Süddeutsche Zeitung

Ryder Cup:Go Dawgs!

Ein deutschsprachiger Golfprofi hat es zum Ryder Cup nach Rom geschafft: Sepp Straka, in Wien geboren und in Georgia aufgewachsen, ist in der Weltelite angekommen - die US-Amerikaner hätten den Österreicher am liebsten in ihrem Team.

Von Felix Haselsteiner, Rom

An den Nachmittag, an dem Sepp Strakas Karriere von Neuem begann, erinnert er sich noch genau. Am Stadtrand von Kansas City, auf einem der vielen unbekannten, anonymen Golfplätze, auf denen die Turniere der zweitklassigen Wettkampfserie im amerikanischen Golf stattfinden, spielte Straka Anfang August 2018 um das sportliche Überleben: In seiner zweiten Saison als Profi hatte er über Monate so schlecht gespielt, dass er kurz davor war, noch weiter nach unten abzurutschen. Auf die ausgelagerten Touren in Lateinamerika, Kanada oder Asien hätte Straka bei weiterem Misserfolg ausweichen müssen, angemeldet hatte er sich dort zur Sicherheit schon einmal.

Die Wenigsten, die auf die Minitouren abrutschen, kommen jemals wieder zurück aus dem sportlichen Nirvana. Abseits des großen Millionenzirkus lauern die Abgründe im Golfsport hinter jedem 18. Grün, und es gehört zur Geschichte des 30-jährigen Österreichers, dass er dort hinuntergeschaut hat, bevor er den Umschwung schaffte und fast schon im Zeitraffer in ungeahnte Höhen stieg, weil das Schicksal sich wendete: Straka gewann an jenem Nachmittag im August 2018 in Kansas City mit einem Schlag Vorsprung, weil sein Gegner auf dem finalen Grün um ein paar Zentimeter am Loch vorbei puttete. So ist Golf.

Er spielte in den Wochen danach gut, qualifizierte sich für die US PGA Tour, erkämpfte sich über gute Platzierungen Startberechtigungen, gewann im März 2021 als erster Österreicher in den USA ein Turnier - und weil er einfach nicht aufhörte zu klettern, ist Straka fünf Jahre und zwei Monate nach Kansas City am Sonntagabend im sonnigen Rom angekommen, wo er Teil des europäischen Teams beim Ryder Cup ist.

"Es ist ein Wahnsinn, wie fein die Linie ist", sagt Straka. Der 22. der Weltrangliste ist inzwischen ein gefragter Mann. Im deutschen Fernsehen, beim übertragenden Pay-TV-Sender Sky, muss er Interviews geben, weil er derzeit der einzige deutschsprachige Spieler unter den Besten der Welt ist. Und dann sind da noch die ganzen Amerikaner, die ihm immer wieder einreden möchten, dass er doch eigentlich einer von ihnen sei - und kein Europäer.

Seine Mutter stammt aus den USA und lernte seinen Vater in Wien kennen

Ob er gemischte Gefühle vor dem Wettbewerb der zwei Kontinente habe, wird Straka am Dienstag bei seiner Pressekonferenz gefragt. Seine Mutter stammt aus den USA, lernte seinen Vater in Wien kennen, wo Josef - den alle nur Sepp nennen - und sein Zwillingsbruder Sam die ersten Jahre ihres Lebens verbrachten. Im Golfclub Fontana spielten sie ihre ersten Runden, dann zog die Familie in die US-Südstaaten, nach Valdosta, Georgia, da war er 14 Jahre alt. Also, in Wahrheit doch Amerikaner? Strakas Antwort: "Nein, nicht wirklich."

"Geteilt" sei er aufgewachsen, mit Einflüssen von beiden Seiten des Atlantiks. Aber jetzt, im Angesicht seines Debüts im Ryder Cup, habe sich die Familie recht klar entschieden: "Meine Mutter ist vergangene Woche schon die ganze Zeit mit einer Österreich-Kappe herumgelaufen. Die sind alle im Team Europa." Aus dem eigenen Team gibt es trotzdem den ein oder anderen Spruch: "Go Dawgs" ruft der Engländer Tommy Fleetwood ihm im nachgeahmten Südstaaten-Akzent zu; es ist der Leitspruch von Strakas Universität in Georgia.

Es sind diese kleinen Momente, die zeigen, dass Straka inzwischen in der Golfelite angekommen ist. Er hat sich einen Namen gemacht mit seiner Spielweise, die so gnadenlos unscheinbar daherkommt, dass ihn eigentlich niemand auf der Rechnung hatte. 1,90 Meter ist er groß, er war nie der durchtrainierte Athlet, nie der mit den weitesten Abschlägen oder den herausragenden Statistiken - aber in den vergangenen Jahren war er immer wieder einer der Spieler mit den besten Resultaten. Die Nominierung für das europäische Team etwa erspielte er sich mit einem zweiten Platz bei der British Open im Juli und einem Sieg auf der PGA Tour kurz zuvor, bei dem er die Finalrunde in sagenhaften neun Schlägen unter Par, unter Platzstandard, spielte.

"Ich habe mir das nicht vorstellen können, jemals hier dabei zu sein"

"Mein Spiel hat sich von Jahr zu Jahr kontinuierlich verbessert, das war immer mein Ziel", sagt Straka. Viele Golfprofis setzen sich wesentlich ambitioniertere Ziele, man findet auch auf den Minitouren genügend Charaktere, die sich selbst einreden, in einigen Jahren beim Ryder Cup dabei zu sein. Übermäßiges Selbstvertrauen ist im Einzelsport Golf oft der beste Weg ist, die Zweifel am eigenen Können zu überwinden: Bevor man die anderen von sich überzeugt, muss man sich erst einmal selbst überreden, dass die höchsten Sphären erreichbar sind.

Straka, ein schüchterner Charakter, denkt anders. "Ich habe mir das nicht vorstellen können, jemals hier dabei zu sein", sagt er, während er schnell über die Anlage des Marco Simone Golf Club geht, zwischen zwei Interviews hat er kurz Zeit für ein paar Fragen. Auf einer Tribüne im Hintergrund steht sein Name neben dem von Justin Rose, seinem englischen Teamkollegen, der seinen fünften Ryder Cup spielt und längst Legendenstatus hat. Um diese kleinen Details aufzunehmen, dafür bleibt nicht viel Zeit in einer hektischen Woche, es geht schließlich nicht darum, nur dabei zu sein, sondern zu gewinnen.

Straka bleibt aber doch noch kurz stehen, um über Kansas City zu sprechen und darüber, wie er sich seit jenem Nachmittag entwickelt hat: "Ehrlich gesagt: Ich tue mir immer noch schwer, mir das vorzustellen."

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