Schwimmen:Krieg statt Champions League

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Schwimmen: Pause von der großen Bühne: Die International Swimming League kommt frühestens 2023 zurück.

Pause von der großen Bühne: Die International Swimming League kommt frühestens 2023 zurück.

(Foto: Giorgio Scala/Insidefoto/Imago)

Die International Swimming League bot vielen weniger prominenten Athleten ein wichtiges Zweiteinkommen. Doch wegen des Kriegs setzt die Serie aus - nicht alle schmerzt das gleichermaßen.

Von Sebastian Winter

Nach dem üblichen Winterschlaf zum Jahresbeginn tauchen die Beckenschwimmer von diesem Freitag an bei den Berlin Swim Open wieder auf - und es ist gleich ein richtungsweisender Wettkampf für die hiesige Elite. Schließlich geht es in der Hauptstadt bis Sonntag auch um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Budapest im Juni und die Europameisterschaft in Rom im August. Berlin ist nur eine Möglichkeit, die Normzeiten zu unterbieten; bis sich das Qualifikationsfenster am 14. April schließt, kommen für die Europäer weitere in Betracht, etwa in Eindhoven oder Stockholm.

Die Großereignisse in Budapest und Rom werfen also schon ihre Schatten voraus im nacholympischen Jahr. Ein völlig anderes Format fällt nun allerdings aus dem Wettkampfkalender - sehr zum Bedauern vieler Profischwimmer, gerade jener, die sich mit ihrem Beruf finanziell gerade so über Wasser halten können: die International Swimming League, kurz ISL.

Schwimmen: Eröffnungs-Show: Gründer Konstantin Grigorishin präsentierte 2019 seine Pläne, die auch die Spitzenschwimmer Katinka Hosszu (re.) und Adam Peaty (li.) unterstützten. Peaty hat sich inzwischen aber abgewendet - auch wegen unregelmäßiger Zahlungen.

Eröffnungs-Show: Gründer Konstantin Grigorishin präsentierte 2019 seine Pläne, die auch die Spitzenschwimmer Katinka Hosszu (re.) und Adam Peaty (li.) unterstützten. Peaty hat sich inzwischen aber abgewendet - auch wegen unregelmäßiger Zahlungen.

(Foto: Gian Mattia D'Alberto/LaPresse/Imago)

Das privatwirtschaftliche, hochspannende Format war 2018 vom ukrainischen Milliardär Konstantin Grigorishin aus der Taufe gehoben worden, als globaler Team-Wettkampf, in dem sich die besten Schwimmerinnen und Schwimmer der Welt messen sollen. Die Idee: Zehn Teams, die in Nordamerika, Europa und Asien stationiert sind, treten in großen, glitzernden Hallen, in Rom, Budapest oder Las Vegas gegeneinander an. LED-Shows und DJs inklusive. 2022 hätte die ISL in ihre vierte Saison gehen sollen. Doch Ende März teilte das Unternehmen mit, die Wettkämpfe wegen des Krieges in der Ukraine auf 2023 verschieben zu müssen. Der Gründer Grigorishin stammt aus der ostukrainischen Stadt Saporischschja, wo an den Ufern des Dnjepr nun der russische Angriffskrieg tobt. Wie es heißt, ist Grigorishins Energie-Unternehmen fast ausschließlich in der Ukraine tätig. Der reiche ISL-Mäzen dürfte gerade also ganz andere Sorgen haben, als insgesamt 13 Millionen Dollar Preisgeld an Athleten in einer Art Champions League des Schwimmens auszuschütten, wie er es für diese Saison geplant hatte.

Für Schwimmer, die nicht wie Sarah Sjöström, Adam Peaty, Caeleb Dressel oder Lilly King zu den Großverdienern ihres Sports zählen, ist das diesjährige ISL-Aus ein übler Rückschlag. Und davon gibt es viele. "Schwimmen ist nicht gerade der bestbezahlte Sport. Daher war ich der ISL sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung, auch weil ich nicht mehr nebenher arbeiten musste", sagt beispielsweise Kathrin Demler der SZ. Die 25-Jährige wurde im vergangenen Jahr für den Titelverteidiger Cali Condors in der ISL gedraftet - und mit Teamkollegen wie Dressel oder King hinter dem Konkurrenten Energy Standard (dessen fünf russische Athleten Grigorishin wegen des Krieges in der Ukraine suspendierte) Zweiter. "Ich habe es genossen, mit den Besten zu racen, und wollte das 2022 wieder tun. Das war eine unvergessliche, geile Erfahrung", sagt Demler.

