Im Haus von Serena Williams gibt es eine Schatzkammer. Vor einigen Jahren hat sie die Tür für das Kamerateam eines Architekturmagazins geöffnet. Der überraschend lichte Raum barg ihre Gold- und Silbersammlung, angehäuft in drei Dekaden als Profisportlerin: Regal an Regal mit Pokalen, 73 allein als Einzelspielerin, darunter eine Auswahl der Repliken ihrer 23 Grand-Slam-Trophäen. Braucht sie wirklich mehr davon?
Sie spiele Tennis, um zu gewinnen, hat Serena Williams früher betont. Mehr Erklärung war nicht nötig. Aber die Grundsätze haben sich verschoben, seit sie im Alter von 44 Jahren nach einer Wettkampfabstinenz von 1375 Tagen beschlossen hat, wieder im Turnier den Schläger zu schwingen – zunächst im Doppel. Es ist die Frage nach ihrer Triebfeder, die die Zuschauer und die Konkurrentinnen beschäftigt, vor einer Woche im Londoner Queen’s Club ebenso wie am Dienstag in Berlin und demnächst in Wimbledon. Wenn man Serena Williams Aussagen richtig deutet, hat sie eine Reihe von Beweggründen, und alle sind von derselben Überzeugung getragen: „Ich habe nichts mehr zu beweisen – und nichts zu verlieren.“
Sie hat sich nicht geändert in den fast vier Jahren ihrer Tennisabstinenz. Bei den Berlin Tennis Open im Grunewald betrat sie ein paar Schritte hinter ihrer Doppelpartnerin Karolina Muchova, Nummer zehn der Weltrangliste, den Rasenplatz. Das Match war als Höhepunkt des Tages angesetzt, das Stadion am frühen Abend nahezu gefüllt, der Applaus laut und erwartungsfroh. Serena Williams nahm ihn routiniert zur Kenntnis. Sie ist keine Schmeichlerin der Massen, nie gewesen. Das Publikum schlug sie – wie die Gegnerinnen – vorwiegend mit ihrer einschüchternd dominanter Spielweise in ihren Bann.
Härte und Präzision sind immer noch ihre Markenzeichen: Schon im ersten Spiel drosch sie den Gegnerinnen, den Doppelspezialistinnen Giuliana Olmos aus Mexiko und Erin Routliffe aus Neuseeland, einen Volley knapp vor die Füße. Sie wirkte körperlich fit und donnerte Aufschläge mit 184 km/h über Netz, in der Vorwoche waren es sogar 192 km/h gewesen. Aber so mancher Ball landete auch knapp im Aus oder in den Maschen. Den ersten Satz verloren Williams und Muchova nach einem Break 4:6, den zweiten ebenfalls 4:6. Die Gegnerinnen harmonierten besser auf dem Platz – und sie waren gewarnt: Erin Routliffe, ihrerseits eine zweimalige Grand-Slam-Siegerin im Doppel, wenn auch weit weniger prominent, hatte im Queen’s Club mit anderer Partnerin gegen Williams und die später verletzte Victoria Mboko verloren. Und für das Ad-hoc-Duo Muchova/Williams waren zwei Tage Vorbereitungszeit an der Spree, wie Muchova zugab, doch sehr wenig. Der Gruß ins Publikum nach der Niederlage fiel knapp aus.
Abgesehen davon, sagte Serena Williams, habe sie sich gut gefühlt, „leichtfüßiger, robuster und schneller“ als in ihrem ersten Match nach vier Jahren Pause an der Themse.
Ihre Kinder sollten sie noch einmal als Profispielerin auf dem Platz erleben, sagt Wiliams
Andererseits hasst sie es zu verlieren. An dieser Grunddisposition einer Perfektionistin hat sich, so ist zu mutmaßen, wenig geändert seit 1999, als sie erstmals am Ufer des Hundekehlesees im Berliner Grunewald aufgeschlagen hatte. Sie war 17 damals, es war das Jahr des Rücktritts von Steffi Graf, und Serena Williams verlor auf Sand gegen Arantxa Sanchez-Vicario. Niederlagen haben sie immer aufgewühlt, sie konnte dann auch biestig werden, wie etwa beim verlorenen US-Open-Finale 2018 zu beobachten war. Als sie 2021, mittlerweile 39 Jahre alt, bei den Australian Open im Halbfinale verlor und erneut daran scheiterte, die Rekordzahl von 24 Grand-Slam-Siegen zu erreichen, brach sie bei der Pressekonferenz in Tränen aus. Sie wusste, dass die Zeit nicht mehr auf ihrer Seite war. Anderthalb Jahre später, im September 2022, trat sie nach einem Drittrundenspiel der US Open gegen die Australierin Ajla Tomljanovic offiziell von der Bühne ab: gefeiert als eine der größten Tennisspielerinnen – für viele als die Größte in der Geschichte dieses Sports.
