Schwimmen "Ich habe Bock, richtig abzugehen"

Freut sich über den deutschen Rekord: Schwimmerin Alexandra Wenk.

(Foto: Rainer Jensen/AFP)

Alexandra Wenk hat bei den Schwimm-Meisterschaften in Berlin einen 35 Jahre alten deutschen Rekord gebrochen. Jetzt will sie bei Olympia in Rio durchstarten.

Von Saskia Aleythe, Berlin

Es hat dann doch schnell klick gemacht. Da war dieser Moment bei Alexandra Wenk, als sie zur Anzeige schaute, da prangte ihre Zeit, daneben das Kürzel "DR", Deutscher Rekord. "Als ich die Zeit gesehen habe, dachte ich: Hä? Verstehe ich jetzt nicht", sagt Wenk, doch nur Sekunden später: Wenk strahlt, setzt sich auf die Leine und balanciert sogar noch eine Jubelpose darauf.

Deutscher Rekord über 200 Meter Lagen, das bedeutete viel an diesem Vormittag bei den deutschen Meisterschaften in Berlin: 35 Jahre lang war die Bestmarke nicht verbessert worden, mit 2:11,41 Minuten blieb Wenk gleich drei Zehntel darunter. "Beim Rückenschwimmen dachte ich: Alex, schwimm nicht so schnell, dann fehlt dir Kraft für Brust. Aber dann hab ich auf der Bruststrecke noch mal alles gegeben", berichtet die 21-Jährige ausgelassen. Wobei ihre Zeit nur ein paar Stunden Gültigkeit behielt, am Abend steigerte sich Wenk noch mal um eine Zehntel. Die für die SG Stadtwerke München startende Athletin hat damit die vorgegebene Olympia-Norm geknackt (wenngleich sie bis Anfang Juli laut Verband noch eine Leistungsbestätigung erbringen muss) - und so einigen etablierten Schwimmern die Show gestohlen.

Schon bei ihrer Ankunft in Berlin hatte Wenk ihre ganze Lust am Schwimmen präsentiert: Neben Weltmeister Marco Koch gab sie einen Einblick in das, was sie in diesem Jahr so vor hat. "Wenn ich bei Olympia bin, will ich auf jeden Fall durchstarten", sagte Wenk, "mal sehen, wie weit ich komme. Ich habe Bock, richtig abzugehen." Zurückhaltende Worte? Sind nicht so ihr Ding. Wo andere vor Versagensängsten schon mal länger in der Kabine bleiben oder sich vor den Kameras verstecken, hat Wenk bei jeder Bewegung die Attitüde: Rio, Baby!

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"Sie macht leider auf den ersten Metern ein Nickerchen"

Wenige Minuten vor ihrer erneuten Rekord-Verbesserung auf 2:11,33 Minuten hatte sich Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling auf Rang zwei der Weltrangliste katapultiert. Die Magdeburgerin gehört eher zur verhaltenen Sorte Schwimmer. "Ich bin nicht zu 100 Prozent zufrieden. Mit der Zeit, die auf der Anzeigetafel steht, kann ich aber leben", sagt sie. Sie zählt mit Marco Koch und Paul Biedermann, die am Sonntag auf ihren Paradestrecken Weltklassezeiten schwammen, zu den Medaillenkandidaten der Deutschen - doch an diesem Samstag schwebte der Name Alexandra Wenk über allem.

Sie ist eine, die viel will und viel von sich preisgibt. Und sie kann ihre Leistung einschätzen. "Klar ist es schön, deutschen Rekord zu schwimmen", sagt sie, gerade erst aus dem Becken gestiegen, "aber man muss noch schneller schwimmen, um international mithalten zu können." Wie ihre Zeit im Vergleich zu den Besten aussieht? "Das wird eine Katinka Hosszu nicht beeindrucken, die ist noch mal vier Sekunden schneller", sagt Wenk.

Mit ihrer Zeit von Berlin hätte Wenk im vergangenen Jahr im WM-Finale Rang acht belegt, aktuell steht sie damit auf Platz elf in der Welt. Ihr Fokus war bisher ein anderer: Die 100 Meter Schmetterling, seit den Weltmeisterschaften hält sie den deutschen Rekord. Damals stand sie mit Weltrekordlerin Sarah Sjöström erstmals im Finale, cool blieb sie trotzdem. Wenk ist eine, die selbst vor Wettkämpfen schon mal tanzend durch die Halle läuft und versucht, so locker wie möglich zu sein. "Ich mache das, weil es mir Spaß macht", sagt Wenk.

Für Rio ist klar: "Das Finale ist das Ziel."

Mit 17 Jahren wurde Wenk 2012 Europameisterin mit der Lagenstaffel, in London erlebte sie ihre ersten Olympischen Spiele. "Die Stimmung war damals echt nicht cool", erinnert sie sich, ohne Beckenmedaille waren die Schwimmer damals wieder heimgekehrt. Wenk war mit ihrer Zeit zufrieden, stand ohnehin noch nicht im Fokus, Druck verspürte sie keinen. Für Rio ist klar: "Das Finale ist das Ziel." Ob über 200 Meter Lagen oder ihre bisherige Paradedisziplin? "Eigentlich ist es mir egal. Hauptsache, es klappt irgendwo", sagt sie, "ich bin jetzt mega happy. Das war vielleicht doch ein kleiner Gruß an Katinka Hosszu."

Am Sonntag kämpfte Wenk über die 100 Meter Schmetterling noch um die Olympia-Norm - und schaffte sie in deutscher Rekordzeit von 57,70 Sekunden. Nun wird der Schwerpunkt wohl ganz auf dem Training für die Spiele liegen. Die in London beginnende EM lässt sie wie die meisten deutschen Schwimmer aus, Bundestrainer Henning Lambertz sieht seine Athleten lieber in individueller Vorbereitung. "Natürlich wäre eine EM schön", sagt Wenk, "aber ich kann die Priorität des Bundestrainers verstehen. Olympia ist Tausend Mal wichtiger."

An ihrem Start will sie bis dahin noch arbeiten. "Sie macht leider auf den ersten Metern ein Nickerchen", sagt auch Lambertz. Zusammen mit ihrem Heimtrainer Olaf Bünde werkelt Wenk am perfekten Absprung, Eintauchen, Gleiten. Ihre Stärke werden wohl die zweiten 50 Meter bleiben, Wenk hat ein Faible fürs Aufholen: "Für mich es cooler, wenn ich nicht die Gejagte bin", sagt sie. Angreifen passt da besser. Auch zu ihrer Persönlichkeit.