Schweiz vor dem Spiel gegen Serbien:Langer Schatten des Doppeladlers

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Schweiz vor dem Spiel gegen Serbien: Provokation bei der WM 2018: Die Schweizer Granit Xhaka (links) und Xherdan Shaqiri antworteten auf Schmähungen serbischer Fans mit politischen Gesten beim Torjubel.

Provokation bei der WM 2018: Die Schweizer Granit Xhaka (links) und Xherdan Shaqiri antworteten auf Schmähungen serbischer Fans mit politischen Gesten beim Torjubel.

(Foto: Laurent Gillieron/dpa)

Das Gruppenspiel der Schweizer am Freitag gegen Serbien weckt Erinnerungen - an Spieler mit kosovarischen Wurzeln, die 2018 ihren WM-Sieg gegen die Serben mit politischen Gesten feierten. Droht in Katar wieder ein Eklat?

Von Isabel Pfaff, Bern

Kaliningrad, WM-Sommer 2018. Im Stadion trifft die Schweiz am 22. Juni auf Serbien, eigentlich keine besondere Konstellation, die Weltmeisterschaft befindet sich noch in der Gruppenphase. Aber dann wird aus diesem Spiel einer der größten Skandale, den die Schweizer Nationalelf in ihrer Geschichte erlebt hat. Er hat mit den Migrationsgeschichten der Schweizer Spieler zu tun, vor allem mit jenen der Teamgrößen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, deren Eltern aus dem Kosovo stammen.

Als Xhaka den Ausgleichstreffer gegen die Serben erzielt und Shaqiri wenig später zum 2:1-Siegtor trifft, bejubeln beide ihre Tore mit verschränkten Daumen und wedelnden Fingern: dem doppelköpfigen Adler, der sich auch auf der albanischen Flagge wiederfindet. Die Geste ist an die serbischen Fans im Stadion adressiert, es ist eine Reaktion auf die Buhrufe und Pfiffe, die sich alle vier albanisch-stämmigen Spieler während des Spiels anhören mussten. Sie sollte die Schweizer "Nati" noch lange verfolgen.

Im Grunde bis heute. An diesem Freitag (20 Uhr) treffen die beiden Länder wieder aufeinander, wieder geht es um den Einzug ins Achtelfinale - aber eben nicht nur. In der Schweiz und auf dem Balkan halten sie den Atem an vor diesem Spiel, denn zumindest die Protagonisten auf der schweizerischen Seite sind dieselben: Granit Xhaka, 30, ist weiterhin integraler Teil der Mannschaft, diesmal als Kapitän, und auch Xherdan Shaqiri, 31, wird wohl trotz einer Muskelverletzung spielen. Unverändert sind auch die Spannungen zwischen Serbien und Kosovo. Noch immer erkennt Belgrad die kosovarische Unabhängigkeit nicht an. Zuletzt kochte der Konflikt wieder hoch, diesmal aufgehängt an Autokennzeichen.

Und bei der WM in Katar? Da reden zwar alle davon, dass die Politik bei diesem Turnier unbedingt draußen bleiben, dass es schlicht und einfach um Fußball gehen sollte. Doch neben all den Debatten um die Menschenrechtsbilanz der Gastgeber und die "One Love"-Armbinde hat sich in Katar auch Folgendes ereignet: Jemand hat ein Foto in der Kabine der serbischen Nationalmannschaft gemacht, es sind Trikots und Fußballschuhe zu sehen, aber auch eine Fahne mit den Umrissen des Kosovo - in den serbischen Farben. Darauf der Schriftzug "Niemals aufgeben". Das Bild zirkulierte im Internet, der kosovarische Fußballverband reichte daraufhin Beschwerde bei der Fifa ein.

Die Schweizer Spieler stehen doppelt unter Druck, denn auch daheim werden Bekundungen für ein anderes Land nicht gern gesehen.

Inmitten dieser Atmosphäre nun also das politisch ohnehin vorbelastete Spiel Schweiz gegen Serbien. Zwar geben sich der Schweizer Verband und die Mannschaft betont unaufgeregt: "Wir spielen nicht zum ersten Mal gegen Serbien. Wir sind professionell genug, um uns auf das Sportliche zu fokussieren", sagte Granit Xhaka nach dem 0:1 gegen Brasilien. Und Nationalteam-Direktor Pierluigi Tami ergänzte vor Kurzem im Tages-Anzeiger: "Unsere Spieler wissen, dass sie ihren Kopf und ihre Energie für den Fußball einsetzen sollen." Doch er sagt auch: "Was die Serben machen, was die Journalisten machen, darauf haben wir keinen Einfluss."

Das Politische lässt sich nie ganz aus dem Sport verbannen, auch wenn sich die Fifa das wünscht - das haben nicht zuletzt die Schweizer 2018 bitter erfahren müssen. Xhaka, Shaqiri und der damalige Kapitän Stephan Lichtsteiner erhielten vom Weltverband für ihre Jubelgesten Geldstrafen. Und zu Hause in der Schweiz trat der Vorfall in Kaliningrad eine giftige Debatte los - um Nationalstolz, Zugehörigkeit und doppelte Staatsbürgerschaften. Bis heute ist das Verhältnis der Eidgenossen zu ihrer "Nati" von dem Misstrauen geprägt, das viele Fans und Medienleute den Spielern mit Migrationsgeschichte entgegenbringen.

Die stehen jetzt also unter doppeltem Druck: jenem, der womöglich wieder von serbischen Fans im Stadion ausgehen wird, und dem Druck zu Hause, wo es das Publikum nicht goutiert, wenn für ihre "Nati"-Spieler andere Länder als die Schweiz im Vordergrund stehen. Ob man in dieser Lage die Hände beim Jubeln stillhalten kann, falls es Grund zum Jubeln gibt, wird der Freitagabend zeigen.

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