Segeln:Im Kopf tickte die Zeitbombe

Sailing - Olympics: Day 9

Rund drei Jahre vor Olympia in Tokio nehmen sich Paul Kohlhoff (links) und seine Segel-Partnerin Alica Stuhlemmer "etwas Großes" vor. Dann segeln sie in der Sagami-Bucht zur Bronzemedaille.

(Foto: Phil Walter/Getty)

Paul Kohlhoff galt als eine der größten deutschen Segelhoffnungen - bis eine Diagnose sein Leben umkrempelte: Hirnblutung. Vier Jahre später gewinnt er Bronze bei Olympia. Über den Neustart eines Lebens.

Von Thomas Gröbner

Der Tag, an dem das alte Leben von Paul Kohlhoff endete, ist ein Tag im Dezember vor Heiligabend 2017. Die Wellen brechen günstig vor Mallorca zu dieser Zeit, ideale Bedingungen für Segler, unzählige Meilen spult Kohlhoff dort ab mit seinem Katamaran. Die Olympischen Spiele von Rio liegen gerade hinter ihm, Tokio und das schimmernde Metall der Bronzemedaille noch vor ihm. Aber damals ist plötzlich alles anders, düster. Seltsame Kopfschmerzen martern ihn.

Die Diagnose: Hirnblutung. Auf einmal ist dieses "Ding" in seinem Kopf, wie Kohlhoff es heute nennt. Der medizinische Begriff: ein Kavernom, ein Blutschwamm, der im Hirnstamm sitzt. "Es war einfach nur Pech", sagt Kohlhoff. Pech, dass das Ding damals da ist, und noch viel größeres Pech, dass es zu bluten anfängt. Die Blutung drückt auf die Nerven, sie verursacht Symptome wie bei einem Hirntumor oder einem Schlaganfall: Schwindel, Lähmung, Sehprobleme. Es geht jetzt nicht um Olympiamedaillen oder Segelmeilen, es geht um Kohlhoffs Leben.

Eine Hirnblutung ist eine seltene Sache, gerade bei einem 22-jährigen, fitten Athleten. Er stellt sich in diesem Moment die Frage, die einem natürlich sofort in den Kopf schießt: "Warum ich? Womit hab' ich das verdient?" Die deutschen Ärzte halten einen Eingriff für zu gefährlich, das Kavernom für nicht operabel. Aber sie geben ihm diese Hoffnung: dass der Körper selbst damit fertig wird in den folgenden Wochen und Monaten. Doch sollte die Blutung noch einmal aufbrechen, dann bliebe nur die riskante Operation. Es ist, als ticke eine kleine Zeitbombe in Kohlhoffs Kopf.

Kohlhoff hat Glück, es findet sich noch ein Arzt, der den Eingriff vornehmen will

Segler sind es gewohnt, den Wind zu studieren, die Wellen zu verstehen, sie versuchen, aus jedem Quadratzentimeter Segel ein bisschen mehr Geschwindigkeit zu quetschen. Dass der eigene Körper die Schwachstelle im komplexen System sein könnte? Daran verschwendet Kohlhoff keinen Gedanken. Unzerstörbar habe er sich gefühlt, sagt er, "Gesundheitsarroganz" nennt er es heute: "So etwas wird mir nicht noch mal passieren."

Kohlhoff gilt damals als eine der größten Segelhoffnungen in Deutschland. Der Steuermann wird 2015 bei den Junioren Europameister und Weltmeister; noch im selben Jahr dringt er auf Anhieb in die Weltspitze vor, bei der WM wird er Fünfter. 2017 sammelt er mit seinen Brüdern Max und Johann Geld mit einer Crowdfunding-Aktion ein, um beim America's Youth Cup vor dem Korallenarchipel Bermudas zu starten, sozusagen als Vorband der Rockstars des Segelsports, die sich danach auf ihren 100-Millionen-Yachten Duelle liefern. Der Bremer, der für den Kieler Yacht Club startet, will so eine Abkürzung nehmen auf dem Weg zum Segelprofi, und irgendwann vielleicht selber Rockstar sein.

Doch dann kommt jener Tag im Dezember.

