Segeln:Codename Bigmac

Sailing - Men's 49er - Medal Race

Salto nach der Nachricht von der Bronzemedaille: Erik Heil und Thomas Plößel überschlagen sich in der Sagami-Bucht.

(Foto: Carlos Barria/Reuters)

Die deutschen 49er-Segler Erik Heil und Thomas Plößel gewinnen wie schon in Rio Bronze. Ihr lange geplanter Angriff auf die neuseeländischen Übersegler wird in einer verrückten Wettfahrt belohnt.

Von Thomas Gröbner

Am Ende mussten sie von einem Fotografen aufgeklärt werden. Steuermann Erik Heil und Vorschoter Thomas Plößel hatten nach der finalen Regatta eigentlich damit gerechnet, mit leeren Händen zurückzukehren an Land. Zu groß war der Rückstand auf ihre Sparringspartner und Freunde aus Spanien, Diego Botin und Iago Lopez Marra. "Wir waren sicher, dass es nicht gereicht hat."

Aber dann kam der Mann mit dem Objektiv, und sie fragten sich, warum er sie, die Geschlagenen, knipste und nicht die Medaillengewinner? Erst da wurde ihnen klar, dass sie sich verrechnet hatten. "Wir dachten, wir brauchen fünf Boote zwischen uns und den Spaniern. Wir haben aber nur vier gezählt." Die reichten aber.

Olympia ist oft süß und bitter zugleich - auch für Segler

Olympia, das lehrte auch diese Wettfahrt, ist oft süß und bitter zugleich, weil sich nicht alle Hoffnungen erfüllen können und viele Träume zerschellen in der Sagami-Bucht. Denn mit ihrer Aufholjagd verdrängten die Deutschen ihre Amigos vom Podium und stupsten auch den neuseeländischen Übersegler Peter Burling vom Thron.

Die Deutschen hatte sich vorher mit den Spaniern zusammengetan, um "Pistol Pete" endlich zu bezwingen, den scheinbar unschlagbaren Neuseeländer. Eine seltene Symbiose im Spitzensport, aber sie sollte sich auszahlen - zumindest für die Deutschen. Die Rechnung ging so: "Wenn du einzeln kämpfst, kriegst du vielleicht eine Medaille, aber ihn schlagen - das klappt so nicht", sagt Plößel. Sie wollten Burling und seinen Partner Blair Tuke zusammen jagen, gemeinsam bereiteten sie sich vor. "Vielleicht macht einer damit einen Platz gut - dann hat es sich schon gelohnt", glaubte Heil. Sie wussten aber auch, dass irgendwann die offenen Karten wieder verdeckt werden: "Bei Olympia ist man wieder Gegner."

"Pistol Pete" Burling wollte beweisen, dass er auch in einer Nussschale das Meer beherrscht

Zunächst sah es nicht aus, als wären die Unschlagbaren zu schlagen. Bis zur finalen Wettfahrt führten die Neuseeländer vor dem britischen Duo Dylan Fletcher-Scott/Stuart Bithell - und vor den Spaniern. Der neuseeländische Pistolero hatte zuletzt triumphiert beim America's Cup, einer vom Ego einiger Milliardäre angefeuerten Materialschlacht, in der eigens für ein Rennen entworfene millionenschwere Superyachten gegeneinander antreten. Und nun wollte Burling wieder beweisen, dass er auch in einer Nussschale das Meer beherrscht.

Die Olympischen Spiele sind der Gegenentwurf zum Gigantismus des America's Cup. Fast nackt sind die Boote, es ist ein auf die Ur-Idee des Segelns reduzierter Wettkampf: Wer versteht den Wind, wer schneidet schneller durch die Wellen, wer liest das Wasser besser? Alle sitzen auf den gleichen Jollen, die niemals völlig zu beherrschen sind und eigentlich nicht für die Wellen des Meeres gemacht sind, durch die sie dann gepeitscht werden. Tüftler wie Heil und Maschinenbau-Absolvent Plößel können aber trotzdem noch etwas herausholen, sie haben die Boote und Teile nach Fertigungstoleranzen abgeklopft, die ihnen noch einen kleinsten Vorteil versprechen könnten.

Seit 20 Jahren segeln der Berliner Heil, 31, und der Kieler Plößel, 33, in einem Boot, sie sind im Trapez zusammen aufgewachsen. Sie kennen sich, meist genügt ein Blick. Für Tokio haben sie trotzdem nochmal ein Codebuch rausgekramt mit Begriffen, die Chiffren enthalten für schnelle Kommandos und waghalsige Manöver.

Ein Wort genügt, um das Boot vor die Gegner zu bringen, um ihnen den Wind zu nehmen; "Bigmac" heißt diese taktische Gemeinheit. Tatsächlich hielten sie im entscheidenden Medal Race mit ihrem taktischen Reservoir die Neuseeländer in Schach, mit einer Meisterleistung holten sie Rang zwei hinter den Briten - was den sechsmaligen Weltmeister Burling die Goldmedaille kostete.

Und die Spanier? Die hatten sich aufgerieben im Zweikampf mit den Kiwis, sie schleppten sich auf einem schlechten Kurs nur auf Rang sieben ins Ziel - nun punktgleich mit Heil/Plößel. Weil die finale Regatta doppelt gewichtet wird, reichte das den Deutschen zu Bronze - das sie mit einem Rückwärtssalto ins Wasser feierten.

Wenigstens mussten sie sich dabei keine Sorgen um ihr Immunsystem machen, im Brackwasser von Rio hatte sich Heil 2016 ja erst eine bakterielle Entzündung geholt - und dann Bronze, die einzige Medaille für die deutschen Segler. Das Edelmetall, das sie aus der Sagami-Bucht fischten, freut Heil nun "zehnmal mehr" als die Medaille in Rio, "weil das hier viel härter erkämpft war". Die erfreulichen Nachrichten aus Enoshima für das deutsche Segeln rissen aber nicht ab. Tina Lutz und Susann Beucke hatten sich kurz zuvor im 49erFX Silber geholt, Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer holten den dritten Platz im Nacra17. Es war "ein Gigantentag für den deutschen Segelsport", sagte Heil.

© SZ/lib/sjo
Zur SZ-Startseite
210803 Karsten Warholm of Norway celebrates after running on a new world record in men s 400 meter hurdle final during

SZ PlusWeltrekord von Hürdensprinter Warholm
:Leichtathletik wird zum Materialsport

Der Norweger Karsten Warholm rast über 400 Meter Hürden mit einer unwirklichen Zeit zum Olympiasieg. Das erzählt nicht nur einiges über die branchenüblichen Zweifel - sondern auch über die Veränderung eines Sports.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB