Chaos bei der Schwimm-EM:Open Water

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Chaos bei der Schwimm-EM: Verloren im aufgewühlten Meer: Ein Teilnehmer des 25-Kilometer-Wettbewerbs der Freiwasserschwimmer vor dem Lido di Ostia.

Verloren im aufgewühlten Meer: Ein Teilnehmer des 25-Kilometer-Wettbewerbs der Freiwasserschwimmer vor dem Lido di Ostia.

(Foto: Gian Mattia D'Alberto/dpa)

Bei der Schwimm-EM in Rom herrscht Chaos im Freiwasser. Zuerst werden Wettkämpfe wegen der hohen Wellen verschoben - und als sie doch stattfinden, müssen Athleten mit Jetskis gerettet werden. Leonie Beck holt trotzdem Gold.

Von Sebastian Winter

Leonie Beck kraulte, sie kämpfte, zehn Kilometer Schwimmen im Freiwasser sind ja schon bei ruhiger See eine klitzekleine Herausforderung. Wie muss das dann sein, wenn sich die Wellenberge so sehr türmen, dass man weder Bojen noch Begleitboote sieht? Beck, 25, die direkt am Wettkampfort, dem Lido di Ostia, bei Weltmeister Gregorio Paltrinieri trainiert, hatte dort am Abschlusstag der Schwimm-EM kurz vor dem Ziel die Orientierung verloren.

Statt Richtung Land schwamm sie schräg nach links Richtung offenes Meer. Doch die WM-Zweite von Budapest fand zurück und erreichte in einem dramatischen Endspurt noch als Erste das Ziel vor der Italienerin Ginevra Taddeucci und der Portugiesin Angelica Andre. "Es war ziemlich hart, sehr, sehr wellig", sagte Beck, sie habe mitunter "überhaupt nichts gesehen". Aber ihr Titel, der erste für die DSV-Frauen auf dieser Strecke seit Angela Maurers Erfolg 2006 in Budapest, war immerhin ein goldener Schlusspunkt für die DSV-Schwimmer - nach völlig chaotischen Tagen am Tyrrhenischen Meer.

Zunächst war der Start der Wettbewerbe wegen der hohen Wellen von Donnerstag auf Freitag verschoben worden, dann wurde er auf Samstag verlegt, die Mixed-Staffel sollte gar nicht mehr stattfinden. Doch das 25-Kilometer-Rennen wurde am Samstag trotz der Verschiebung zu einer Farce. Die rund zwei Dutzend Schwimmerinnen und Schwimmer kämpften sich durch meterhohe Wellenberge und -täler, viele verloren die Orientierung, andere gaben erschöpft auf, wurden mit Booten und Jetskis zurück an Land gebracht oder retteten sich selbst an den Strand.

Chaos bei der Schwimm-EM: Glücklich am Ufer: Leonie Beck findet den Strand - und den Weg zum Titel.

Glücklich am Ufer: Leonie Beck findet den Strand - und den Weg zum Titel.

(Foto: Gian Mattia D'Alberto/La Presse/AP)

Die verbliebenen acht Frauen und 13 Männer, darunter die Deutschen Elea Linka, Andreas Waschburger und Ben Langner, schwammen tapfer weiter, doch erst nach geschlagenen vier Stunden und zehn von 15 absolvierten Runden wurde der Wettkampf wegen zu starker Wellen abgebrochen - ohne Wertung. Gemäß den Regularien müssen bei einem Rennabbruch mindestens 15 Kilometer der Strecke bereits geschwommen sein, um den Wettkampf werten zu können. Das war zwar der Fall, wie es in einer DSV-Mitteilung hieß, aber wurde offenbar versäumt, das vorzeitige Ende ausreichend und rechtzeitig an die Schwimmerinnen und Schwimmer zu kommunizieren.

"Einige Athleten hatten gar kein Begleitboot mehr, es war sehr, sehr gefährlich. Als es abgebrochen wurde, gab es ein absolutes Chaos."

Als letzte Schwimmerin war Elea Linka aus den Fluten herausgekommen. "Wenn sich die Aktiven ein Jahr auf so eine Meisterschaft vorbereiten und dann kein Ergebnis ermöglicht wird, dann ist das mehr als ärgerlich und braucht auch eine Entschuldigung seitens der Len", sagte Freiwasser-Bundestrainer Constantin Depmeyer, auf den europäischen Verband bezogen: "Für unseren Sport ist so ein Tag leider als Rückschritt anzusehen." Die Entschuldigung des Europa-Dachverbands für Wassersport kam am Samstagabend, aber sie half dann auch nicht mehr viel.

DSV-Leistungssportdirektor Christian Hansmann zeigte sich tags darauf schockiert von der Fahrlässigkeit der Veranstalter: "Einige Athleten hatten gar kein Begleitboot mehr, es war sehr, sehr gefährlich. Als es abgebrochen wurde, gab es ein absolutes Chaos. Keiner wusste, schwimme ich weiter, wo muss ich hinschwimmen? Die Bojen waren nicht mehr zu sehen, weil die Wellen so hoch waren. Aus meiner Sicht haben sie zu spät abgebrochen und den Abbruch nicht richtig vorbereitet." Beziehungsweise: Warum startet man diesen Wettbewerb überhaupt, obwohl die eigenen Experten längst anhand der Wellenprognosen wissen, dass es auch am Samstagnachmittag wieder höchst ungemütlich werden wird?

Ein Grund dürfte der Zeitdruck gewesen sein, der auf den Veranstaltern lastete, die Wettbewerbe nach zweitägiger Verschiebung doch noch durchzuführen. Aber Hansmann sieht auch einen anderen Grund: jenen, unbedingt bella figura machen und den Badegästen schöne Wettbewerbe zeigen zu wollen - ohne besondere Rücksicht auf Athletinnen und Athleten: "Man hätte das bequem in einem See machen können hier in der Nähe. Die Anfrage wurde auch gestellt - unter anderem von unseren Trainern. Die Begründung dagegen war, dass man hier mit sehr viel Aufwand ein sehr großes Venue aufgebaut hat und Ostia auch eine Tradition hat. Das ist das Leistungszentrum der Italiener für Freiwasser. Die wollten das unbedingt hier stattfinden lassen."

Übrigens wurde am Sonntag auch der eigentlich abgesagte Mixed-Wettbewerb ausgetragen. In Ostia können sie nun jedenfalls froh sein, dass alle an Land gekommen sind an jenem denkwürdigen Samstag, an dem sich die Schwimmer zwischen Bergen und Tälern im Meer verloren.

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