Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Senegal ist der Stolz Afrikas

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Von Martin Schneider, Moskau

Robert Lewandowski stemmte die Hände in die Hüfte, zuvor hatte er sie benutzt, um letzte Anweisungen zu geben. Er zeigte Mitspielern ihre Laufwege, zeigte, wo der Ball hinkommen sollte und am Ende, so lief es meistens in diesem Spiel gegen Senegal, kam der Ball nicht zu ihm. Nach Schlusspfiff ging er nicht direkt in die Kabine, sondern zur Tribüne, seine Frau war an die Absperrung zum Spielfeld gekommen. Sie küssten sich und dann verschwand er - mit dem Ergebnis, dass Anna Lewandowska nicht mehr von der Tribüne runterkam, weil sie nun jeder erkannt hatte und ein Selfie haben wollte. Sie erledigte die Foto-Arbeit mit erstaunlicher Geduld.

Es war nicht das Spiel des Robert Lewandowski, 34 Ballkontakte hatte er am Ende, zwei Torschüsse, davon ein Freistoß. Nein, es war das Spiel der Senegalesen - der ersten afrikanischen Mannschaft, die bei diesem Turnier ein Spiel gewann. Und das trotz zweier Tore mit polnischer Mithilfe nicht unverdient.

Die Fans tanzten während der Partie

"Ganz Afrika unterstützt uns. Sie sind stolz auf uns und wir sind stolz", sagte Trainer Aliou Cissé. "Wir haben ein großartiges Spiel gemacht. Wir verdienen das Glück", sagte Torschütze M'Baye Niang. Mit "Glück" meinte er vielleicht das 1:0, als Thiago Cionek einen Schuss von Idrissa Gueye unhaltbar für Polens Torwart Wojciech Szczęsny abfälschte.

Oder sein eigenes Tor. Er stand nämlich eigentlich außerhalb des Feldes, er wurde wegen einer Verletzung behandelt - doch Schiedsrichter Nawaf Abdulla Shukralla aus Bahrain gab ihm just in der Sekunde die Erlaubnis, auf den Platz zurückzukehren, als Grzegorz Krychowiak einen fatalen Bogenlampen-Rückpass spielte. Vielleicht half es Niang sogar, dass er ein grünes Trikot auf grünem Rasen trug, jedenfalls hatte ihn der letzte polnische Verteidiger Jan Bednarek überhaupt nicht auf dem Schirm. Weil Torwart Szczęsny zu spät kam, erzielte Niang im Tarnkappen-Modus den entscheidenden zweiten Treffer. "Ich hatte es im Gefühl, dass ich diesen Ball erreichen kann", sagte Niang später dazu.

Es waren wenige senegalesische Fans im Spartak-Stadion zu Moskau, wo die Polen in zweieinhalb Kurven eine rot-weiße Wand bildeten. Die wenigen, die da waren, tanzten während der ganzen Partie. Europäische und südamerikanische Fans singen beim Fußball - Afrikaner tanzen. Sie bilden dann Gruppen auf der Tribüne und wippen während des Spiels - und wenn sie gewinnen auch nach dem Spiel - mit der Mannschaft. In Senegal zogen nach dem Spiel Schulkinder singend durch die Straßen und im Stadion räumten die Fans nach der Partie auch noch ihren Müll selbst in Plastiksäcke. Überhaupt blieb die Atmosphäre sehr friedlich, der polnische Block applaudierte bei der senegalesischen Hymne.

Senegals Auftritt rettet die afrikanische Bilanz bislang - die drei nordafrikanischen Teams Tunesien, Marokko und Ägypten haben bisher jedes Spiel verloren, Nigeria enttäuschte gegen Kroatien, die erfahrenen WM-Nationen Ghana, Elfenbeinküste oder Kamerun haben sich gar nicht qualifiziert. Senegal lieferte auch unabhängig vom Sieg einen überzeugenden Auftritt. Trainer Cissé ließ sein Team im kompakten 4-4-2 verteidigen, das reichte, um Polens Aufbauspiel vor Probleme zu stellen. Mit dem gleichen System entnervte Island im gleichen Stadion schon Argentinien.

Senegal hielt diszipliniert die Ordnung, die Verteidiger Kalidou Koulibaly (SSC Neapel) und Salif Sané (Hannover, bald Schalke) gewannen gegen Lewandowski jeden entscheidenden Zweikampf. Wenn das Team jetzt noch den besten Spieler der Mannschaft besser einsetzt, den Liverpooler Sadio Mané (der gegen Polen keine auffällige Aktion hatte), ist gegen Japan und Kolumbien vielleicht noch mehr drin. Und wenn schon die robusten Polen Probleme mit der Zweikampfstärke der Senegalesen haben? Nun ja.

"Wir haben das Spiel taktisch kontrolliert", sagte Cissé, der einzige schwarzafrikanische Trainer bei diesem Turnier. "Wir wussten, dass Polen grundsätzlich in zwei Systemen spielen kann, im 3-4-3, wie sie es in der zweiten Halbzeit gemacht haben, und mit einem 4-2-3-1 zu Beginn des Spiels. Wir waren darauf vorbereitet."

Cissé trainiert seit März 2015 das Nationalteam, er hatte eine unauffällige Spielerkarriere in Europa und übernahm die Nationalmannschaft ohne Trainererfahrung. Das scheint kein Nachteil zu sein, die Mannschaft qualifizierte sich ohne Niederlage für die WM. "Wir sind Senegal, aber ich kann garantieren, dass uns ganz Afrika unterstützt. Wir sind sehr stolz, Afrika repräsentieren zu dürfen." Seit 1994 kam bei jeder WM mindestens ein afrikanisches Team ins Achtelfinale - in Russland könnte Senegal an die Leistung beim Turnier 2002 in Japan und Südkorea anknüpfen. Damals erreichte die Mannschaft das Viertelfinale - damals mit Aliou Cissé als Mannschaftskapitän.

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