Serbien-Trainer Krstajic:Eigentlich wollte er nicht politisch werden

In Interviews vor der WM oder bei Pressekonferenzen während des Turniers betonte Krstajic bis zuletzt, sich politisch nicht äußern zu wollen. Das war seine Strategie, unpässlichen Fragen aus dem Weg zu gehen. Zum Beispiel der, warum er im vergangenen Herbst plötzlich vom Assistenz- zum Cheftrainer befördert wurde. Der Verband trennte sich damals überraschend von Erfolgscoach Slavoljub Muslin, der sich geweigert haben soll, Talenten wie Sergej Milinkovic-Savic Einsatzzeit zu garantieren. Krstajic erklärte lediglich: "Wer spielt, bestimme ich - und nur ich."

Der ehemalige Schalker Manager Andreas Müller beschrieb Krstajic einmal so: "So wie er spielt, ist er auch als Mensch." Das war als Lob gedacht für einen disziplinierten, mannschaftsdienlichen Verteidiger. Die Stürmer in der Bundesliga spielten sehr ungern gegen diesen beinharten Abwehrhünen. Ein Mann für Sentimentalitäten war Krstajic nie. Als er aus Bremen, wo er 2004 das Double gewann, nach Schalke umzog, sagte er: "Ich muss dahin gehen, wo es das meiste Geld gibt."

In Gelsenkirchen spielte er mit Mesut Özil und Ivan Rakitic, die bei dieser WM für Deutschland und Kroatien antreten. Zusammen mit Rakitic wurde Krstajic auf Schalke einmal vor einem Champions-League-Spiel gegen Rosenborg Trondheim suspendiert. Die beiden hatten auf einem Konzert des serbischen Volkssängers Mile Kitic in Duisburg bis frühmorgens getanzt und getrunken; aber solche Einträge fand man in Krstajics Personalakte nur selten.

Neben seiner Schnapsbrennerei führt Krstajic aktuell auch den bosnischen Erstligisten FK Radnik Bijeljina, als Präsident. Vor der WM hatte er über den Druck gesagt, der auf ihm lastet: "Mir ist natürlich klar, dass ich aus dieser Geschichte entweder als Oberst oder als Toter herausgehen werde." Sprache verrät doch sehr viel über das Weltbild eines Menschen.

© SZ vom 27.06.2018/jbe
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