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Schwingen:Archaischer Ringkampf im Sägemehl

Bern-Jurassischens Schwingfest; Schwingen

Saemi Nufer (mit dem Gesicht im Sägemehl) und Adrian Schenk während dem fünften Gang beim 91. Bern-Jurassischen Schwingfest.

(Foto: Anthony Anex/dpa)
  • Schwingen ist eine Variante des Ringsports, die sich in der Schweiz großer Beliebheit erfreut.
  • Nicht nur, weil rund um die Wettkämpfe Werbung verboten ist, wirkt die Sportart sehr urtümlich - ein gern gesehener Effekt.
  • Während verwandte Sportarten eher ein Nischendasein fristen, haben die Schweizer Schwinger sogar das Problem, ihre Beliebtheit in Einklang mit dem traditionellen Kern zu bringen.

Als Armon Orlik nach 13 Minuten im Sägemehl liegt, ist es vorbei. Estavayer im Kanton Fribourg, 28. August 2016: Die Schweiz hat einen neuen König, er heißt Matthias Glarner. Ausgerechnet die Schweiz, die nie eine Monarchie war, vergibt alle drei Jahre eine Krone: an den König der Schwinger.

Glarner hatte damals das blaue Hemd durchgeschwitzt, der Kampf mit Orlik war zäh. Als er ihn endlich auf den Rücken geworfen hatte, wusste er, dass er König war. Doch kein Jubel, stattdessen bückte er sich zu Orlik hinunter, reichte ihm die Hand, wartete, bis dieser bereit war, sich aufzurichten. Als sie beide standen, strich Glarner dem Unterlegenen das Sägemehl vom Kopf. Ein paar Augenblicke nur, doch in ihnen steckte viel von dem, was die Faszination dieses Schweizer Nationalsports ausmacht. Erst der Ringkampf mit seinem archaischen Kräftemessen, dann, wenn der Verlierer auf dem Rücken liegt: Zurückhaltung und kontrollierte Emotionen.

Die Beliebheit des Schwingens steigt

Nun sucht die Schweiz wieder einen König. Am Freitag hat das alle drei Jahre stattfindende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest begonnen, diesmal in Zug. 56 500 Zuschauer in der Arena, insgesamt mehr als 350 000 erwartete Gäste, rund 18 Stunden Liveübertragung im Fernsehen: Kein anderes Sportereignis der Schweiz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich. Und die Beliebtheit wächst. Die temporäre Arena in Zug fasst so viele Zuschauer wie noch nie und ist restlos ausverkauft. Die Tickets, die in den freien Verkauf kamen, hätten die Organisatoren vier Mal verkaufen können, so groß war der Ansturm.

Woher stammt diese Faszination? Schwingen, eine Variante des Ringsports, ist an sich nicht besonders spektakulär. Zwei Männer fassen sich da an ihren kurzen, reißfesten Überhosen und versuchen, den anderen mit einem bestimmen Schwung - es gibt laut Eidgenössischem Schwingerverband etwa 100 dieser Würfe und Griffe - auf den Boden zu werfen. Wer gewinnt, hilft dem Verlierer wieder auf die Beine und klopft ihm das Sägemehl vom Rücken. Sowohl der Gewinner als auch der Verlierer erhalten nach dem Kampf Punkte, die Skala reicht von 8,25 bis maximal 10. Der Schwinger mit der höchsten Punktzahl gewinnt das Fest.

Werbung ist verboten

Doch beim Schwingen geht es eben nicht allein um den sportlichen Wettkampf. Ob es die Schwinger in ihren Edelweißhemden sind, die Siegerkränze aus Eichenlaub oder die "Lebendpreise", also die Stiere, Rinder und Pferde, die die Gewinner mit nach Hause nehmen dürfen: Auf den Schwingfesten wimmelt es von Verweisen auf Schweizer Bräuche, Bauerntum und Bergleben. Als "uraltes Hirtenspiel", dessen Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert zurückreichten, bezeichnet der Verband das Schwingen, als ideale Verbindung aus "Tradition und Sport". Die Schweiz, in ihrer Mehrheit immer noch vergleichsweise konservativ, versichert sich auf den Schwingfesten also gewissermaßen ihrer selbst.

Hinzu kommen ein paar Regeln, die zum traditionellen Image beitragen: Werbung ist innerhalb der Arena und auf der Kampfkleidung der Schwinger verboten, weshalb die Bilder von den Wettkämpfen bis heute etwas Ursprüngliches haben. Und Schwingen, so wollen es die Verbände, soll weiter Amateursport sein. Obwohl "die Bösen", wie die besten Schwinger des Landes genannt werden, locker vom Sponsoring leben könnten, gehen sie zumindest für wenige Tage pro Woche einer normalen Arbeit nach. Während verwandte Sportarten in den meisten Ländern eher ein Nischendasein fristen, haben die Schweizer Schwinger eher das Problem, ihre wachsende Beliebtheit in Einklang mit dem viel zitierten traditionellen Kern zu bringen.