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Neuseeland im America's Cup:Der Stolz der fünf Millionen

16th March 2021; Waitemata Harbour, Auckland, New Zealand; Emirates Team New Zealand fans cheer Te Rehutai as it leaves

In Auckland wird die "Te Rehutai" von Tausenden Zuschauern empfangen.

(Foto: imago images/Action Plus)

Im Finale des America's Cup befreit sich Neuseeland aus dem Würgegriff der "Luna Rossa". Der nächste Herausforderer bringt sich bereits in Stellung.

Von Thomas Gröbner

Am Ende war es ein Duell, aus dem James Spithill nicht heil herauskommen konnte: "Es fühlte sich an, als wäre man mit einem Messer zu einer Schießerei gekommen." Peng. Der erste Schuss saß am Mittwoch vor Auckland, Neuseelands Skipper Pete "Pistol" Burling führte die Kiwis im entscheidenden Zweikampf mit 46 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Da half es nicht, dass James Spithill, Spitzname Pitbull, schon am Start versucht hatte, den Gegner wegzubeißen.

Der Name Spithill hat in Neuseeland einen langen, drohenden Klang, der nur langsam verhallt. Der Australier, 41, galt als die Nemesis für Team Neuseeland, seit ihm 2013 vor San Francisco eine der spektakulärsten Aufholjagden der Segelgeschichte gelang. 1:8 lag Spithill mit Team USA zurück gegen Neuseeland mit Dean Barker, doch dann gewannen die Amerikaner Duell auf Duell und entrissen den Neuseeländern noch den sicher geglaubten Triumph und gewannen 9:8. Es war ein Schock für die Neuseeländer, von dem sie sich erst langsam erholten.

Diesmal blieb die Sensation aus, zu überlegen war die auf Kraken-Foils fliegende 75-Fuß-Yacht der Neuseeländer. Bis zum 3:3 konnte die italienische "Luna Rossa" von Prada-Chef Patrizio Bertelli mithalten. Die Italiener kamen zwar leichter in den Flugmodus, hinkten dann aber ein, zwei Knoten hinterher. Dem 30-Jährigen Burling gelang es dagegen immer besser, sich aus dem Würgegriff des erfahrenen Match-Race-Künstlers Spithill zu winden. Konnte Burling frei segeln, dann flog die "Te Rehutai" über dem Wasser davon. Nach zehn Rennen ging der Rote Mond endgültig unter im Golf von Hauraki. Mit 7:3 entschieden die Neuseeländer den Cup für sich. Die Nemesis hat ihren Schrecken endgültig verloren.

Team Neuseeland bietet erneut einem verschwenderisch alimentierten Widersacher Paroli

Die Rückkehr in den Hafen von Auckland geriet dann zur Triumphfahrt vor Tausenden Zuschauern, ein seltsames Bild, mitten in einer globalen Pandemie. Doch die dicht gedrängten Massen sind nicht Ausweis eines laxen Umgangs mit dem Coronavirus, sondern Ergebnis eines strikten Kurses: Wegen einer einzigen Infektion hatte Auckland während der Regatta in den Lockdown geschaltet, so lange, bis die Kontaktpersonen aufgespürt waren. Und so waren im Finale wieder Zuschauer erlaubt, die Zeugen wurden, wie Team Neuseeland abermals einem verschwenderisch alimentierten Widersacher Paroli bot.

Sailing - 36th America's Cup

Nach dem Zieleinlauf in Aucklands Waitemata Harbour feierte Neuseelands Skipper Peter Burling die erfolgreiche Titelverteidigung mit Champagnerduschen - und Tausenden Fans.

