Schwimmen:Die Seifenoper geht weiter

Deutschen Kurzbahnmeisterschaften 2021

Eines der Erlanger Aushängeschilder, Kellie Messel, trainiert inzwischen am Bundesstützpunkt in Heidelberg - was laut der TB-Funktionäre nichts mit dem Streit in Bayern zu tun hat.

(Foto: Mirko Seifert)

Der TB Erlangen streitet mit dem Bayerischen Schwimmverband vor Gericht: um seine Anerkennung als Mitglied, um das Leistungszentrum - und um die Deutungshoheit in diesem bizarren, von persönlichen Befindlichkeiten begleiteten Fall.

Von Sebastian Winter

Der Turnerbund 1888 Erlangen durfte sich kürzlich über einen wahren Medaillenregen freuen. Exakt 111 Mal Edelmetall gewannen die Schwimmerinnen und Schwimmer des TB bei den bayerischen Meisterschaften, die am 10. Oktober endeten. Für Amelie Zachenhuber, Julia Barth, die erst im Sommer Junioren-Europameisterin im Freiwasser über 5000 Meter geworden war, und die anderen Talente war das ein großer Erfolg. Und für ihren Cheftrainer Roland Böller wohl auch eine kleine Genugtuung - nach all den Streitereien, die sich durch das Jahr gezogen haben.

Es hat sich einiges getan in diesem Jahr am Schwimm-Traditionsstandort Erlangen. Unter anderem haben sie im vergangenen Juli mit Unterstützung der Stadt ein Elitezentrum eröffnet, das von Böller geleitet wird und in dem Talente in der Hannah-Stockbauer-Schwimmhalle, benannt nach der einstigen fünfmaligen Weltmeisterin, die im TB groß wurde, heranreifen sollen. Dort fehlt nun zwar in Kellie Messel, 17, eine von Erlangens größten Nachwuchshoffnungen. Ihr Wechsel an den Bundesstützpunkt nach Heidelberg habe laut TB-Präsident Matthias Thurek aber ausschließlich sportliche Gründe gehabt, "mit den Streitigkeiten hatte das nichts zu tun".

04.09.2021 - Schwimmen - Empfang von Taliso Engel ( Gold-Medaillen-Gewinner im Schwimmen der Paralympics 2020 ) nach den; harald walter nürnberg erlangen schwimmen

Der BSV-Präsident bei einer seiner angenehmeren Aufgaben: Harald Walter (von links) ehrt Paralympics-Goldgewinner Taliso Engel vom 1. FC Nürnberg. Cheftrainer Jochen Stetina und Sportbürgermeister Christian Vogel dürfen auch aufs Foto.

(Foto: Daniel Marr/Zink/Imago)

So viel sich verändert hat in Erlangen in den vergangenen Monaten, eine Konstante ist geblieben: der ausufernde, von kaum mehr zu überblickenden juristischen Klagen begleitete Zwist mit dem Bayerischen Schwimmverband (BSV). In diesem epischen Wettkampf konnte der Turnerbund zuletzt kleinere Punktsiege feiern. Jedenfalls schrieb der BSV am 7. Oktober auf seiner Homepage: "Durch einen Beschluss im einstweiligen Verfügungsverfahren ist bis zum Abschluss eines Hauptsacheverfahrens der TB 1888 Erlangen einstweilen als Mitglied des BSV gemäß Satzung zu behandeln."

Es war ein einziger Satz, verfasst in bestem Juristendeutsch, was schon einiges aussagt über das Verhältnis des Verbandes und seines einstigen Vorzeigevereins. Vielmehr das Nichtverhältnis der beiden Streithähne, die längst nur noch über ihre Anwälte kommunizieren. Außerdem dürfen Erlangens Schwimmer - vorerst - durch eine weitere Einstweilige Verfügung nun wieder für ihren Verein an Wettkämpfen teilnehmen, das war ihnen ja seit dem 9. Mai verboten. Damals hatte der BSV den Turnerbund per Präsidiumsbeschluss ausgeschlossen. Die Begründung: "Verbandsschädigendes Verhalten."

Erlangens Schwimmer starteten daraufhin unter dem Namen "Landesverband Bayern" bei Titelkämpfen wie der deutschen Meisterschaft, allerdings lief dieses provisorische Startrecht nur bis 31. August. "Mit dem 1. September haben uns der BSV und der Deutsche Schwimm-Verband komplett aus der Schwimmwelt ausradiert, wir hatten keinen Zugriff mehr auf Meldeportale", sagt Thurek; obwohl er auf eine Verlängerung des Startrechts gedrängt habe. Daraufhin wechselten Erlangens Schwimmer zum knapp 20 Kilometer nördlich gelegenen SSV Forchheim. Nun, sieben Wochen später, also wieder die Rückabwicklung.