Was also hat sie zur Rückkehr bewogen? „Ich hatte nichts Besseres zu tun, mir wurde langweilig zu Hause. Und meine Kinder sind im Sommer nicht in der Schule. Also warum nicht?“, hat sie vorige Woche leichthin beim Platzinterview im Queen’s Club geantwortet. An Tätigkeitsfeldern allerdings fehlte es ihr in den vergangenen Jahren kaum: Seit ihrem Rücktritt lebte sie eher zurückgezogen, wurde ein zweites Mal Mutter und trieb als Geschäftsfrau und Investorin ihre vielfältigen Unternehmungen voran. Ihre Kinder sollten sie noch einmal als Profispielerin auf dem Platz erleben, auch das nannte sie als Grund. Folglich saßen am Dienstag Olympia, 8, und die zweijährige Adira nebst Familie und Entourage oben auf der Tribüne in Berlin und nahmen lebhaft Anteil am Geschehen. „Ich hab’s beobachtet“, sagte Serena Williams später schmunzelnd: „Die eine war sehr aktiv, die andere hat versucht, beruhigend auf sie einzuwirken. Ich musste lachen, andernfalls wäre ich wohl etwas nervöser gewesen.“

Den Antrieb, noch einmal Hanteln zu wuchten, an der Beinarbeit zu feilen und sich im Kraftraum zu quälen, aber fand sie letztlich in sich selbst, in ihrer Familiengeschichte – und in ihrer älteren Schwester. Venus Williams, 46, die fünfmalige Wimbledonsiegerin, nämlich hat nie aufgehört zu spielen. Sie nutzt die Wildcards, die ihr Turnierveranstalter noch immer anbieten, und erreichte im vergangenen Jahr bei den US Open im Doppel noch einmal das Viertelfinale: Mit Leylah Fernandez als Partnerin verlor sie erst gegen das topgesetzte Duo Katerina Siniakova/Taylor Townsend. „Venus hat mich wirklich motiviert, sie hat ausgezeichnet gespielt“, sagte Serena Williams in Berlin. Die Schwester riet ihr, ebenfalls wieder einzusteigen – und Serena, nach eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt untrainiert, meldete sich im Dezember beim Doping-Kontrollprogramm wieder an. Das war die Voraussetzung für ein Wettkampf-Comeback.
Den letzten Ansporn, sagte sie in Berlin, habe ihr dann das Beispiel ihrer Freundin Lindsey Vonn gegeben, der US-Skirennfahrerin, die mit 41 Jahren im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo startete. Der Sturz Vonns hielt Serena Williams nicht ab: „All diese Frauen kommen zurück – und sind so wahnsinnig gut. Ich dachte: warum nicht?“
In Wimbledon werden ihr und ihrer Schwester vom 29. Juni an noch einmal die schmiedeeisernen Tore weit geöffnet. Der All England Club hat ihnen am Dienstag eine Wildcard für den Doppelwettbewerb offeriert. Dass sie mit Venus spielen werde, stand für Serena Williams außer Frage. Und außerdem, sagte sie in Berlin, habe ihre Tochter Olympia ihr dringend zu dieser Wahl geraten – „und sie ist sehr klug“. Serena Williams hat zusätzlich zu ihren 23 Einzel-Titel auch 14 Grand-Slam-Titel im Doppel gewonnen, plus zwei Olympiagoldmedaillen – allesamt mit Venus. Auch davon zeugen die Andenken in ihrem Trophäenzimmer, der Schatzkammer im Haus.
Also, warum nicht? „Zumindest ein Weilchen noch“, sagte die Realistin Serena Williams in Berlin. „Denn es wird selbstverständlich nicht ewig gehen. Das ist nicht dauerhaft für mich.“


