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Segeln:"Das frisst mich auf"

Philipp Buhl

Kampf mit dem Element Wasser: Philipp Buhl, Profisegler.

(Foto: Hirai/oh)

Bei der Weltmeisterschaft in Japan hält sich Philipp Buhl aus Sonthofen schon für den Gewinner der Bronzemedaille - als er wegen eines Frühstarts disqualifiziert wird.

Von Ralf Tögel

Philipp Buhl hat eine Drei-Punkte-Strategie, mit der er große Enttäuschungen verarbeitet: "Erst bin ich enttäuscht und traurig, bis ich darauf keinen Bock mehr habe, dann ist die Sache abgehakt", erzählt der 29-Jährige. Dann folgt eine sachliche und genaue Analyse des Geschehenen, "aber nicht nur eines Tages sondern von dem gesamten Wettkampf". Nachdem die Leistung beurteilt ist, "überlege ich, wie ich das Thema in den Griff bekommen kann". Schlussendlich soll so jeder Misserfolg eine nachhaltige Verbesserung nach sich ziehen. Als Buhl das erzählt, wartet er gerade auf die Bootsrückgabe im Hafen von Sakaiminato in Japan. "Wir haben alle das selbe Material bekommen", erzählt der Sonthofener, so sollte Chancengleichheit bei der Weltmeisterschaft in der Bootsklasse Laser gewährleistet sein.

Zuvor hatte der Allgäuer noch eine Angelegenheit geklärt, die er so sicher nicht eingeplant hatte. Buhl prüfte zusammen mit seinem deutschen Teamkollegen Nik Aron Willim aus Kiel, ob er Protest gegen die Wertung einlegen sollte. Tat er im Gegensatz zu Willim nicht, somit hat Buhls neunter Gesamtplatz Bestand, auch Willim wird wohl 28. bleiben, der Protest hat kaum Aussicht auf Erfolg. Den Titel gewann der australische Olympiasieger Tom Burton vor seinem Landsmann Matthew Wearn und dem Neuseeländer George Gautrey.

Doch was war geschehen, dass ein bekannt fairer Sportsmann wie Philipp Buhl das Ergebnis anzweifelt?

Der vorletzte Run war am Dienstag gerade vorbei - dachte Buhl. Er war ja als Erster über die Ziellinie gesegelt, vor seinem Teamkollegen, "das war das beste Ergebnis, das wir je erzielt haben", so Buhl. Doch die Freude währte nicht lange, denn mitten ihn den Jubel wurde den beiden Seglern von der Wettkampfleitung eröffnet, dass sie wegen eines Frühstarts disqualifiziert wurden. Besonders ärgerlich war das für Buhl, er stürzte vom Bronze-Platz auf den neunten Rang. "Ich habe sämtliche Videoaufzeichnungen des Starts rauf und runter angesehen", erzählt Buhl, schließlich kam er zu folgender Einschätzung: "Bei mir war es schweineknapp, bei Nik ultraknapp." Beide waren ganz rechts über die Startlinie gegangen, beide einen Tick zu früh, beides schwer zu sehen: "In einer Sekunde macht man etwa zwei Meter", erklärt Buhl. Er war höchstens eine halbe Sekunde zu früh gestartet, die Disqualifikation sei wegen dieses halben Meters aber "zu akzeptieren". Bei Willim "waren es vielleicht 20 Zentimeter, das ist noch ärgerlicher". Nun ist der neunte Rang in der großen Flotte von 156 Booten aus 57 Ländern beileibe keine schlechte Platzierung, doch die Ansprüche des besten deutschen Laserseglers sind andere: "Eigentlich war ich hier, um eine Medaille zu gewinnen."

Die vielen einseitigen Belastungen könnten schon einmal ein Gelenk ruinieren

Dazu muss man wissen, dass Buhl einen so schlechten Saisonstart hatte wie lange nicht. Was er unter anderem mit anhaltenden Knieproblemen erklärte. Er kam schlecht in die Saison, ließ Weltcups aus, feilte an seiner Form. Manchmal befasste er sich gar mit dem Gedanken, dass "es von heute auf morgen vorbei sein kann", denn der jahrelange Leistungssport hinterlasse Spuren im Körper eines Athleten. Die vielen einseitigen Belastungen, so Buhl, könnten schon einmal ein Gelenk ruinieren, "dieser Gedanke machte mich fertig". Doch bei der WM in Japan nun hielt das Knie, "ich hatte keine Probleme". Was ihn zu der festen Überzeugung bringt, "dass ich dieses Thema nachhaltig in den Griff bekommen kann." Überhaupt hat der Allgäuer mittlerweile zu seiner alten Form zurückgefunden, die ihn ja an die Spitze der Weltrangliste geführt hatte. Buhl war die Nummer eins der Lasersegler, gewann Europameisterschaften in Serie, neben WM-Silber auch zweimal WM-Bronze. Ein Segler dieser Klasse gibt sich nicht mit Platz neun zufrieden, er will gewinnen, immer.

In Sakaiminato hätte ihn angesichts des schleppenden Saisonstarts auch Bronze zufrieden gestellt, so aber bleibt vorerst dieses fade Gefühl des Scheiterns: "Das frisst mich schon ein bisschen auf." Was spätestens bei Punkt zwei seiner Bewältigungsstrategie aber verarbeitet sein sollte, zumal Buhl weiß, dass sein Weg wieder der richtige ist: "Wenn ich halbwegs so weitermache, wird es weiter aufwärts gehen." Helfen dürfte ihm auch der Gedanke daran, dass die WM nicht das Highlight der Saison ist. Das steht erst in vier Wochen an. Dann segelt Buhl 700 Kilometer entfernt von Sakaiminato in der Bucht von Miho bei der Generalprobe für Olympia 2020 in Tokio. Diesen Wettbewerb schätzt er sogar wichtiger als die WM ein: "Da habe ich die Möglichkeit, wieder ein gutes Ergebnis einzufahren." Und das Olympiarevier zu testen, um den dritten Punkt in seinem Plan umzusetzen: Aus den Fehlern zu lernen und gestärkt zurückzukommen.

© SZ vom 10.07.2019

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