Mit der vorzeitigen Verlegung des Stützpunkts gingen dem TB Fördermittel und Sponsoren verloren - und auch der Vertrag des langjährigen Landestrainers lief aus

Die Fehde zwischen dem TB und dem BSV schwelt schon länger, im Kern geht es um die Frage, ob die Verlegung des Landesstützpunktes von Erlangen nach Nürnberg zum 1. Januar 2021 rechtens war. Denn der TB beruft sich auf unterschriebene Verträge, die nach seiner Sicht bis zum Ende des Olympiazyklus 2024 datiert waren. Für Erlangen hatte die Verbandsentscheidung heftige Folgen, das Ende als Landesstützpunkt hinterließ nicht nur einen Imageschaden, auch Fördermittel und Sponsoren gingen verloren. Der Vertrag des langjährigen Landestrainers Roland Böller, bislang mischfinanziert vom BSV und dem TB, wurde ebenfalls nicht verlängert. Erlangens Schwimmer wollten zum Großteil aber bei Böller bleiben - und nicht an den neuen Stützpunkt nach Nürnberg wechseln.

Der Verein wirft dem Verband einen Kartellrechtsverstoß vor, fordert Schadenersatz - seit Mitte März wird all das in einem weiteren Prozess am Landgericht Nürnberg-Fürth verhandelt, am 28. Oktober wird das Urteil erwartet. Gegen Böllers Demission läuft die nächste Klage, der Verein beschäftigt ihn unterdessen aus eigenen Mitteln als Cheftrainer - und neuerdings als Leiter des gerade aus der Taufe gehobenen Elitezentrums - weiter.

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Erlangens Cheftrainer Roland Böller.

(Foto: Camera 4/Imago)

Der BSV hatte den Umzug des Landesstützpunktes mit besseren Bedingungen in Nürnberg logisch begründet, wo es mit zwei Bädern in Langwasser und beim 1. FC Nürnberg sowie dem Bertold-Brecht-Gymnasium als Eliteschule des Sports eine sehr gute Infrastruktur für die Talente gibt. Ein Sportinternat soll dort außerdem entstehen. "Wir wollen gar nicht den Stützpunkt nach Erlangen zurückholen, sondern haben uns mit dem Umzug arrangiert", sagt Thurek nun.

Es gehe dem TB-Präsidenten und seinen Mitstreitern vielmehr "um die Rechte unserer Mitglieder und das Schwimmen an sich". Und auch darum, so klingt es durch, nicht von oben herab vom BSV behandelt zu werden, "von der Verbandsmacht", dieser Begriff fällt oft in diesen Monaten. Sie fühlen sich in einem Kampf David gegen Goliath. Daher die vielen Klagen, offenbar seither um die 30, mit denen Erlangen den BSV überzieht. Inzwischen gibt es auf der Vereins-Homepage eine eigene Rubrik: "TB-Schwimmen vs. BSV".

Verbandschef Walter hat den Erlanger Stützpunkt einst mit aufgebaut - bis es 2016 offenbar zum Zerwürfnis kam

Aber längst nicht alle aus dem Verein sind da einer Meinung mit dem Präsidium, ein langjähriges Mitglied, das nicht genannt werden möchte, kritisiert, dass das Präsidium die Mitglieder erst viele Monate nach Beginn der Klagewelle darüber informiert habe: "Die Vereinsführung hat nicht so ein glückliches Händchen bei der Kommunikation, man kommt sich abgehängt vor." Und zu wenig informiert, was beispielsweise die Prozesskosten angeht.

Matthias Thurek TB Erlangen

"Ich finde es bitter, dass man es nicht schafft, über seinen Schatten zu springen und in Gespräche einzusteigen": Matthias Thurek, Präsident des TB Erlangen.

(Foto: Imago)

Die Geschichte hat auch noch eine persönliche Ebene, denn der heutige BSV-Präsident Harald Walter hat den Landesstützpunkt als damaliger Schwimm-Abteilungsleiter des TB Erlangen mit aufgebaut - bis es 2016 offenbar zum Zerwürfnis mit Böller kam. So schilderte es jedenfalls Thurek der SZ im Mai. Böller selbst sprach von einem "Vertrauensverlust, der deutliche Risse in der zuvor guten Zusammenarbeit hinterließ". Die Gründe, die dazu führten, möchten beide nicht nennen. Walter sagte der SZ damals, er könne "definitiv eine Fehde ausschließen".

So geht es seit vielen Monaten, es gibt Klagen über Klagen, den Vorwurf der Verfahrensverschleppung, der TB hat schon diverse Befangenheitsanträge gegen Richter gestellt. Und beide Seiten bezichtigen einander, wenn man mit ihnen spricht, der Lüge. Walter möchte sich öffentlich nicht weiter äußern, wegen der vielen schwebenden Verfahren. Der BSV-Rechtsreferent Klaus Woryna sagt der SZ: "Ich finde das Ganze unerträglich, denn hier geht es schon lange nicht mehr um Inhalte. Der Verein sollte das Geld lieber in seine Sportler investieren. Es ist einfach ein schlechtes Soap-Opera-Drehbuch." Im Übrigen sei der BSV in all den Verfahren immer Beklagter gewesen, kein einziges Mal Kläger.

Thurek findet es "bitter, dass man es nicht schafft, über seinen Schatten zu springen und in Gespräche einzusteigen". Andererseits haben es beide Seiten auch bei einem Schlichtungsversuch in München im Sommer verpasst, sich anzunähern. Die Schwimmseifenoper, so ist anzunehmen, endet nicht in diesem Jahr.

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