Nicht nur aus sportlichen Gründen - Grigorishins Anliegen war es auch, die mehr als 300 Athleten, die jedes Jahr an der ISL teilnehmen, finanziell profitieren zu lassen mittels eines monatlichen Grundeinkommens sowie Prämien. Jene, die sich verpflichteten, an jedem ISL-Wettkampf teilzunehmen, erhielten mehr Geld, andere, die flexibler sein wollten, weniger. So erntete Sjöström beispielsweise als Topverdienerin 2021 angeblich fast 270 000 US-Dollar. Demler bekam 2020 nach eigenen Angaben immerhin 1500 Euro monatlich über zehn Monate hinweg, Prämien kamen hinzu. Im Jahr darauf lag ihr Grundverdienst niedriger, dafür gab es höhere Boni. Das war wichtig für eine, die erst seit Oktober 2021 im Perspektivkader des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) ist und seither ein paar hundert Euro Unterstützung von der Sporthilfe bekommt.

Schwimmen: "Ich habe es genossen, mit den Besten zu racen, und wollte das 2022 auch wieder tun": DSV-Schwimmerin Kathrin Demler, hier bei der Europameisterschaft in Budapest.

"Ich habe es genossen, mit den Besten zu racen, und wollte das 2022 auch wieder tun": DSV-Schwimmerin Kathrin Demler, hier bei der Europameisterschaft in Budapest.

(Foto: Philipp Brem/Gepa Pictures/Imago)

Die ISL hört sich nach einem kleinen Schlaraffenland an, doch ein Paradies auf Erden war auch sie nicht für die Schwimmer, die endlich mal aus dem Schatten weit populärerer Sportarten heraustreten wollten. Mehrere Athleten berichteten, dass Prämienzahlungen noch ausstehen, Peaty startete deswegen nicht mehr in der ISL. Auch DSV-Schwimmer Christian Diener, der wie Marco Koch an ISL-Wettkämpfen teilnahm, berichtete, dass ihm noch Geld fehle. Und Demler sagt: "Ich warte auch noch auf gewisse Teile meiner Einkünfte vom letzten Jahr, das ist alles etwas ungewiss."

Kritik regte sich auch von den Verbänden, denen die ISL eh ein Dorn im Auge war. Der Weltschwimmverband Fina torpedierte Grigorishins Projekt - das dieser, wie es heißt, einst wegen der Schwimmbegeisterung seines Sohnes initiierte - von Anfang an. Letztlich ohne Erfolg. Aber auch der DSV findet die Serie nach wie vor problematisch, vor allem, weil sie nicht in seine Wettkampf-Planung passt. "Grundsätzlich ist das ein hochinteressantes Wettkampfformat, aber der Zeitraum der ISL-Wettkämpfe hat sich immer mehr ausgedehnt, für 2022 wäre es mehr als ein halbes Jahr gewesen", sagt DSV-Sportdirektor Christian Hansmann der SZ: "Unser Fokus liegt auf der EM, der WM und auf Olympia, und nicht auf dem Finale der ISL. Und dass Athleten platt zu unseren Wettkämpfen oder Trainingslagern zurückkommen, damit haben wir auch ein kleines Problem."

Schwimmen: Profiteurin im ISL-Kosmos: Sarah Sjöström erntete dort als Topverdienerin 2021 angeblich fast 270 000 US-Dollar.

Profiteurin im ISL-Kosmos: Sarah Sjöström erntete dort als Topverdienerin 2021 angeblich fast 270 000 US-Dollar.

(Foto: Gian Mattia D'Alberto/LaPresse/Imago)

Dass die Fina die Weltmeisterschaft, die ursprünglich im Mai in Fukuoka hatte stattfinden sollen, nach vielem Hin und Her schließlich auf Ende Juni in Budapest verlegt hat, hat den DSV aber auch nicht gerade glücklich gemacht. Denn nun findet die deutsche Meisterschaft in Berlin im Rahmen der groß beworbenen "Finals" parallel zur WM statt. Die nationalen Titelkämpfe müssen daher wohl auch auf ihre Galionsfigur Florian Wellbrock verzichten, der bereits für die WM qualifiziert ist - und vielleicht auch auf Kathrin Demler, die in Berlin startet und sich dort für die WM qualifizieren könnte. Den Fokus hat sie nun, aber weniger finanzielle Sicherheit.

Die ISL betonte unterdessen, alle noch ausstehenden Prämienzahlungen begleichen zu wollen, und änderte inzwischen auch die Regeln, damit die Athleten flexibler zwischen ihren Wettkämpfen und jenen der Verbände pendeln können. Und sie schloss ihre Ankündigung, dieses Jahr auszulassen, mit einem fast flehentlichen Appell: "Wichtig ist, dass die ISL nicht verschwindet. Wir werden stärker zurückkommen." Die Frage ist nur, wann.

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