Segeln bei der Kieler Woche:Schuss vor den Bug

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Kieler Woche startet

Zwischen hafenstädtischer Bodenständigkeit und hanseatischer Größenfantasie: Rennjachten segeln auf der Förde in Kiel in Richtung Eckernförde.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Die Kieler Woche gibt alles: Bei der größten Segelregatta der Welt wird ein Sport aufgehübscht, dessen Olympia-Version zu sperrig ist für das Massenpublikum. Trotzdem droht die Zweitklassigkeit.

Von Thomas Hahn, Kiel

Es ist noch früh genug an diesem Freitag der 121. Kieler Woche, um auf alles einen Blick werfen zu können im Olympiahafen von Schilksee. Auf die Buden, auf die Boote, und auch auf den Versuch der Veranstalter, den Segelsport für alle ein bisschen klarer zu machen. Es ist halb ein Uhr mittags, der Wind macht noch nicht viel her. Die Boote liegen an Land mit gehissten Segeln, als wollten sie im Trockenen losfahren. Und auf dem sogenannten Sail Cube, dem mächtigen Video-Würfel eines Sponsors, wird eine Fachsimpelei aus dem Studio übertragen.

Der Rummel und der Sport scheinen noch mal Luft zu holen, bevor das Tagesprogramm so richtig beginnen kann. Dann schrillt die Sirene. "Alle Klassen auslaufen zum Start!", krächzt es über die Anlage. Die Segler setzen sich in Bewegung, und allmählich, ohne Hektik, nimmt das Ereignis Fahrt auf.

Die Kieler Woche hat wieder alles gegeben, das kann man jetzt schon sagen, auch wenn die Veranstaltung noch ein ganzes Wochenende vor sich hat mit Windjammerparade, Regatten, Party und Abschlussfeuerwerk am Sonntagabend. Sie sei die größte Segelregatta der Welt und das größte Volksfest Nordeuropas, heißt es. Aber diese Superlative beschreiben eigentlich gar nicht richtig, wie mächtig die Kieler Woche tatsächlich ist, und wie sie auf seltsame Weise einen Bogen spannt zwischen hafenstädtischer Bodenständigkeit und hanseatischer Größenfantasie.

1882 hat ihre Geschichte angefangen, sie schwächelte nach dem ersten Weltkrieg, wurde Propaganda-Mittel der Nazis, war während des Zweiten Weltkriegs praktisch tot. Aber heute pulsiert sie als internationales Fest mit lokalem Einschlag zwischen Tradition, Leistungssport und Party-Geist.

Mal spielt das Andrea-Berg-Double, mal die echte Anastacia, das kulturelle Angebot reicht vom Kasperle-Theater bis zu Don Carlos, und als dürfe man es dabei nicht bewenden lassen, gehört zum Programm auch die Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises durch das Kieler Institut für Weltwirtschaft; in diesem Jahr gehörten unter anderem Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow und der Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, Jeffrey Immelt, zu den Geehrten.

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Bei der Kieler Woche hat man manchmal den Eindruck, als wolle jemand die ganze Welt in eine gar nicht so große Landeshauptstadt reinpacken. Aus der Staatskanzlei am Düsternbrooker Weg verlautet jedenfalls, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig habe sich während der Kieler Woche nur einmal außer Landes begeben - im Rahmen des Staatsbesuchs von Queen Elizabeth II. in Berlin am Donnerstagabend. Segeln ist nur ein Aspekt der Kieler Woche, sie funktioniert als gesellschaftliches Ereignis, Politikum und Bespaßungs-Maschine.

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