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Schwimmen:Neue Aufregung um Sun Yang

Sun Yang

Erst mal abtauchen: Eine Einladung Sun Yangs zum Olympia-Training in China wirft heikle Fragen auf.

(Foto: Juanjo Martin/dpa)

Der Chinese sollte trotz seiner Dopingsperre ins Olympia-Trainingslager kommen, legt eine Liste nahe. Auf Chinas Verband und seinen einstigen Star-Athleten wirft der Vorfall mal wieder kein gutes Licht.

In der Nacht, als Mack Horton seinen Olympiasieg über 400 Meter Freistil feierte, machten sich Einbrecher am Haus seiner Eltern in Melbourne zu schaffen. Horton hatte gerade Sun Yang im Finale in Rio 2016 besiegt, aber schlimmer noch für die Fans des Chinesen: Der Australier hatte ihren Star öffentlich als Dopingbetrüger bezeichnet, was aufgrund der Sperre im Jahr 2014 allerdings nur der Wahrheit entsprach. Der Einbruch war jedenfalls kein Zufall, wie die Zeitung The Australian an diesem Wochenende publik machte: Seit damals wird Hortons Familie von verschiedenen Personen belästigt; mit Glasscherben im Pool, Telefonterror, Lärm in der Nacht; das Haus wird mittlerweile von der Polizei überwacht. "Wir bekommen so viele Morddrohungen, wir haben aufgehört, sie ernst zu nehmen", sagte Hortons Vater Andrew der Zeitung.

In den vergangenen Monaten ist es bei den Hortons etwas ruhiger geworden, denn Sun Yang und das Schwimmen ist ein Kapitel, das eigentlich nun zugeschlagen ist: Ende Februar hatte ihm der Internationale Sportgerichtshof (Cas) eine Acht-Jahres-Sperre aufgebrummt, für einen 28-Jährigen gleichbedeutend mit dem Karriereende. Dennoch gibt es neue Aufregung um den dreimaligen Olympiasieger: Offenbar lud ihn der nationale Schwimmverband trotzdem zu einem Trainingslager ein, das Chinas Schwimmer fit für Olympia machen soll. Das entsprechende Dokument veröffentlichte die Tageszeitung Beijing Youth Daily.

Auf der Liste der Sportler, die zwischen April und Ende Juni zusammenkommen sollten, befand sich auch der Name Sun Yangs, dem aufgrund seiner Sperre das organisierte Training verboten ist. Der Chefredakteur des Magazins Swimming World meldete den mutmaßlichen Verstoß an die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), kurze Zeit später veröffentlichte der chinesische Verband ein neues Dokument: Die zuerst verschickte Einladung sei ungültig, Sun Yang sitze wie verordnet seine Strafe ab. Erledigt ist die Angelegenheit damit nicht, die Wada untersucht den Fall. "Wir setzen uns mit den zuständigen Behörden in Verbindung, um in dieser Angelegenheit die Fakten zu erörtern", teilte die Wada der Nachrichtenagentur AFP mit.

Es ist ein Vorfall, der zu dem Bild passt, das Sun Yang und der chinesische Verband in ihrem Sport bisweilen abgegeben haben. Autoritäten im Weltsport und deren Regeln zu akzeptieren, scheint nicht immer ihre Sache zu sein. Dass der Freistilspezialist eine im September 2018 abgenommene Blutprobe mit einem Hammer zertrümmern ließ, weil er die Tester für unbefugt hielt, sahen die Richter als Manipulation und nicht nur als verweigerte Dopingkontrolle an. Das brachte dem mehrmaligen Weltmeister die lange Sperre ein, zumal er wegen des Dopingfalls 2014 als Wiederholungstäter gilt.

Auf das Urteil reagierte der Verband mit Unverständnis, die Testagentur hätte "unprofessionelle, nicht akkreditierte Personen beschäftigt", man sei "zutiefst enttäuscht", dass der Cas diesen Umstand nicht zur Kenntnis genommen habe. Nur: Sun Yang mit der Einladung zum Olympia-Training so zu behandeln, als wäre das Urteil nie gefallen, wirft nicht gerade ein geläutertes Licht auf die chinesischen Funktionäre. Sun Yang selber wollte Berufung vor dem Schweizer Bundesgericht einlegen, das allerdings nur bei Verfahrensfehlern tätig wird. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die ursprüngliche 30-Tages-Frist um weitere 30 Tage verlängert, bis Ende April ist also Zeit.

Dass das Kapitel Sun Yang noch einmal aufgeschlagen wird, hofft die Familie von Mack Horton nicht, auch wenn Vater Andrew Sympathie für den Chinesen hegt und ihn als Opfer des chinesischen Systems betrachtet. Mit dem neuerlichen Protest bei der vergangenen Schwimm-WM 2019 in Gwangju war Sohn Mack so stark wie nie ins Visier der Fanatiker geraten. Nachdem er bei der Siegerehrung den Schritt aufs Podest und gemeinsame Fotos mit dem Weltmeister Sun Yang verweigert hatte, wurde das Haus seiner Familie fast täglich angegriffen. Dass sich Mack gegen die lasche Anti-Doping-Politik des Schwimm-Weltverbands Fina gestellt hat - der hatte wegen der zerhämmerten Dopingprobe lediglich eine Verwarnung ausgesprochen -, macht seine Eltern stolz. Aber all die Folgen, sagte Vater Andrew The Australian, seien "nicht das, was wir erwartet haben, als wir unseren Sohn zum Sport geschickt haben"

© SZ vom 27.04.2020

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