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Sepp Herberger:Inspiriert von Maos Guerilla-Taktik

Eine Welt voller Bücher: Sepp Herberger mit seiner Ehefrau Ev im heimischen Wohnzimmer.

(Foto: Herberger/DFB/oh)

Eine Ausstellung in Dortmund erlaubt einen Einblick in die überraschende Lese-Leidenschaft des früheren Bundestrainers Sepp Herberger.

Die fünfziger Jahre, das Jahrzehnt des Sepp Herberger, rochen nach schweren Brokat-Vorhängen und Mottenkugeln, nach Polstergarnituren mit speckigen Armlehnen, nach dem Dunst früher Fernsehapparate, die sich in den Wohnzimmern noch als Möbelstück wegduckten, mit schmauchenden Schwarzweiß-Bildröhren unter Edelholzfurnieren, deren Lack die Hausfrau Ev Herberger täglich wienerte. Es war Frieden. Und im Wohnzimmer des ersten deutschen Weltmeister-Trainers in Hohensachsen bei Mannheim türmten sich die Bücher in der Schrankwand bis unter die Decke und verströmten das leicht muffige Aroma von alten Seiten.

In dem nüchternen Zweckbau des DFB-Fußballmuseums in Dortmund glaubt man ein paar Prisen dieses Parfüms dieser Ära zu ahnen, vielleicht weil Herbergers Bücher den Lufthauch von damals verströmen oder die bereit gestellten Sessel unter Stehlampen aus dem Antiquariat. Die etwas überraschende Ausstellung über die mindestens so überraschende Lese-Leidenschaft des ersten Bundestrainers Sepp Herberger wird am Sonntag eröffnet. Im Obergeschoss des Museums am Dortmunder Königswall taucht man in die Welt seiner Aphorismen ein - und wo er sie her hatte. Und ahnt nach wenigen Minuten, dass da der erste Konzepttrainer am Werk war, lange bevor man solche intellektuellen Begriffe für einen aus dem damals noch schnöden Fußball-Volk benutzt hätte.

Herberger schien als fußballerischer Gründervater des Nachkriegs-Deutschland längst ausgeforscht zu sein. "Einsnull genügt" oder "das nächste Spiel ist immer das schwerste" oder "nach dem Spiel ist vor dem Spiel" oder "der Ball ist rund" und nicht zu vergessen: "Ein Spiel dauert neunzig Minuten." Seine Weisheiten bekommt noch heute jeder E-Jugend-Spieler von seinem Übungsleiter zu hören. Dass der Bundestrainer sie in mühevollem Literaturstudium aus vielen seiner 1500 Bücher destillierte, ahnt heute kaum jemand, der zur Generation Phrasenschwein gehört und glaubt, dass solche Sätze irgendwann gedankenfrei vom Himmel gefallen seien.

Dem DFB-Museums-Direktor Manuel Neukirchner, studierter Literaturwissenschaftler, kommt der Verdienst zu, sich zum ersten Mal mit dem Bücherwurm in dem knarzigen Nationalhelden Sepp Herberger beschäftigt zu haben. Die Ausstellung "Herbergers Welt der Bücher" zeigt nicht nur dessen komplette Bibliothek, sondern vor allem die vielen handschriftlichen Anmerkungen, die er an die Seitenränder gekritzelt hatte, meist mit Bleistift, aus Achtung vor den Büchern. Und die vor Neukirchner offenbar niemand zur Kenntnis genommen hatte. Die Bücher-Sammlung war nach dem Tode der kinderlosen Herbergers an den Sitz des DFB in der Otto-Fleck-Schneise gebracht worden und hatte seitdem dort nur Staub angesetzt.

Jetzt kann man in Dortmund unter dem gelben Licht der Stehlampen auf muffigen Sesseln sitzen und in Nachdrucken der Originale schmökern, wie Herberger sich an den Strategien von preußischen Militärstrategen wie etwa Carl von Clausewitz nicht satt lesen konnte, um seine Fußballtaktik eines streng geordneten Chaos daraus herzuleiten: Ständiges Rochieren seiner Spieler sollte den Gegner verwirren. Das WM-System, das er aus der Lektüre englischer Fußball-Jahrbücher herausgefiltert hatte, war dabei theoretisch sehr offensiv. "Angriff ist die beste Verteidigung", hatte er damals formuliert, sehr frei nach Clausewitz. So weit ist Herberger damit nicht von neuzeitlichen Taktik-Tüftlern wie Thomas Tuchel entfernt. Später hat er auch den chinesischen Revolutionsführer Mao gelesen. Interessiert hat ihn dabei Maos Taktik des Guerilla-Krieges, auch wenn er weltanschaulich weder mit den Militaristen aus der Zeit Napoleons, noch mit Mao etwas anfangen konnte.

