Süddeutsche Zeitung

Schwimmen:Phelps tritt hochemotional von der großen Bühne

Lesezeit: 3 min

Mit der 23. olympischen Goldmedaille beendet Michael Phelps seine bemerkenswerte Karriere. "Die Welt konnte nun sehen, wer ich bin", sagt der Amerikaner ganz am Schluss.

Von Saskia Aleythe, Rio de Janeiro

Michael Phelps sog den Moment in sich auf. Die Hymne der USA startete, zu Ehren der Sieger über 4x100 Meter Lagen, und da stand er nun oben auf dem Podest, zusammen mit Cody Miller, Ryan Murphy und Nathian Adrian, die rechte Hand aufs Herz gelegt. Er lächelte leicht, gerührt, er genoss den Moment. Phelps flüsterte die Hymne stolz mit. Und dann glitzerte es in seinen Augen.

"Heute sind alle Emotionen rausgekommen", sagte Michael Phelps später auf der Pressekonferenz, da war es schon weit nach Mitternacht, zwei Stunden nach dem Rennen. Entsprechend müde strich er sich über die Augen, er war erschöpft und hatte gleichzeitig Hunger. Das passte auch zu dem Bild, das er dann benutzte, um ein Fazit für diese Spiele zu finden. "Das ist die Kirsche auf dem Kuchen, die ich gewollt habe", sagte Phelps nun, "ich habe alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe."

Es war das 23. Mal, dass er bei einer Siegerehrung der Olympischen Spiele die Hymne hörte, doch dieses Mal fühlte sie sich speziell für ihn an. Michael Phelps war sein letztes Rennen geschwommen, nach dieser insgesamt 28. Olympiamedaille will er aufhören mit dem Schwimmen. Diesmal ganz bestimmt. Und so sah er auch aus. "Ich bin bereit für den nächsten Schritt in meiner Karriere. Das ist der Start von etwas Neuem."

Eilig hatte er es nicht, als er nach der Zeremonie die letzte Runde durch die Arena drehte, Team USA lief mit einem Plakat mit der Aufschrift "Thank you, Rio" an den Fotografen vorbei, später auch mit der amerikanischen Flagge. Er hielt immer wieder beeindruckt den Atem an.

Eingepackt in seinen dicken Mantel, die Kapuze auf dem Kopf, war Michael Phelps zu seinem Abschiedsrennen ins Aquatics Stadion in Rio de Janeiro eingelaufen. Er stand dann noch eine ganze Weile regungslos in der Nähe vom Startblock, zog sich die Sneaker aus, streifte die Socken ab. Dann kam der Kopfhörer runter, keine Minute zu früh. Als er in dieses Finale über 4x100 Meter Lagen ging und als dritter Starter der USA in Wasser sprang, musste er auch noch einmal kämpfen.

"Das ist der beste Moment, um Schluss zu machen"

Geschenkt wurde ihm ja nicht wirklich etwas in seiner Karriere, er übernahm auf Rang zwei liegend hinter Großbritannien. Und auch nach seinen ersten 50 Metern führten noch die Briten, doch dann kam der typische Phelps: Am Ende schlug er als Erster an, Schlussschwimmer Nathan Adrian brachte die nächste Goldmedaille für die USA ins Ziel, Silber ging an die Briten, auf Rang drei landete Australien. Es war die 1000. Goldmedaille für die USA bei Sommerspielen. Als hätte Phelps eigener Rekord nicht gereicht. Er hat nun, mit 31 Jahren ja nochmal fünf Stück geholt, dazu eine silberne. Erfolgreicher war von den US-Schwimmern niemand.

"Das hat alles begonnen mit einem Kind, das einen Traum hatte und gerne geschwommen ist", resümierte Phelps nun, " und jetzt endet es ziemlich cool. Das ist der beste Moment, um Schluss zu machen." Diese Zeit in Rio hat er noch einmal vollkommen ausgekostet. Phelps ist nun Vater, sein Sohn Boomer ist gerade drei Monate alt. "Ich freue mich, das jetzt mit meinem Sohn teilen zu dürfen", sagte er und kündigte an: "he will be dressed impressive". Und so kam es dann auch, bei seinen Siegerrunden durch das Aquatics Stadion ging er immer zu seiner kleinen Familie, die Bilder von dem Säugling mit Glitzerkopfhörern in USA-Farben nahm das Fernsehen gerne auf. "Eines Tages bekommt er meine Medaillen", sagte Phelps.

Sein grimmiger Gesichtsausdruck, mit dem er vor dem Halbfinale über 200 Meter Schmetterling im Aufwärmraum saß, während Chad le Clos eifrig rumhopste, ist ein Bild dieser Spiele gewesen. Weitere: Wie er Ryan Lochte über 200 Meter Lagen wieder düpierte. Wie er über 100 Meter Schmetterling von einem für Singapur startenden Athleten geschlagen wurde, der ihn 2008 in einem Trainingscamp noch um ein Foto gebeten hatte. Michael Phelps, wie er dominiert, Michael Phelps, wie er unendlich erschöpft aus dem Becken steigt. Michael Phelps, der Vater und Freund. Diese Spiele waren tatsächlich anders als alle anderen davor.

In einer Therapie arbeitete er seine Probleme ab

"Die Welt konnte nun sehen, wer ich bin", sagte Phelps, er wirkte zufrieden. Nach seinem ersten Rücktritt 2012 in London war er ins Straucheln geraten, er trank zu viel und fuhr dabei auch noch Auto. In einer Therapie arbeitete er seine Probleme auf, auch mit seinem Vater. Sie haben auch heute noch eine schwierige Beziehung, die Trennung seiner Eltern prägte Phelps, als er ein Kind war. "Alles im Leben passiert aus einem bestimmten Grund", sagte Phelps nun. "Ich würde nichts ändern, was in der Vergangenheit war."

Um 1.40 Uhr Ortszeit endete die Karriere von Michael Phelps. Er lief die Rampe von der Pressekonferenzbühne hinunter, Richtung Ausgang, den Kopf zum Boden gerichtet. "Michael, Michael", rief ihm ein Volunteer noch hinterher. Er hatte sein Smartphone auf dem Podium liegen lassen. Da hing der letzte Satz von seinem Trainer Bob Bowman noch in den Ohren: "Alle zehn Generationen kommt mal einer wie er."

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