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Vettel in Montreal:Lahmgelegt von Elektro-Teufeln

Sebastian Vettel

Muss beim Großen Preis von Kanada aus der letzten Reihe starten: Ferrari-Pilot Sebastian Vettel.

(Foto: AP)
  • Lewis Hamilton gewinnt das Qualifying zum Großen Preis von Kanada und geht von der Pole Position ins Rennen.
  • Nico Rosberg wird Zweiter, ist mit seiner Leistung aber dennoch unzufrieden.
  • Sebastian Vettel wird mit einer Strafe belegt und startet aus der letzten Reihe.
  • Den Liveticker zum Rennen finden Sie ab 17 Uhr hier.

Von Elmar Brümmer, Montreal

Die 44, das ist nicht nur eine Startnummer für Lewis Hamilton. Es ist eine Glückszahl, sie stammt aus jenen Jugendjahren, als der Formel-1-Weltmeister die Kart-Serie "Champions der Zukunft" für sich entscheiden konnte. Die 44 ist auch die Zahl, die seit Samstag die Anzahl der Pole-Positions markiert, die der Brite bisher in seiner Grand-Prix-Karriere einfahren konnte. Beim Großen Preis von Kanada am Sonntagabend (20 Uhr MESZ) steht der Brite zum sechsten Mal in dieser Saison mit seinem Silberpfeil ganz vorn - im siebten WM-Lauf.

Nach dem verschenkten Sieg in Monte Carlo ist das die bestmögliche Genugtuung, obwohl Hamilton morgens durch einen chaotischen Trainingsverlauf keine Chance hatte, sein Auto optimal auf den Circuit Gilles Villeneuve abzustimmen. Aber in solchen Situationen das Entscheidende aus sich und dem Auto herauszuholen, das ist die Stärke des 30-Jährigen. "Hammer-Time" sagen sie bei Mercedes dazu.

Als es drauf ankam, im Top-Ten-Qualifying, da hämmerte er dann wie ein routinierter Heimwerker - am Ende hatte er 0,309 Sekunden Vorsprung auf seinen Teamkollegen Nico Rosberg. "Für mich war es wichtig, dass ich nach den Ereignissen von Monte Carlo bloß nicht wieder auf dem falschen Fuß erwischt werde", bilanziert der Titelverteidiger, "es zeigt mir, dass ich immer noch in einer so guten Form bin wie beim letzten Rennen."

Der Kurs liegt Hamilton

Die improvisierte Piste um das Casino von Montréal liegt ihm, hier feierte er 2007 seinen ersten Formel-1-Sieg, hier hat er inzwischen vier Mal gewonnen. Es ist ein Kurs, der nur mit kontrollierter Aggressivität zu bewältigen ist. Nachdem er sich aus seinem Cockpit befreit hatte, klopfte Hamilton anerkennend auf den Vorderreifen seines Autos, ganz so wie Jockeys ihren Pferden die Anerkennung ausdrücken. Das mit der 44, gesteht er später, das sei schon "etwas Besonderes".

Nico Rosbergs Ausdrucksweise nach der letzten Runde, während der er schon gespürt hatte, dass es wieder nichts wird mit der Bestzeit, war nicht ganz so fein: "Alles Müll, das ganze Qualifying", funkte er an die Box. Irgendwo auf dem Weg in die Top-Ten-Runde war ihm der Grip auf der Hinterachse verloren gegangen. Vor dem Winke-Bild der drei Bestplatzierten drehte er sich zur Seite, allerdings genau in die Kameras - und streckte die Zunge heraus.

Vettel muss sich von hinten durchkämpfen

Die Laune des Wiesbadeners, der zehn Punkte hinter Hamilton auf Platz zwei in der Weltmeisterschaft liegt, war dahin. "Das war nix ganz am Ende. Ich hatte einen sehr guten Rhythmus, was dann passiert ist, kann ich noch nicht erklären. Irgendwas war da, da ging gar nichts mehr, und das hat mich sehr geärgert." Es folgte eine verbale Mutmacher-Runde: "Enttäuschend ist das, na klar. Aber es ist noch nicht alles verloren fürs Rennen. Wenn es schlecht läuft, und man wird trotzdem Zweiter, dann kann man nur sein Auto loben. Die Piste hier ist eine, auf der man überholen kann."

Um wieder in die zählbaren Ränge zu kommen, muss Sebastian Vettel reichlich überholen, oder auf das Glück einer Safety-Car-Phase zur rechten Zeit hoffen. Während sein finnischer Kollege Kimi Räikkönen sich den dritten Startplatz sichern konnte, muss sich der Heppenheimer von ganz hinten aus nach vorn durchkämpfen. Damit war für den WM-Dritten schon in der ersten Qualifikationsrunde alles gelaufen. Ausgerechnet an dem Wochenende, an dem Ferrari eine komplett überholte Fahrzeug-Aerodynamik und einen verstärkten Motor in die Aufholjagd schickte.

Offenbar handelte es sich bei dem Defekt, der den Deutschen lange in der Boxengarage aufhielt, um die gefürchteten "Gremlins" - elektronische Teufelchen, die alles lahmlegen. Das Energierückgewinnungssystem ERS soll deshalb übermäßig gezickt haben. Die Folge: Dem Ferrari fehlte es an der nötigen Power, er landete zunächst auf Quali-Platz 15 .

Zuverlässigkeit ist für gewöhnlich eine der Stärken bei den Italienern, deshalb hatte die internationale Fernsehregie über Vettels Funkspruch nach dem Ausscheiden sicherheitshalber einen langen Piepton gelegt. Wäre gar nicht nötig gewesen, behauptete der 27-Jährige: "Ich habe überhaupt nicht geflucht, ich war sehr ruhig. Das war eben ein technisches Problem, vielleicht nur ein Zehn-Euro-Teil. Ich hoffe, dass sich das bis zum Rennen beheben lässt."

In das er allerdings aus der ungünstigsten Position geht. Denn es blieb für Vettel nicht bei Startplatz 15, es kam noch schlimmer: Vettel ist mit fünf Strafplätzen und drei Strafpunkten belegt worden, weil er am Morgen bei roter Flagge im 3. Training Roberto Merhi (Manor) überholt hatte. Er startet damit aus der letzten Reihe. Und so herrschte bei ihm Frust nach der Upgrade-Offensive: "Das ist bitter für uns, ich dachte, wir wären hier näher an Mercedes dran gewesen. Aber wie nah, werde ich nicht herausfinden." Angefühlt habe sich der neue Motor schon ziemlich gut. Immerhin so eine Art moralische Pole-Position.

© SZ vom 07.06.2015/fie
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