(Foto: Simon Watts/Reuters)

Dabei war auch die Kampagne der Neuseeländer nicht frei von Erschütterungen: Teamchef Grant Dalton musste eine Untersuchung des Wirtschaftsministeriums über sich ergehen lassen, es stand der Verdacht der Veruntreuung von Staatsgeldern im Raum, am Ende wurde er aber entlastet. Ein Spionagefall wurde aufgedeckt beim Titelverteidiger, Informationen seien nach Europa geflossen, hieß es. Trotzdem gehört die "Te Rehutai" neben dem Haka-Tanz der "All Blacks", der muskelbepackten Rugbyspieler, nun zu den wichtigsten Botschaftern des Landes. "Team der fünf Millionen" heißt es in Neuseeland, weil das Land geschlossen hinter seiner Segel-Crew steht. Unter den Gratulanten waren Schulkinder ebenso wie Premierministerin Jacinda Ardern.

Prada-Chef Bertelli könnte Teebaron Sir Thomas Lipton als Rekord-Verlierer ablösen

Gegen den Stolz der Kiwis wirken die Versuche von Patrizio Bertelli, den Cup an sich zu reißen, wie eine fixe Idee. Der 74-jährige Patron des Modeimperiums Prada muss auch im fünften Anlauf mit leeren Taschen zurückkehren. Aufgeben? Impossibile. "Es ist noch nicht vorbei", verkündete Steuermann Francesco Bruni danach: "Ich bin sicher, Patrizio Bertelli und Luna Rossa werden es wieder versuchen."

Dann hätte Bertelli mit seinem sechsten Versuch immerhin eine historische Marke eingestellt und Sir Thomas Lipton abgelöst als ewigen Herausforderer: Der britische Teehändler hatte zwischen 1899 und 1930 fünf Mal vergeblich versucht, die Silberkanne auld mug in die Hände zu bekommen, stattdessen spendierten ihm die siegreichen Amerikanern einen eigenen Pokal: "Für den Besten aller Verlierer." Immerhin hatte der Teebaron nebenbei das Sportmarketing erfunden.

Ob Bertelli die Luna Rossa noch einmal ins Rennen schicken kann, liegt freilich nicht in seiner Hand, sondern hat mit dem Kuvert zu tun, das den Neuseeländern schon zugesteckt wurde. Der Absender: noch unbekannt, aber nicht schwer zu erraten. Jim Ratcliffe, Chef des milliardenschweren Chemie-Riesen Ineos, wird das bittere 1:7 gegen die Luna Rossa im Vorlauf nicht auf sich sitzen lassen wollen und sich zum "Challenger of Record" erklären. Die Briten gelten als erste Anwärter, und wie immer schwappen schon die Gerüchte durch den Hafen. Zwei Szenarien werden gerade durchgespielt: Ein Duell zwischen Neuseeland und den Briten vor der Isle of Wight, wo der Wettbewerb 1851 seine Wiege hatte - ohne andere Herausforderer. Dann müsste sich Bertelli weiter gedulden. Oder mehrere Wettfahrten über die nächsten Jahre verteilt, aus denen sich dann der finale Gegner für die Neuseeländer schält.

Hoffnungen auf eine deutsche Kampagne wären vermessen: In 170 Jahren gelang das nur ein einziges Mal. 2007 brachte der deutsche Internet-Unternehmer Ralph Dommermuth ein Boot an den Start, unter der Flagge von United Internet Team Germany landete man auf dem vorletzten Platz. Die nächste Kampagne stürzte 2010 dann in sich zusammen, weil die damals veranschlagten 50 Millionen Euro nicht beizubringen waren. Mittlerweile sind die Kosten explodiert und haben die 100-Millionen-Marke geknackt.

Und so wird auch das Team Neuseeland die Option prüfen, mit dem America's Cup umzuziehen, denn das Recht, die Regatta auszurichten, liegt beim Sieger. Nach der Finanz-Affäre scheinen die Beziehungen zum Wirtschaftsministerium nicht die besten zu sein, andere Standorte könnten mit mehr Geld und größeren Märkten locken. Auch wenn Premierministerin Ardern weiter finanzielle Unterstützung des Staates zugesagt hat: Das "Team der fünf Millionen" könnte sich einen neuen Hafen suchen.

© SZ/sjo/cca
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