Segeln:"Ich sinke. Das ist kein Witz"

Lesezeit: 3 min

Bei der Vendée Globe zerbricht das Boot des Franzosen Kevin Escoffier. In einer hochdramatischen Aktion wird der Skipper von einem Rivalen gerettet, der einst ein ähnliches Schicksal erlitt.

Von Thomas Gröbner

Kevin Escoffier, a bord de l Imoca PRB, lors du Depart du Vendee Globe 2020 - Les Sables d Olonne le 08/11/2020 VOILE :; Escoffier

Seenot im Südpolarmeer: Die Yacht von Skipper Kevin Escoffier ist schwer von hohen Wellen getroffen worden

(Foto: Alexis Courcoux/PanoramiC/Imago)

Fast zwölf Stunden lang harrte Kevin Escoffier auf einer kleinen Rettungsinsel im zehn Grad kalten Meer aus. Hin und her geworfen von den Wellen, wartete er auf Rettung - mit einem Licht und der Hoffnung eines Versprechens.

Bis Montagnachmittag schnitt der 41-jährige französische Segler mit seiner hochgerüsteten Yacht durch das aufgewühlte Meer, er lag auf Platz drei bei der Wettfahrt um die Welt, der Vendée Globe. Doch um 14:46 Uhr setzte er 840 Seemeilen südwestlich vom Kap der Guten Hoffnung einen Notruf ab. Die Region zwischen dem vierzigsten und fünfzigsten Breitengrad ist gefürchtet für ihre tobenden Winde: Die "Roaring Forties" brausen, ungebremst von einer Landmasse, über das Wasser und türmen die Wellen auf. Eine dieser Wellen scheint Escoffier zum Verhängnis geworden zu sein.

Seine Yacht sei in eine Welle eingetaucht, berichtete er später per Video. "Es hat das Schiff zusammengefaltet", stammelte er: "Ich hab schon viel gesehen, aber das ..." Escoffier konnte gerade noch eine Nachricht absetzen: "Ich brauche Hilfe. Ich sinke. Das ist kein Witz." Die nächste Welle legte die Elektronik an Bord lahm.

Segeln: Der Schiffbrüchige: Kevin Escoffier.

Der Schiffbrüchige: Kevin Escoffier.

(Foto: Loic Venance/AFP)

Der Notruf erreichte Jean Le Cam. In der Weite des Südpolarmeers war er der Unglücksstelle am nächsten, und Escoffier hätte sich wohl keinen besseren Retter wünschen können als den "König", wie sie den 61-jährigen Le Cam in Frankreich nennen: Ein Mann mit Schraubstockhänden und Teddybären an Bord, der in den Momenten der Gefahr kühler reagiert als das Eismeer. Einer, der bei der Regatta Vendée Globe selbst schon einmal Stunden um sein Leben hatte bangen müssen.

Tatsächlich erreichte Le Cam gegen 17 Uhr mit seinem Boot Yes we Cam die letzte bekannte Position von Escoffier. Doch fünf Meter hohe Wellen und starker Wind machten die Bergung zunächst unmöglich. Kurz konnten die Seefahrer miteinander sprechen, dann aber musste Le Cam abdrehen: "Ich habe ihm gesagt, ich komme zurück", erzählte Le Cam später, ebenfalls per Video. Doch in der rauen See verlor er Escoffier wieder aus den Augen. Und es wurde noch komplizierter: In der hereinbrechenden Dunkelheit schien die Rettung fast aussichtslos zu werden.

Auch Boris Herrmann eilte zur Hilfe, der Hamburger Segler traf mit der Seaexplorer um 23 Uhr ein. Gemeinsam mit den französischen Skippern Yannick Bestaven und Sébastien Simon unterstützten sie Le Cam bei der Suche. "Es war wie ein Nadel im Heuhaufen", berichtete Boris Herrmann.

Als sich Le Cam schon darauf einstellte, das Morgengrauen abzuwarten, entdeckte er ein Licht, das von den Wellen reflektiert wurde. Es war Kevin Escoffier. "Aus Verzweiflung wird ein unrealer Moment", berichtete Le Cam später. Die Rettung schilderte er knapp: "Ich habe ihm einen Rettungsring zugeworfen. Er hat ihn gefangen. Das war's." Um 2:06 Uhr kletterte Escoffier unverletzt an Bord. "Wie ein Wunder", befand Renndirektor Jacques Caraës.

LE CAM Jean (fra), Corum l epargne, portrait during the start of 14th edition of the Transat Jacques Vabre duo sailing r; Jean Le Cam

Der Retter: Jean Le Cam.

(Foto: Olivier Blanchet/PanoramiC/Imago)

Über den Unfallhergang äußerte sich Escoffier gemeinsamen mit Le Cam auf hoher See vor der Videokamera: Sein Boot PRB habe sich in eine Welle gebohrt und sei in der Mitte durchgebrochen, erzählte der Franzose noch immer aufgewühlt, manchmal schien er den Tränen nahe zu sein, dann wiederum brach er in wildes Lachen aus. "Es tut mir leid für Jean", sagte Escoffier und entschuldigte sich bei seinem Retter: "Er hatte ein unglaubliches Rennen. Ich habe es ihm versaut." Le Cam beruhigte ihn: "Es macht nichts. Zen, Zen."

Die Vendée Globe gilt als die härteste Solo-Regatta der Welt. Zwei Seefahrer haben sie schon mit dem Leben bezahlt. Aber neben den Tragödien gibt es auch Geschichten von Kameradschaft und Freundschaft; und in dieser Episode von Montagnacht scheint sich ein Kreis zu schließen. Denn schon einmal standen die PRB und Le Cam im Mittelpunkt einer Seenotrettung - allerdings mit umgekehrten Rollen.

Im Jahr 2009 hatte der damalige Skipper der PRB, Vincent Riou, mit dem Schiff vor der gefürchteten Passage von Kap Hoorn umgedreht, um seinem Verfolger zu Hilfe zu kommen: Jean Le Cam. Der "König" war gekentert, hatte sich aber in einer Luftblase unter seinem Schiff retten können. 16 Stunden später zog ihn sein Konkurrent aus dem Wasser. Bei der Rettungsaktion wurde auch die PRB beschädigt. Die beiden retteten sich in den Beagle-Kanal, wo die chilenische Marine sie abschleppte.

Vincent Riou wurde danach ehrenhalber auf Platz drei im Klassement gesetzt. Die beiden Segler verbindet bis heute eine tiefe Freundschaft. Nun konnte Le Cam etwas zurückgeben und sich dem Skipper der PRB erkenntlich zeigen. Auch wenn das Boot natürlich nicht mehr das selbe ist. Die heutige PRB ist längst ein hochmoderner Foiler, während Le Cam in seinem Boot ohne Tragflügeln unterwegs ist.

Wie es nun mit Escoffier weitergeht, ist offen. Le Cam dürfte nicht genug Nahrung für beide an Bord haben. Die in die Rettungsaktion involvierten Boote dürfen ihre Rennen fortsetzten - wohl mit einem Zeit-Bonus. Und mit dem Wissen, dass es etwas Größeres gibt, als eine Hochseeregatta zu gewinnen.

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