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Segeln:Selbst die Braut hilft aus

Tina Lutz

Die Pandemie zerrte alles in die Länge: Fast ein Dreivierteljahr mussten Tina Lutz (li.) und Susann Beucke warten. Dann siegten sie bei der Kieler Woche.

(Foto: Lh Kiel / Mona Taube)

Ihr Traum von Olympia befeuerte 2011 eine Moraldebatte im Segeln und beschäftigte ein Gericht. Nun geht der Plan von Tina Lutz und Susann Beucke auf - auch weil sie einen riskanten Kurs wählten.

Von Thomas Gröbner

Wenn sich der Weg zum Ziel zu lange zieht, dann spürt man am Ende gar keine Genugtuung, keine Freude, sondern bloß Erleichterung. "13 Jahre haben wir darauf hingearbeitet", sagt Tina Lutz, "endlich ist es vorbei." Mit dem Triumph bei der Kieler Woche und der Qualifikation für die Olympischen Spiele hat sich endlich ein Kreis geschlossen, der mit einem Duell begann, das die deutsche Segelgemeinschaft aufwühlte. Die 29-Jährige vom Chiemsee will jetzt eigentlich nicht mehr die alte Geschichte aufwärmen vom Zwist mit dem Verband, über die Debatte, was Recht und Gerechtigkeit ist. Alles lange her, 2011 war das. Aber es hilft zu verstehen, wie hart und lang dieser Weg war bis nach Japan.

Das arrivierte deutsche Duo Kadelbach/Belcher segelte 2011 bei der 470er-WM gegen die Talente Tina Lutz und Susann Beucke um das Ticket nach London. Mit harten Bandagen blockierten sie ihre Teamkollegen, so lange, bis beide weit zurückfielen - und Kadelbach/Belcher damit ihren Vorsprung verteidigten. Nach hinten segeln, ist das okay? Ist das fair? Das war die Frage. Kurios: Den deutschen Startplatz hatten Lutz und Beucke herausgesegelt, nach London durften die anderen. Die Unterlegenen strengten eine Unterlassungsklage an gegen den Verband, forderten ein Stechen, umsonst. "Der Sport war durch diesen Fall belastet", sagte der damalige Segler-Präsident Rolf-Otto Bähr, er wünschte sich Geduld: "Tina ist unser Mädchen für 2016."

Es dauerte bis das Gefühl für die Wellen zurück war: 2017 wurden sie vor Kiel Europameister

Aber so kam es nicht. Vor der Qualifikation für Rio ließ der Bundestrainer seine Seglerinnen eine Erklärung unterzeichnen, fair den Startplatz in der neuen 49er-FX-Klasse auszusegeln. Damit die Trainingsgruppe nicht auseinanderfällt, wenn es hart zugeht auf dem Wasser, das war die Hoffnung. Damit sich die alte Geschichte nicht wiederholt. Doch Lutz und Beucke hatten diesmal nichts mitzureden bei der Entscheidung, der Umstieg in das neue Boot bereitete Probleme, und so verpassten sie das Ticket für Rio. Es dauerte, bis das Gespür für die Wellen und das Boot zurückkam, 2017 war es so weit: Sie wurden vor Kiel Europameister und waren bereit für einen neuen Anlauf. Einen Fairness-Schwur brauchte diesmal niemand, mit den Rivalinnen Victoria Jurczok und Anika Lorenz sind sie "gut befreundet", auch wenn sie den Berlinerinnen aus dem Weg gehen, "wenn es um die Wurst geht". Aber: Ein Trainer, zwei Teams, ein Ticket nach Japan, kann das gut gehen?

Lutz und Beucke sagten: Nein. Sie verließen die Trainingsgemeinschaft des deutschen Verbands, weil sie das Gefühl hatten, sich nicht weiterzuentwickeln. Und weil sie nicht weiterhin mit den härtesten Konkurrenten zusammen trainieren wollten: "Man möchte sich ja nicht in die Karten schauen lassen." Insbesondere, wenn man die ganze Hand voll hat mit Trümpfen.

Diesmal musste es klappen mit Olympia, "koste es, was es wolle", das war ihre Haltung, sagt Lutz. Sie trainierten auf eigene Faust, engagierten Ian Barker als Trainer, den britischen Silbermedaillengewinner von Sydney 2000 und ehemaligen Coach der irischen Nationalmannschaft. Auf die Ausscheidung in Kiel bereiteten sie sich in Aarhus und Kopenhagen auf rauer See vor, mit Teams aus Norwegen, Dänemark und Polen. Nichts sollten dem Zufall überlassen werden.

Dafür mussten sie viel Geld aufbringen und "alles selber durchfinanzieren", immerhin die Reisekosten konnten sie über den Verband abrechnen. Doch am Ende mussten auch die Eltern einspringen, "sonst wären wir pleite gewesen, mit knapp 30", sagt Lutz. Geschadet hat das ihrer "Ehe" nicht, wie Lutz ihre Segelpartnerschaft mit der Kielerin Beucke nennt. Bayerisches Meer und Ostsee, das scheint gut zu passen. Nur kurz saß Lutz mit einer anderen im Boot: Als sich ihre Vorschoterin kurz vor der WM das Bein brach am Silvesternachmittag, bei einem Trainingsunfall. Die fast kitschige Wendung: Für sie sprang Lotta Wiemers ein, Beucke war ihre Trauzeugin. Mit Rang neun baute das neue Duo den Vorsprung weiter aus.

Doch die Pandemie zerrte die Qualifikation in die Länge, fast ein Dreivierteljahr dauerte es, bis die Entscheidung fallen konnte. Monate war keine hochrangige Wettfahrt in Sicht, erst die Kieler Woche konnte ein wuchtiges Feld aufbieten, fast die gesamte Weltelite war vertreten. Und Lutz und Beucke konnten zeigen, dass sie nicht nur dazugehören, sonder es anführen. Sie schlugen zwei Weltmeister-Crews und gewannen Mitte September ihren dritten Kieler-Woche-Titel nach 2013 und 2016, ihr Ticket nach Japan ist damit praktisch gelöst. Dass die schnellsten Segler zu Olympia fahren, dass es fair zugeht auf dem Wasser, dieses Vertrauen war bei Lutz damals erschüttert worden. Diesmal gab es daran keine Zweifel. Bleiben nur die Sorgen, ob die verschobenen Olympischen Spiele auch wirklich stattfinden. Tina Lutz sagt: "Wenn man sich so lange den Arsch aufgerissen hat, dann muss man Optimist sein."

© SZ vom 23.09.2020

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