Gabor Bordas war selbst mal kurz davor, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Und es klingt ein wenig Wehmut und Bedauern durch, wenn der 39-Jährige davon am Rand des Schwimmbeckens in der Gewürzmühlstraße 8 im Herzen Münchens erzählt. Die Qualifikation und das Flugticket für Athen 2004 hatte der Schwimmer der ungarischen Nationalmannschaft schon in der Tasche – doch dann riss er sich kurz vor dem Start das Kreuzband. Ein Jahr später hörte er auf mit dem Leistungssport. So kann es gehen.
Danach trainierte Bordas seine Schwester Beatrix, die zweimal Europameisterin wurde, siedelte 2010 nach Deutschland über und fing 2016 als Trainer beim SV Ottobrunn an. Seit September 2024 ist Bordas Cheftrainer des SC Wasserfreunde München – seine Berufung hat er dort längst gefunden. Aber er trainiert dort nicht nur die junge Elite. Bordas und eine weitere Trainerin bringen auch Kindergarten-Kindern das Schwimmen bei. Der Kurs ist kostenlos, die Dr.-Ludwig-Koch-Stiftung finanziert ihn, wie zwei weitere, die bis Ostern gelaufen sind. Die Stadt München stellt die Infrastruktur und sucht die Kindergärten aus.
In Zeiten, in denen immer weniger junge Kinder schwimmen können, in denen die Kurse immer teurer werden und zugleich immer mehr Bäder schließen, ist das Schwimmen lernen eine große Aufgabe. Im Jahr 2024 gab es laut DLRG-Statistik 411 Badetote, so viele wie seit 2019 nicht mehr. Bordas möchte seinen kleinen Teil dazu beitragen, dass es weniger werden.
Neun Kinder sitzen also an einem schönen Donnerstag Mitte Juli vor Bordas am Beckenrand des Bades im Lehel, sie tragen orange, rote, blaue, weiße Badekappen. Ihre Oberarme stecken in roten, gelben oder grünen Schwimmscheiben, die ein wenig wie Diskusscheiben aussehen. Der Vorteil: Am Anfang sind es zwei oder drei Scheiben je Arm, „dann reduzieren wir, je nach Schwimmfähigkeit“, sagt Bordas. Das geht bei Schwimmflügeln nicht. Die Kinder begeben sich jetzt auf eine „Flugreise“, so die spielerische Herangehensweise der Coaches. Vor der Reise „waschen“ sie sich, spritzen sich also Wasser ins Gesicht, um dieses ungewohnte Element an sich heranzulassen. Und sie strampeln mit den Beinen, bis es schäumt: Aufbruchstimmung. Dann gehen sie die Stufen ins Becken hinunter, steigen quasi ins Flugzeug ein. Die Schwimmbretter sind die Flugzeugflügel. Dann „begrüßen“ sie das Wasser, indem sie Blubberbläschen hineinpusten, und tauchen mit dem Kopf unter Wasser. Am Ende wiederholt sich das Ritual, nur eben andersherum.
Bordas sagt: „Wenn ich es mit früher vergleiche, wollen viele Eltern inzwischen nicht mehr, dass das Kind nass wird, Wasserspritzer ins Gesicht bekommt. Viele sind übervorsichtig.“ Diese Scheu will der Coach, der die Kinder mit seiner Sprache schnell einfängt, den Kleinen nehmen. Und zugleich an die Eltern appellieren: „Sie sind verantwortlich dafür, dass ihr Kind zum Schwimmkurs geht. Die Bereitschaft, schwimmen zu lernen, nimmt aber generell ab, andere Beschäftigungen sind wichtiger geworden.“

Es sei ein Trugschluss, dass viele Eltern denken: Wenn mein Kind das Seepferdchen hat, dann ist die Schwimmausbildung vorbei. „Das ist Quatsch, sie können dann nicht sicher schwimmen. Ich würde meinen Sohn frühestens ab dem Bronze-Abzeichen ohne Bedenken alleine ins Wasser gehen lassen“, sagt Bordas. Der Weltmeister Christian Tröger, der mit seiner Schwimmschule Aquatics die Kurse organisiert und an diesem Donnerstag auch vorbeigekommen ist, schließt an: „Wir wollen den Kindern die Angst vor dem Wasser nehmen, aber den Respekt davor erhalten.“ Zugleich ist das Angebot knapp, Trainer sind Mangelware, viele Bäder schließen, die Wasserflächen gehen zurück, die Kurse werden gerade in Ballungszentren wie München immer teurer und sind oft überbucht.
Bordas macht mit den Kindern jetzt die Seesternchen-Übung: Sie strecken die Arme und Beine weit und gespreizt auseinander, drücken die Hüfte nach oben, versuchen zu schweben. „Bauch aufpusten“, ruft Bordas, er und seine Kollegin unterstützen leicht. Später schnappen sich die Kleinen Schwimmnudeln, die am Beckenrand liegen, klemmen sie sich unter die Hüfte und üben den Brustarmzug. Viel Enthusiasmus ist an ihren Gesichtern abzulesen, unverbogene Freude am Lernen. Die Vierjährige im Anna-und-Elsa-Badeanzug grinst. Schwimmen? Kann tatsächlich viel Spaß machen.
Hinter ihr beobachten eine Erzieherin und ein Erzieher, die die Kleinen vom Haus für Kinder an der Brantstr. 10 per U-Bahn ins Schwimmbad gebracht haben, wie diese von Kursstunde zu Kursstunde besser werden. „Es ist ein großes Highlight für sie, auf der Rückfahrt sind sie total k.o., aber man sieht das Lächeln in ihren Gesichtern“, sagt Erzieher Alexander Maier, 40. Ein ansonsten sehr stiller Junge blühe im Bad förmlich auf, traue sich etwas zu, „er ist sehr aktiv hier“. Das Gemeinschaftserlebnis, der Ausflug ins Bad, das Fahren mit der Rolltreppe zur U-Bahn, das gemeinsame Umziehen und das Erlebnis im Wasser: „Es fühlt sich an wie etwas Besonderes“, sagt Maier.
Am Ende also: Flug zurück, dann die Treppen hoch raus aus dem Becken. Mit der Erkenntnis, wieder einen kleinen Schritt vorangekommen zu sein auf dem Weg, schwimmen zu können. Föhnen jetzt, „der härteste Job“, sagt Maier und lacht. Später sitzen sie alle draußen im Innenhof, wie an einer Perlenkette aufgereiht, und machen Brotzeit. Sie haben zu Hause wieder viel zu erzählen.


