Süddeutsche Zeitung

Serbien-Trainer Krstajic:Die Wut des Schnapsbrenners

  • Vor dem entscheidenden WM-Spiel Serbiens gerät in seiner Heimat Trainer Mladen Krstajic in den Fokus.
  • Er erstaunte in Russland mit Kriegsverbrecher-Sprüchen - und gibt sich als harter Typ.

Von Tobias Schächter, Kaliningrad

Mladen Krstajic besitzt einen Bauernhof und eine Schnapsbrennerei. Nach dem Ende seiner Laufbahn begann der ehemalige Bundesligaprofi vom SV Werder Bremen und Schalke 04, in seiner Heimat Bosnien aus Obst Rakia zu destillieren, einen auf dem Balkan sehr beliebten Branntwein. Wenn er in der Natur sei, erzählte Krstajic einmal, sei er ganz entspannt. Insofern verwundert es kaum, dass die serbische Nationalmannschaft mit ihrem Chefcoach Krstajic während dieser WM in Swetlogorsk residiert. Der Ort im Nordwesten der russischen Exklave Kaliningrad, ausgestattet mit einem Ostsee-Strand, ist ein Ort für Naturliebhaber.

Aber entspannt ist im serbischen Lager derzeit niemand. Die bittere 1:2-Niederlage gegen die Schweiz setzt die Auswahl vor dem letzten Gruppenspiel gegen Brasilien an diesem Mittwoch in Moskau unter Siegzwang. Dabei spielte der Sport nur eine Nebenrolle im Nachgang des politisch aufgeladenen Duells gegen die Schweiz - und Mladen Krstajic übernahm darin eine unrühmliche Hauptrolle.

Die Serben hatten sich vom Deutschen Schiedsrichter Felix Brych benachteiligt gefühlt, weil der ihnen in der 66. Minute beim Stand von 1:1 einen Elfmeter verweigert und dabei auf den Videobeweis verzichtet hatte. Tatsächlich hätte Brych in jener Szene auf Strafstoß entscheiden müssen; die Schweizer Akanji und Lichtsteiner hatten Serbiens Mitrovic im Strafraum wie bei einem griechisch-römischen Ringkampf umklammert.

Teile der serbischen Presse bezeichneten Brych als "12. Mann der Schweizer" - und Savo Milosevic, der ehemalige Mittelstürmer und Vizepräsident des serbischen Verbandes (FSS), stellte sich nach dem Spiel breitbeinig vor die Reporter und fragte, warum der Videoschiedsrichter nicht eingeschritten sei. Die Antwort lieferte er gleich mit: "Wir sind Serbien, niemanden interessiert's."

Mladen Krstajic verweigerte nach dem Spiel vor der internationalen Presse noch jede Aussage zur Schiedsrichterleistung. "Kein Kommentar", knurrte er nur. Auch zu den Jubelgesten der beiden kosovoalbanisch-stämmigen Schweizer Torschützen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, die ihre Arme vor der Brust gekreuzt hatten, als Symbol für den doppelköpfigen Adler auf der albanischen Flagge, erklärte er bloß: Er sei ein Mann des Sports, Politik interessiere ihn nicht, das habe er vor dem Spiel schon tausend Mal gesagt.

Am nächsten Tag stand Krstajic dann vor serbischen Journalisten und ätzte: "Wir wurden bestohlen." Und zur Leistung Brychs: "Ich würde ihn nach Den Haag schicken, damit sie ihm den Prozess machen, so wie sie ihn uns gemacht haben." Das muss man zweimal lesen, um es zu glauben. In Den Haag tagte bis Ende 2017 der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, an dem Kriegsverbrechern aus den Balkankriegen der Prozess gemacht wurde.

Kosovo beteiligt sich an Geldstrafen

Kosovo übernimmt einen Teil der Geldstrafen der Schweizer Spieler Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Stephan Lichtsteiner. Wie die Agentur AFP berichtet, kamen in einer Crowdfunding-Kampagne bis Dienstagmorgen rund 12 000 Euro zusammen, um die Bußen des Trios wegen der Doppeladler-Gesten aus dem WM-Spiel gegen Serbien (2:1) zu zahlen. Handelsminister Bajram Hasani werde zudem ein Monatsgehalt in Höhe von 1500 Euro spenden. "Das Geld ist nur ein schwacher Lohn für die Freude, die uns Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri bereitet haben, als sie ihre Tore mit dem Adler feierten", sagte Hasani. Xhaka und Shaqiri, die kosovoalbanische Wurzeln haben, müssen je 8680 Euro bezahlen, Lichtsteiner, der die Geste aus Solidarität zeigte, 4340 Euro. Der Weltverband Fifa wertet das Formen des albanischen Wappentiers mit den Händen als verbotenes politisches Statement. SID

Der unsägliche Vergleich Krstajics verhöhnt die Opfer dieser Kriege. Dass der 44-Jährige dies alles in einem schwachen Moment dahingesagt haben könnte, ist nicht anzunehmen. Auch auf seinem Instagram-Account brachte er Brychs Leistung mit dem Tribunal in Den Haag in Verbindung. Die Fifa ahndete Krstajics Äußerungen mit einer Geldstrafe, ebenso wie die Triumphgesten von Xhaka und Shaqiri. Der serbische Trainer hatte sich bis Dienstagabend noch nicht entschuldigt.

Eigentlich wollte er nicht politisch werden

In Interviews vor der WM oder bei Pressekonferenzen während des Turniers betonte Krstajic bis zuletzt, sich politisch nicht äußern zu wollen. Das war seine Strategie, unpässlichen Fragen aus dem Weg zu gehen. Zum Beispiel der, warum er im vergangenen Herbst plötzlich vom Assistenz- zum Cheftrainer befördert wurde. Der Verband trennte sich damals überraschend von Erfolgscoach Slavoljub Muslin, der sich geweigert haben soll, Talenten wie Sergej Milinkovic-Savic Einsatzzeit zu garantieren. Krstajic erklärte lediglich: "Wer spielt, bestimme ich - und nur ich."

Der ehemalige Schalker Manager Andreas Müller beschrieb Krstajic einmal so: "So wie er spielt, ist er auch als Mensch." Das war als Lob gedacht für einen disziplinierten, mannschaftsdienlichen Verteidiger. Die Stürmer in der Bundesliga spielten sehr ungern gegen diesen beinharten Abwehrhünen. Ein Mann für Sentimentalitäten war Krstajic nie. Als er aus Bremen, wo er 2004 das Double gewann, nach Schalke umzog, sagte er: "Ich muss dahin gehen, wo es das meiste Geld gibt."

In Gelsenkirchen spielte er mit Mesut Özil und Ivan Rakitic, die bei dieser WM für Deutschland und Kroatien antreten. Zusammen mit Rakitic wurde Krstajic auf Schalke einmal vor einem Champions-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim suspendiert. Die beiden hatten auf einem Konzert des serbischen Volkssängers Mile Kitic in Duisburg bis frühmorgens getanzt und getrunken; aber solche Einträge fand man in Krstajics Personalakte nur selten.

Neben seiner Schnapsbrennerei führt Krstajic aktuell auch den bosnischen Erstligisten FK Radnik Bijeljina, als Präsident. Vor der WM hatte er über den Druck gesagt, der auf ihm lastet: "Mir ist natürlich klar, dass ich aus dieser Geschichte entweder als Oberst oder als Toter herausgehen werde." Sprache verrät doch sehr viel über das Weltbild eines Menschen.

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SZ vom 27.06.2018/jbe
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