspieler (Gnabry) wird nach innen, ein Zentrumsspieler (Werner) nach außen gezogen - so hätten all diese Sprinter genügend Raum für ihre Läufe.

Natürlich wäre einzuwenden, dass Weißrussland und Nordirland nicht unbedingt ein wegweisender Maßstab sind. Allerdings scheiterte Löws Elf bei der WM 2018 in Russland in der Vorrunde an vielem, aber auch daran, dass ihr im dritten und entscheidenden Spiel gegen Südkorea (0:2) kein Tor gelang.

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