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DFL-Chef Christian Seifert:Der Mann, der den Fußball retten muss

Christian Seifert

DFL-Chef Christian Seifert

(Foto: dpa)

Christian Seifert ist kein Fußball-Romantiker - das ist jetzt vermutlich nützlich, denn er ist der oberste Krisendoktor der Bundesliga. Sein Leitsatz: "Lasst uns da durchkommen!"

Menschen, die Christian Seifert schon etwas länger kennen, hatten Anlass zu staunen, als der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga seinen gewohnt präzisen Ausführungen eine ungewohnt emotionale Botschaft anfügte. "Und an das Land", sagte er, als ob ihm tatsächlich das Land zuhören würde: "Lasst uns da durchkommen."

Seiferts Genesungswunsch an die Nation auf der Pressekonferenz nach dem Gipfeltreffen des Profifußballs weckte Erinnerungen an die Worte von Innenminister Thomas de Maiziere im Herbst 2015 nach einem wegen Terrorismusgefahr abgesagten Länderspiel. Welche Hinweise der Polizei vorgelegen hätten, wurde der Politiker gefragt, und de Maiziere sagte in seiner akkuraten Art, das werde er nicht verraten, weil "Teile dieser Antwort die Bevölkerung verunsichern würden". Klar, dass viele Leute nun erst recht beunruhigt waren.

Seifert, 50, hat am Montag in Frankfurt gewiss nicht gemeint, er hielte als Spitzenvertreter des systemrelevanten Fußballs eine Ansprache ans ganze Volk, wie es die Bundeskanzlerin am Mittwoch getan hat. So eine Anmaßung braucht ihm niemand zu unterstellen, das wäre eine unverdiente Beleidigung. Aber eben deshalb war der ausnahmsweise missionarisch gefärbte Appell geeignet, das Fußball-Land zu verunsichern. Lasst uns da durchkommen - das war wortwörtlich ernst gemeint.

Christian Seifert ist jetzt, keine Übertreibung, der Mann, der den deutschen Fußball retten muss. Nie war er als Regierungschef so gefragt wie heute, zumal da er seit dem Abtreten von Reinhard Rauball im August keinen Bundespräsidenten mehr an der Seite hat. Seit 2005 steht Seifert dem Ligaverein vor, es ist ihm in all den Jahren nicht langweilig geworden, aber die wiederkehrenden Aufregungen um egozentrische und widerspenstige Vereinsvertreter oder zündelnde und zornige Kurvenfans, die ihm das Leben schwermachten, erscheinen doch vergleichsweise banal im Vergleich zur Herausforderung der schlagartig alles beherrschenden Corona-Krise. Bisher, spottet ein Liga-Angehöriger, sei der DFL-Chef "ein Schönwetter-Kapitän" gewesen, der alle paar Jahre nach dem Abschluss neuer TV-Verträge verkünden durfte, dass es mehr Geld für alle gebe, nun sei er zum ersten Mal als Krisendoktor in einer veritablen Notlage gefragt. Zurzeit fühlen sich die Betroffenen gut betreut. Auf der Vollversammlung der Bundesligen am Montag sorgte Seifert als Vortragender erstens für Einheit in der zuvor konträr durcheinanderredenden Gruppe und zweitens für die nötige Überzeugung, dass Geschmacksfragen in der akuten Misere nicht mehr das Thema sein dürfen. Vorbehalte gegen Spiele ohne Zuschauer kann sich der Profifußball schlicht nicht mehr leisten, das haben jetzt alle begriffen. Es geht um die Existenzsicherung.

Im Büro ist Seifert dieser Tage lediglich sporadisch anzutreffen, die Belegschaft befindet sich ohnehin im Heimdienst, doch der Stillstand des Spielbetriebs gibt keine Gelegenheit zum Abbau von Überstunden. Von früh bis spät redet Seifert mit der Politik, mit den Vereinen und mit den Spitzen jener Medien, die den Profifußball zu einem wesentlichen Teil finanzieren. Seifert kämpft darum, dass es sobald wie irgend möglich wieder losgehen kann. Das gegenwärtige Ideal-Szenario beschwört die Hoffnung, dass Ende April, Anfang Mai der Ball wieder rollen könnte. Vielleicht auch mit dem Argument, dass Fußball als Volkszerstreuung eben doch eine staatstragende Bedeutung haben könnte. Mancher Experte aus der Medizin hält das für illusorisch, aber die Frage ist, welche Experten in einem Monat das Sagen haben werden. "Aktuell hat die Wissenschaft das Primat und nicht die Politik, aber das wird auch wieder anders werden", meint ein Bundesliga-Manager. Für diesen Tag X versucht man sich nun vorzubereiten, und es ist klar, dass dabei zunächst diejenigen den Ton angeben, die um das finanzielle Überleben der Klubs und der Fußballindustrie kämpfen. Der von Seifert angeführte hehre Begriff der "sportlichen Integrität" steht aber spätestens dann auf dem Prüfstand, wenn die Trainer und die Fußballer wieder in Aktion treten sollen. Was für ein Fußball wird das sein, der dann in leeren Stadien aufgeführt wird? Wie wird es um die sportliche Chancengleichheit bestellt sein? Wie steht es um die Leistungsfähigkeit der Spieler, um ihre Moral?

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