Die Frage, die Herberger zeitlebens begleitet hat, beantwortet sein Bücherfundus allerdings auch nicht. Sein Verhältnis zu den Nazi-Machthabern lässt sich nicht erkennen. Neukirchner, der Deuter seiner Bücher-Sammlung, hält Herberger für "einen zutiefst unpolitischen Menschen". Es würde nicht überraschen, denn das Fußballspiel hat zu allen Zeiten die Tür zur Flucht aus dem Alltag und den Verhältnissen geboten. Der Eskapismus der Fußballer hat sie allerdings selten davor geschützt, sich von Machthabern jeder Couleur vereinnahmen zu lassen. Vor allem mit ihren Siegen.

Herberger hat das Kunststück fertig gebracht, während seines Sportstudiums an der "Hochschule für Leibesübungen" in Berlin ausgerechnet beim jüdischsten der Spitzenvereine der Hauptstadt anzuheuern, bei Tennis Borussia. Dort hatte man dem ungelernten Volksschul-Absolventen einen mit 350 Reichsmark im Monat dotierten Job als Bankkaufmann verschafft - neben dem Studium, das er ohne Abitur aufnehmen durfte. Derselbe Herberger trat erstaunlich früh in die NSDAP ein, vielleicht, weil er als Protegé des damaligen Reichstrainer Otto Nerz kaum anders konnte. Nerz war SS-Mitglied.

Mit dem Füllfederhalter unterstrich Herberger Sätze wie: "Ein Tropfen Honig fängt mehr Fliegen als ein Liter Galle."

Herbergers Vorgänger als Reichstrainer hatte als strammer Militarist die Nationalspieler zu Trainingszwecken noch marschieren lassen. Nerz hatte vorher Tennis Borussia trainiert. Die Nazis erzwangen später den Zwangsaustritt eines Drittels aller Vereinsmitglieder von TeBe - weil sie jüdisch waren. Herberger schaffte als Reichstrainer das Marschieren sofort ab und hielt eine offenbar gerade noch ausreichende Distanz zu den Nazis. Nach dem Krieg wurde er als Mitläufer eingestuft. In seiner Buchsammlung gibt es, wen wundert es, kaum einen Hinweis auf die Nazi-Zeit. Dafür notierte Herberger später in sein Exemplar des Buches des Theologen Karl Zeiss, "Christ und Sport", seine Quintessenz: "Was ist Kirche und Sport gemeinsam? Dienst am Menschen!"

Sein Abschluss an der Sporthochschule machte Herberger mit Bestnoten, allerdings mit dem Makel, im Fach Psychologie nur ein "genügend" bekommen zu haben. Es soll seine ganze Trainerlaufbahn lang an ihm genagt haben. Als Kind aus ärmlichen Mannheimer Arbeiter-Verhältnissen, dessen Vater starb, als er erst 12 Jahre war, wirkte Herberger immer etwas streberhaft, als er den Sprung in den akademischen Beruf geschafft hatte. Später wurde vor allem seine Menschenführung bei den empfindlichen Spielern der ersten Nachkriegsgeneration gerühmt. Die meisten Anstöße, auch für viele Aphorismen, hat Herberger offenbar beim amerikanischen Populär-Psychologen Dale Carnegie bekommen, dessen Bücher er regelrecht sezierte. Mit dem Füllfederhalter unterstrich er Sätze wie: "Ein Tropfen Honig fängt mehr Fliegen als ein Liter Galle."

Carnegie schrieb auch Weisheiten auf wie: "Über vergossene Milch soll man nicht jammern!", "was passiert ist, ist passiert!" oder "kümmere dich nicht um ungelegte Eier". Carnegie verdiente sein Geld als ein Vorläufer heutiger Motivations-Gurus, und seine Bücher wie "Sorge dich nicht - lebe!"gingen in den fünfziger Jahren weg wie Semmeln. Das Land suchte schließlich nach Orientierung, die ihnen dann auch Herbergers WM-Sieg zu geben schien. Der 4. Juli 1954 mit dem Finalsieg in Bern wird selbst von ernsten Historikern als emotionaler Gründungstag der Bundesrepublik empfunden.

An einer Stelle, so zitiert ihn Ausstellungsmacher Neukirchner, schreibt Carnegie: "Aber der Mann, der außer seinen technischen Fähigkeiten noch die Fähigkeit hat, seine Angestellten zu beeinflussen, sie mitzureißen - der Mann ist mit einer besonderen Macht begnadet." Herberger hat solche Sätze aus dem fernen, freien Amerika zu seinem Credo gemacht. Zu einem wie Jürgen Klopp würden sie heutzutage genauso passen. In Dortmund sorgen zeitgenössische Videos, etwa ein Interview des großen Harry Valérien mit dem großen Sepp Herberger, für eine auch optische Illusion. Der Vater aller Konzepttrainer - so eine Überschrift hätte dem Autodidakten Herberger gefallen, in seinem Sessel vor der Bücherwand. Wahrscheinlich werden sie die Spezialausstellung über Herberger im DFB-Museum nie wieder los, so gut ist sie.

© SZ vom 25.03.2017