Serdal Celebi und das "Tor des Monats" "Ich trainiere diese Zickzackbewegung öfter"

Serdal Celebi (Mitte) vom FC St. Pauli bei einem Spiel der Blindenfußballbundesliga (Archivbild)

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Serdal Celebi ist als erster blinder Fußballer fürs "Tor des Monats" nominiert. Mit der SZ spricht er über seinen Treffer - und darüber, wie er merkt, wenn ihm ein guter Schuss gelingt.

Interview von Daniel Böldt

Auf dem Weg zu dem Schuss, der einer der fünf schönsten des Monats werden sollte, drehte sich Serdal Celebi von einem Gegenspieler weg und lief einige Meter, den rasselnden Ball von einem Fuß zum anderen spitzelnd, links, rechts, links, rechts. Dann stoppte er, zog den Ball mit der Sohle zurück, schoss mit der linken Pike, und traf in den Winkel. Im August war das, im Finale um die deutsche Meisterschaft im Blindenfußball zwischen dem FC St. Pauli, für den Celebi, 34, spielt, und dem MTV Stuttgart. St. Pauli verlor das Spiel mit 1:2, doch anderthalb Wochen später ist Celebi für das Tor des Monats der ARD-"Sportschau" nominiert, als erster blinder Fußballer überhaupt.

SZ: Herr Celebi, Glückwunsch zur Nominierung zum Tor des Monats August. Waren Sie überrascht, als Sie davon erfahren haben?

Serdal Celebi: Ich habe mich natürlich gefreut, als mir mein Trainer Wolf Schmidt davon erzählt hat. Aber wirklich überrascht war ich nicht. Gleich im Anschluss haben mir viele Leute gesagt, wie schön das Tor war und dass man den Videomitschnitt doch bei der "Sportschau" einreichen sollte. Tja, und dann war das Ding da am Samstag zu sehen.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, die Wahl zu gewinnen?

Schwer zu sagen. Von den anderen Toren habe ich mir auch nur das von Marvin Plattenhardt beschreiben lassen, daher kann ich das nicht so gut einschätzen. Und bei so einer Wahl ist ja immer auch etwas Glück dabei. Aber jetzt, wo ich schon mal nominiert bin, will ich natürlich auch gewinnen.

Bei dem Tor ziehen Sie mit einem Dribbling nach rechts, schlagen einen Haken und schießen den Ball dann mit der Pike genau in den Winkel. War das einstudiert?

Ja, ich trainiere öfter diese Zickzackbewegung, versuche die Gegenspieler dadurch nach rechts oder links zu verlagern und den Ball dann in den Winkel zu setzen. Gerade diesen Spielzug über die rechte Seite habe ich in letzter Zeit viel geübt.

Sprich: Ihnen gelingen öfter solche Traumtore?

Gegen Schalke habe ich auch mal einen genau in den Winkel gehauen, das war allerdings ein Freistoß. Ein Dribbling mit so einem präzisen Abschluss gelingt fast nur im Training, weil wir die Spielzüge da oft ohne Gegenspieler trainieren. Daher war ich froh, dass es jetzt auch mal im Spiel geklappt hat.

Ist es Ihnen immer gleich bewusst, wenn Ihnen ein besonders schönes Tor gelingt?

Nein. Ich habe das auch bei dem Tor gegen Stuttgart erst nach dem Spiel realisiert. Manchmal kann man es von den Reaktionen der Zuschauer ableiten. Wenn dann zum Beispiel ein lautes "Wow" kommt. Aber ich freue mich zum Beispiel auch, wenn ich den Pfosten oder die Latte treffe. Das kriege ich ja sofort mit und weiß dann: Der Schuss war nicht so schlecht.

Trotz Ihres Tores haben Sie mit dem FC St. Pauli das Finale gegen den MTV Stuttgart verloren. Konnten Sie sich dennoch freuen über das Tor?

Nein, in dem Moment nicht. Mein Tor war der Anschlusstreffer zum 2:1 und ich war zu sehr damit beschäftigt, noch das 2:2 zu erzielen. Leider ist uns das am Ende nicht mehr gelungen.

Wie sind Sie zum Blindenfußball gekommen?

Ich habe Fußball schon immer geliebt. Als ich mit 13 Jahren aufgrund einer Netzhautablösung langsam erblindet bin, habe ich aber zunächst aufgehört und mir nur noch Spiele angehört. 2009 habe ich mitbekommen, dass es Vereine gibt, die auch Blinden ermöglichen, zu kicken. Als Hamburger bin ich dann beim FC St. Pauli gelandet.

Der gilt als Vorzeigeklub in Sachen Blindenfußball.

Blindenfußball wird hier sehr ernst genommen. Wir versuchen, schon Kinder und Jugendliche, die erblindet sind, mit dem Sport vertraut zu machen. Außerdem haben wir viele Kontakte zu Vereinen in ganz Europa. Im April waren wir im Trainingslager in Italien. Mitte September organisieren wir ein internationales Turnier.

Inwieweit kann der Blindenfußball von der Nominierung Ihres Tores profitieren?

Es ist schön, dass dadurch etwas Werbung für unseren Sport bei rumkommt. Abgesehen davon brauchen wir aber generell mehr Professionalisierung im Blindenfußball. Das ist natürlich schwierig, da wir alle auch einen Job haben und viel Freizeit investieren. Viele haben auch Familie, und sich dann abseits des Platzes noch für den Sport einzusetzen, kann sich nicht jeder leisten.

Wie kann eine Professionalisierung konkret aussehen?

Wir brauchen mehr organisatorische und finanzielle Unterstützung, auch vom DFB. Ich war zwei Jahre lang Nationalspieler. Bei der Weltmeisterschaft in Japan 2014 musste ich zwei Wochen Urlaub nehmen, ohne dass ich dafür irgendeinen Ausgleich bekommen habe. Deswegen bin ich 2015 aus der Nationalmannschaft ausgetreten. Für die ganzen Fahrten und Lehrgänge gingen am Ende zwei Drittel meines Jahresurlaubs drauf. Das kann man vielleicht als Single machen, für mich als Familienvater ging das einfach nicht.

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