Über seine Krankheit zu sprechen, damit hat Kohlhoff "überhaupt kein Problem", sagt er am Telefon. Er weiß, dass er Glück gehabt hat. Ein Chirurg kehrt damals gerade zurück nach Mallorca von einer Tagung, er hat sich mit solchen schwierigen Fällen befasst und traut sich den komplizierten Eingriff bei Kohlhoff zu. Mehrere Stunden dauert die Operation. Es geht alles gut.

Bei jedem Kopfschmerz fragt er sich bis heute, "ob es wieder irgendwie so was ist"

Das Sehen fällt ihm weiterhin schwer, sein Sichtfeld ist eingeschränkt, weil Nerven in Mitleidenschaft gezogen wurden. Trotzdem beschließt Kohlhoff, das Segeln nicht aufzugeben. "Ich bin davon ausgegangen, wenn ich nur weitermache, dann komme ich irgendwann dort an, wo ich hin will." Seine Segel-Partnerin Alica Stuhlemmer und er versprechen sich: "Wir wollen etwas Großes gewinnen." Eine Medaille in Tokio.

Schon nach einem halben Jahr kehrt er wieder zurück in den Wettkampf, segelt die WM und EM, aber er ist weit davon entfernt, konkurrenzfähig zu sein. Es dauert ein Jahr, bis er wirklich wieder zu Kräften kommt und seinen Katamaran beherrscht.

Denn während Kohlhoff im Krankenhaus liegt, lernte der Katamaran sozusagen das Fliegen. Die Nacra-17-Klasse ist eine Feder auf zwei Rümpfen: leicht, schnell, eine fragile Hochgeschwindigkeitsmaschine, das schnellste Boot im olympischen Zirkus. Für Tokio gibt es ein Upgrade, nun heben Schwerter den Katamaran aus dem Wasser und machen das Boot noch schneller - und schwerer zu beherrschen.

Die Neuerung macht die Rückkehr nicht leichter. Denn im Segeln geht es darum, die Dinge im Griff zu haben, die beherrschbar sind. Das Boot, das Segel, den eigenen Körper. Nur so kann man sich vorbereiten auf das Unbeherrschbare, das einem entgegenschlägt auf dem Meer. Und deshalb war es ein Schock, krank zu werden, "außerhalb der eigenen Kontrolle und der eigenen Verantwortung", erinnert sich Kohlhoff. Er verliert das Vertrauen in seinen Körper, die Zuversicht, dass es schon immer wieder gut wird, irgendwie. Bei jedem Kopfschmerz fragt er sich bis heute, "ob es wieder irgendwie so was ist".

Sailing - Mixed Nacra 17 - Medal Ceremony

"So langsam wird es realer, Tag für Tag": Paul Kohlhoff (links) und Alica Stuhlemmer bekommen in Tokio Bronze um den Hals gehängt.

(Foto: Carlos Barria/Reuters)

In der Sagami-Bucht vor Enoshima, bei den Spielen zuletzt in Tokio, erscheint die Medaille für einen Moment wieder so unwahrscheinlich, wie sie dreieinhalb Jahr zuvor wirkte: Das Duo Kohlhoff/Stuhlemmer kentert in einem Lauf, im entscheidenden Rennen müssen sie einen Strafkringel drehen nach einem Regelverstoß, das Feld ist weit enteilt. Doch sie holen auf, mit einem Mix aus Glück und Geschwindigkeit - es reicht noch zu Bronze. Noch scheint das bei Kohlhoff nicht eingesunken zu sein, vielleicht war der Weg bis dorthin zu lang. Er sagt: "Irgendwann demnächst werden wir es glauben können."

Die Krankheit, sagt Kohlhoff heute, "war ein Neustart für mein Segeln, wahrscheinlich sogar für mein Leben." Heute weiß er andere Dinge zu schätzen. Kleinigkeiten, "die schnell selbstverständlich werden, wenn man sein Leben nur einer Sache hinterherrennt." Bronze? "Das ist noch nicht das Größte." Der Sport? Eine nette Nebensache. Zwar sind neue Ziel schon formuliert - die Spiele in Paris 2024, auch den America's Cup traut er sich nun zu - aber Paul Kohloff weiß mittlerweile: "Mein Leben hängt nicht davon ab, ob wir so gut segeln, wie wir es uns gerne wünschen."

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