Es ist knapp 15 Jahre her, da wurde Josef Piontek, den alle nur Sepp nannten, im Rahmen einer Fernsehshow in die dänische Hall of Fame des Fußballs aufgenommen. Als Laudator hatten sie Preben Elkjær-Larsen aufgeboten, in den Achtzigerjahren einer der weltweit besten Stürmer. Und der erzählte, wie es damals war, als sie in Dänemark einen neuen Nationaltrainer suchten. „Lass es nur keinen Deutschen werden“, habe er gedacht und sei dann, nachdem der in Breslau geborene und nach der Vertreibung in Ostfriesland aufgewachsene Piontek den Zuschlag erhalten hatte, sehr schnell eines Besseren belehrt worden: „Du hast den dänischen Fußball von einem Witz zu einem Gegner gemacht, den alle ernst genommen haben“, sagte Elkjær-Larsen in seiner Rede.
In der Tat: Von 1979 bis 1990 kreierte Piontek das, was als Danish Dynamite in die Fußball-Historie einging. Er formte aus der ersten Generation hochbegabter Dänen wie Gladbachs Außenstürmer Allan Simonsen, Mittelfeldstratege Sören Lerby, Spielmacher Michael Laudrup, Abwehr-Autorität Morten Olsen und Torjäger Elkjær-Larsen eine Mannschaft, die in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1984 im Wembleystadion gewann. Und damit England aus dem Rennen warf. Bei der Endrunde in Frankreich scheiterten die Skandinavier erst im Halbfinale.
Zwei Jahre später ärgerte Piontek mit seinem Team dann auch die Deutschen: Bei der WM 1986 in Mexiko schlug Dänemark in der Vorrunde Franz Beckenbauers DFB-Elf mit 2:0, prallte aber im Achtelfinale an Spaniens Stürmer Emilio Butragueño ab, der den Dänen beim 5:1 gleich vier Tore einschenkte. Letztlich war es Pionteks Aufbauarbeit, die den Grundstein legte für die EM 1992, bei der sein Nachfolger Richard Möller-Nielsen die Dänen als Ersatzteam für das damals ausgeschlossene Bürgerkriegsland Jugoslawien zum Titel führte.
„Er brachte die Professionalität in den dänischen Fußball“, sagt Allan Simonsen über Piontek
Am Mittwoch ist Josef Piontek im Alter von 85 Jahren in seiner Wahlheimat Dänemark nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. „Sepp wird für immer als einer der einflussreichsten Nationaltrainer in der Geschichte des dänischen Fußballs in Erinnerung bleiben“, schrieb Verbandsdirektor Peter Möller in einer Mitteilung, die unter anderem in den sozialen Medien verbreitet wurde. Allan Simonsen sagte gegenüber dem Fußball-Portal bold.dk über Piontek: „Er war ein guter Mensch, ein guter Trainer. Er brachte die Professionalität in den dänischen Fußball, und es war damals Gold wert, dass man so einen Trainer bekam, der wirklich wusste, worum es ging.“

Als aktiver Fußballer hatte Piontek von 1960 an beim SV Werder gespielt, zunächst als Mittelstürmer, später auf verschiedenen Positionen in der Verteidigung. 1961 gewann er mit Bremen den DFB-Pokal, vier Jahre später war er neben Horst-Dieter Höttges und Max Lorenz Teil der als „Beton-Abwehr“ bezeichneten Defensivreihe, die maßgeblich zum Gewinn der Meisterschaft beitrug. Dass er Mitte der Sechzigerjahre einen Jungen, der in eine Eisfläche eingebrochen war, aus einem kalten See rettete, untermauerte sein makelloses Image.
1972 beendete der sechsmalige deutsche Nationalspieler seine aktive Laufbahn, auch wegen anhaltender Knieprobleme. Er wurde Trainer, zunächst für drei Jahre bei Werder, später auch bei Fortuna Düsseldorf, dem FC St. Pauli oder der Nationalmannschaft Haitis, mit der er die WM 1978 als Zweiter der Nord- und Mittelamerika-Qualifikation nur knapp verpasste.
Er färbte sogar seine Muttersprache Deutsch mit dänischem Akzent
Es folgte das Engagement in Dänemark, wo man ihn schon deshalb schnell als einen der ihren akzeptierte, weil er die Sprache so sehr adaptierte, dass er sogar seine Muttersprache Deutsch mit dänischem Akzent färbte. Auch als er zwischen 1990 und 1993 als türkischer Nationalcoach arbeitete, blieb sein Lebensmittelpunkt Dänemark, wo er mit seiner zweiten Ehefrau Gitte und ihren drei gemeinsamen Kindern zunächst in der Nähe von Kopenhagen und später bei Odense auf der Insel Fünen lebte. Nach seiner Rückkehr aus der Türkei gewann er mit Aalborg den dänischen Pokal und führte den Klub sogar in die Champions League. Sein letzter Trainerjob war in Grönland, hier soll er für die Betreuung der Nationalmannschaft 2004 unter anderem mit Fischen bezahlt worden sein.
Er fühle sich als „55 Prozent Däne und 45 Prozent Deutscher“, sagte Sepp Piontek aus Anlass seines 80. Geburtstags 2020. „Ich liebe Dänemark mit all seinen Menschen“, hatte er ein anderes Mal erklärt. Eine Zuneigung, die nicht unerwidert blieb. Oder, wie es der Moderator der eingangs erwähnten Fernsehshow ausdrückte: Piontek sei der „meistgeliebte Deutsche auf dänischem Boden“.
In einer früheren Version dieses Textes stand, Piontek sei in Ostpreußen geboren. Richtig ist, dass er in Breslau/Schlesien auf die Welt kam.

