Segeln:Im Kielwasser des Märchenkönigs

Segel Bundesliga

Segelt der eigenen Vergangenheit hinterher: Die Crew des Deutschen Touring Yacht-Clubs.

(Foto: Lars Wehrmann/DSBL)

Die bayerischen Segelklubs geraten in der Bundesliga ins Schlingern, selbst der frühere Champions-League-Sieger aus Tutzing steht vor dem Abstieg.

Von Thomas Gröbner

Man könnte auf die Idee kommen, dass die Welt gerade ein wenig zurück ins Lot rückt, zumindest wenn man die Verhältnisse in der Segel-Bundesliga aus der Flensburger Förde betrachtet oder vom Hamburger Hafen aus. Denn die Bayern, die sich auch ganz ohne Meerzugang als Segelrevier erste Güte verstehen und den Norden lange herausfordern konnten, erlitten in den ersten Regatten dieser Saison regelrecht Schiffbruch. Die bayerischen Segelzentren geraten ins Schlingern, und die Liga sieht zu.

Es scheint, als hingen dunkle Wolken über den mythenhaften Gewässern im Freistaat. Der Starnberger See war ja einst Heimat des bayerischen Sonnenkönigs Ludwig II., zusammen mit seiner Cousine Sissi aus Possenhofen ruderte der schwermütige Monarch damals den Regierungsgeschäften davon. Heute drängen sich gleich drei traditionsreiche Segelvereine am Ufer des Sees. Auch am Chiemsee, wo Ludwig auf Herrenchiemsee die Staatskasse mit seinem Prunkbau ruinierte, wird Bundesliga gesegelt. Doch die Vereine aus Tutzing, Possenhofen und Prien am Chiemsee müssen gerade erleben, wie märchenhafte Zeiten zu Ende gehen. Ihnen droht ein harter Aufprall in der Realität. Und die heißt: Abstieg aus der Segel-Bundesliga.

Das düstere Bild, das die Tabelle zeichnet: An der Spitze dominieren die Teams aus Kiel, Flensburg, Bremen und Hamburg. Am Ende liegt der Chiemsee Yacht Club (CYC), der Deutsche Touring Yacht-Club (DTYC) ist Vorletzter, der Münchner Yacht-Club (MYC) ist auf Platz zwölf ebenfalls noch abstiegsgefährdet. Einzig der Bayerische Yacht-Club (BYC) hält sich auf Platz fünf äußerst manierlich nach vier von sechs Spieltagen.

Die Übergabe an die neue Generation ging gehörig schief

Sucht man nach Gründen für die Misere beim DTYC, dem erfolgreichsten bayerischen Verein der vergangenen Jahre, landet man bei Julian Stückl. Als Notfallhelfer springt der 28-Jährige ein, er übernimmt als Teammanager und Steuermann das Ruder beim hochdekorierten Tutzinger Verein. Deutscher Meister in der Bundesliga 2015 und 2016 war er, im gleichen Jahr triumphierte er auch in der Champions League; die Vitrine ist voll mit glänzendem Silberzeug. Platz wäre noch, sagt Julian Stückl, aber viel wird nicht dazukommen in nächster Zeit. Die Übergabe an eine neue Generation? "Die haben wir verpasst", sagt Stückl. Die jugendliche Crew war überfordert, und so dreht der DTYC nochmal an der Uhr und versucht, mit einem Team aus den Meisterjahren das Schlimmste zu verhindern.

Denn im Segelsport ist die Unbekümmertheit der frühen Jahre kein Vorteil. Windmuster lesen, die Feinheiten der Kurse entschlüsseln und ein paar Meter aus dem Boot quetschen, um sich vor der Konkurrenz das Wegerecht zu sichern - diese Fähigkeiten kommen nur mit den Jahren. Doch die Erneuerung ist eine Notwendigkeit, die sich aus den Lebensentwürfen vieler Segler ableitet. Die 60 Segeltage, die für eine konkurrenzfähige Crew nötig sind, bringen beim DTYC meist nur Studenten auf, nur ein paar gute Jahre hat eine Crew zusammen, dann wird sie zwischen Berufseinstieg und Familiengründung aufgerieben. Und so sind die Zeiten der Sorglosigkeit kurz.

Letzter? "Wir treiben wir das Feld vor uns her"

Die späte Einsicht in Tutzing lautet nun: Vielleicht hätte man damals auf dem Zenit schon den eigenen Abgang vorbereiten müssen. Und so versucht Stückl jetzt mit Patrick Follmann, Tobi Bolduan und Ann-Christin Goliaß zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist.

Mit Platz acht in Berlin hat der DTYC zuletzt immerhin wieder ein Lebenszeichen gesendet - und damit den Kollegen vom Chiemsee den letzten Platz zugeschanzt. Dort sieht man die Dinge gelassener als in Tutzing. "Wir treiben das Feld vor uns her", das ist die gewagte Deutung von Teammanager Markus Ostermair.

Einen Kader von 20 Seglern hat er nominiert, obwohl es klar war, dass die Formel für die Crew auf dem Wasser eigentlich lautet: "Je kleiner, desto besser." Trotzdem wollen sie am Chiemsee möglichst vielen die Gelegenheit bieten, in der Bundesliga zu segeln, es soll halt keine "elitäre Veranstaltung" sein, sagt Ostermair. Und so könnte es durchaus sein, dass das Thema Segel-Bundesliga erstmal für alle in Prien vorbei ist. Panik macht sich am Steg trotzdem nicht breit, notfalls soll in der zweiten Liga schnell wieder der Aufstieg in die erste Liga angepeilt werden.

Leichtsinnig hatten sie am Chiemsee den Absturz aber nicht einkalkuliert. Doch der Plan, sich mit guten Ergebnissen des Top-Teams um Steuermann Leopold Fricke früh in ruhige Gewässer zu bringen, ging nicht auf. Platz 18 am Bodensee war eine mächtige Enttäuschung, die noch immer nicht abgestreift ist, glaubt Ostermair: "Es liegt am Kopf". Er schickt Fricke nun auch am Wochenende nach Warnemünde, sie sollen selbst das Ruder rumreißen. Eine Top-Platzierung muss her, um vor dem letzten Spieltag nicht chancenlos zu sein. Bald wird es Klarheit geben, ob sich Ostermair und der CYC überhaupt noch Hoffnung machen können auf den Ligaverbleib: "Am Sonntagabend werden wir sehen, ob das rechnerisch noch möglich ist. Oder zumindest noch realistisch."

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