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Hajo Seppelt im Interview:"Ich bin sicherlich nicht der übliche Sportfan"

Hajo Seppelt zählt zu den profiliertesten Sportjournalisten in Deutschland.

(Foto: Jean-Christophe Bott/AP)

Der Journalist Hajo Seppelt spricht über die Folgen seiner Recherchen, in welchem Dilemma der Spitzensport steckt und was ihn an der eigenen Branche stört.

Der ARD-Sportreporter Hajo Seppelt, 57, hat mit seinen Recherchen zum Bekanntwerden der russischen Staatsdoping-Affäre beigetragen, also zum Wissen darum, dass Russland systematisch das Doping seiner Athleten verschleiert hat. Er hat über Doping im Wintersport berichtet und zuletzt über Korruptions-Vorwürfe im Gewichtheben. Am Montag wird er in der Freien Universität Berlin von seiner Arbeit berichten. Im Interview vorab erzählt er von den Widerständen und Dingen, die ihn anspornen.

SZ: Herr Seppelt, was sagt es über den Sport, dass es Ihnen offenkundig nicht an Themen mangelt?

Hajo Seppelt: Der organisierte Sport ist aus meiner Sicht anachronistisch aufgestellt. Er wird teils aus öffentlichen Kassen subventioniert, pocht aber immer auf seine Autonomie und lässt sich ungern in die Karten schauen. Es sind mitunter feudale Strukturen. Man denke allein ans Internationale Olympische Komitee, wo ja nach wie vor ein großer Teil der Mitglieder ernannt wird wie damals am Hofe und man sich die Frage stellt: Ist das zeitgemäß, sind das demokratische Strukturen, wie wir sie heutzutage für selbstverständlich halten? Zudem hat sich gezeigt: Die oft zitierten Selbstreinigungskräfte des Sports - gerade in Sachen Doping und Korruption - sind eine Illusion.

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Warum ist das so?

Der Sport ist in einem Dilemma: in jenem, auf der einen Seite Spitzensport promoten zu wollen, auf der anderen Seite aber ethische Grundwerte zu verkörpern. Dieser Interessenkonflikt zeigt sich am Beispiel Doping am allerbesten: Die Topleistung ist für alle Beteiligten nur gut zu vermarkten, solange Doping unentdeckt bleibt. Eine Win-win-Situation, aus der aber schnell eine Lose-lose-Situation wird, wenn einige investigative Journalisten, Staatsanwälte, die Polizei oder andere unabhängige Instanzen das Doping aufdecken. Dann verlieren alle - ob Athlet, Manager, Verband oder Sponsor.

Was Sie treibt Sie an in Ihrer Arbeit?

Mich hat Unehrlichkeit im Sport oder auch generell immer genervt. Schon früher, wenn ich beim Fußball Hand gespielt habe, habe ich das zugegeben, was meine Mitspieler gar nicht verstehen konnten. Ich fand halt, es gehört zum Spiel dazu, dass Regeln eingehalten werden sollten.

Sie treffen auch auf große Widerstände. 2018 wurde zum Beispiel Ihr Visum für die Reise zur Fußball-WM in Russland für ungültig erklärt. Später, als Sie doch einreisen durften, haben Sie nach Warnungen deutscher Sicherheitsbehörden darauf verzichten müssen. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin es seit vielen Jahren gewohnt, dass die Leute die Ergebnisse unserer Arbeit nicht immer begrüßen. Das ist aber eingepreist in dem, was wir tun. Auch andere investigative Journalisten wissen, dass es nicht immer vergnügungssteuerpflichtig ist, was wir machen. Auffällig ist, dass es manchmal auch in der eigenen Branche nicht goutiert wurde - da wo das Fantum beim einen oder anderen, gerade etwa im Fußball-Journalismus, extrem ausgeprägt ist. Ich finde, im Begriff Sportjournalismus sollte die Betonung auf Journalismus und nicht auf Sport liegen.

Sie haben sich also noch nie die Frage gestellt, ob es das noch wert ist?

Das ist natürlich bedauerlich, wenn mich Russland wegen einer Recherche, die ja nun hinlänglich bestätigt ist, nicht ins Land lassen möchte. Und Russland selber als Land hat ja damit nichts zu tun. Es ist die russische Sportpolitik, es sind die Funktionäre, die die Probleme verursachen. Aber ich käme nicht auf die Idee, meinen Job an den Nagel zu hängen, nur weil ich nicht nach Russland einreisen darf.

Können Sie es eigentlich überhaupt noch genießen, sich Sport im Fernsehen anzugucken?

Warum "noch" genießen? Die Frage beinhaltet ja, dass ich das jemals genossen habe. Ich bin sicherlich nicht der übliche Sportfan. Das war ich aber noch nie. Schon als klassischer Sportreporter und Live-Kommentator war ich nicht von allem begeistert, was ich gesehen habe. Meine Kritik ist immer dann gewachsen, wenn ich erkannt habe, dass Dinge totgeschwiegen wurden. Der Sport ist ein spannendes Feld der Berichterstattung mit viel Hintergrund, der allerdings oft nicht aufgehellt worden ist. In den letzten Jahren haben investigative Journalisten weltweit dazu beigetragen, dass das Publikum nicht nur in Deutschland ein differenzierteres Bild vom Spitzensport erhalten hat. Wenn wir das erreicht haben, dann finde ich das gut, weil es der Wahrhaftigkeit dient und weil es den Leuten die andere Seite der Medaille zeigt.

Doping vom Staat und Korruption bei der Fußball-WM: Wenn sich investigativer Sportjournalismus mit den Mächtigen anlegt. Am Montag, 13. Januar, um 10 Uhr in der FU Berlin, Henry-Ford-Bau, Hörsaal C.

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